"Mammut" mit Michelle Williams Mama Kindermädchen


Höher, schneller, weiter. Auf der Karriereleiter geht es nur bergauf - zumindest für Internetspiele-Vermarkter Leo (Gael García Bernal) und Chirurgin Ellen (Michelle Williams). Für ihre Tochter Jackie bleibt da nur noch wenig Zeit. So wird Kindermädchen Gloria zum Mutterersatz - und muss gleichzeitig ihre Familie auf den Philippinen ernähren.

Der 41-jährige Schwede Lukas Moodysson gilt seit seinem furiosen Debüt "Raus aus Åmål" ("Fucking Åmål") im Jahr 1998 als einer der wichtigsten europäischen Drehbuchautoren und Regisseure. Wie vor rund zwölf Jahren der Erstling, so offeriert auch sein jüngster Spielfilm "Mammut" einen düsteren Blick auf die bürgerliche Welt. Doch zur Uraufführung bei den diesjährigen Internationalen Filmfestspielen Berlin gab es sowohl Bravo- als auch Buh-Rufe - der Film spaltet Publikum und Kritik.

Die internationale Gemeinschaftsproduktion, die mit deutscher finanzieller Beteiligung realisiert wurde, führt nach New York City: Internetspiele-Vermarkter Leo (Gael García Bernal) und Chirurgin Ellen (Michelle Williams) leben in Wohlstand. Tochter Jackie (Sophie Nyweide) fehlt es an nichts. Das fürsorgliche philippinische Kindermädchen Gloria (Marife Necesito) sorgt rund um die Uhr für die Achtjährige.

Bei aller Hingabe aber kann Gloria die fehlende Liebe der Eltern nicht wirklich ausgleichen. Leo und Ellen spüren das. Doch ihre Energie reicht gerade mal dazu, sich noch stärker der Karriere oder flüchtigen erotischen Abenteuern zu widmen. Das Kindermädchen trägt die Last der Erziehung allein. Dabei quält sie schwerer Kummer: In New York schuftet sie nur, um die daheim in bitterer Not lebende Familie über Wasser zu halten.

Bei derartigen Prämissen muss die Handlung zwangsläufig in ein Drama münden. Doch Lukas Moodysson erfüllt die Erwartungen nicht geradlinig. Er hat das Geschehen in viele Parallelmontagen aufgelöst. Damit vermeidet er ein Ableiten in Sentimentalität. So klug das ist, so problematisch ist es zugleich. Auf der Berlinale jedenfalls, so lässt es die dort heftige Ablehnung des Films vermuten, hat dies für einen Großteil der Zuschauer den Zugang zum Geschehen erschwert.

Dabei bietet Moodysson eine lohende, gedankenreiche und kritische Betrachtung der sogenannten westlichen Welt, die durch die Globalisierung scheinbar immer überschaubarer wird, dem Einzelnen in der rauschhaften Jagd nach mehr und mehr Karriere, Wohlstand und Profit jedoch keinen Raum mehr zur individuellen Entfaltung gibt. Wie dieses große philosophische Thema hier auf den kleinen Ausschnitt einer Familie projiziert wird, das ist überaus spannend.

Die durchweg exzellent agierenden Schauspieler geben dem Film zudem eine fesselnde Dichte. Allerdings bewahrt auch das nicht davor, dass am Ende ein großes Fragezeichen für weitere Verwirrung sorgt: Ist die Schlussszene eine Verklärung oder eine Absage an traditionelle Familienmuster? Beide Lesarten sind denkbar, und beide irritieren. Wer sich darauf einlassen kann, verlässt das Kino mit vielen Anregungen, über den Zustand der Welt nachzudenken.

Peter Claus, DPA DPA

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