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"Miami Vice": Stil siegt über Substanz

Drogen, Waffen, schnelle Autos - davon lebt die Neuauflage des TV-Klassikers "Miami Vice". Im 21. Jahrhundert ist kein Platz mehr für Pastellfarben, Crockett und Tubbs tragen heute Armani und drängen Leichtfüßigkeit und Ironie in den Schatten.

Von Susanne Burg

Mit Drei-Tage-Bart, Designer-Anzügen und pastellfarbenen Autos rasten die Cops Sonny Crockett und Ricardo Tubbs einst durchs subtropische Miami und jagten Gangster, während auf Crocketts heimischem Hausboot Alligator Elvis brav auf sein Herrchen wartete. Michael Mann schuf in den Achtzigern als Produzent von "Miami Vice" eine Fernsehserie, die Ästhetik und Mode nachhaltig beeinflusste. Jetzt sich Michael Mann als Regisseur an eine Neuverfilmung fürs Kino gemacht - und sie hat nur wenig mit der alten Serie zu tun.

Ironie in ersten Zeiten

"Miami Vice", das von 1984 bis 1989 für die Reagan-MTV-Generation lief, war eine ironische Fernsehserie in einer unironischen Zeit. Crockett und Tubbs waren cool und in ihrem flamboyanten Aufzug eigentlich schon damals ziemlich metrosexuell, wobei das Metrosexuelle nur funktionierte, weil Crockett und Tubbs gleichzeitig schwere Waffen mit sich herumtrugen und dicke Autos fuhren. "Miami Vice" war pastellfarbenes Hochglanz-Fernsehen, das im Kino hätte laufen können. Und es liegt eine gewisse Ironie darin, dass Michael Mann jetzt, da "Miami Vice" ein Kinofilm ist, mit einer wackeligen Digitalkamera in High Definition und meistens nachts gedreht hat. Aber, erklärt der Regisseur, wir leben eben nicht mehr in den dekadenten 80er Jahren, sondern im globalisierten Jahr 2006. Und da muss sich der Stil anpassen. "Mich haben der Drogenhandel und die dunkle Seite der Globalisierung interessiert", sagt Mann. Deswegen geht es im neuen "Miami Vice" um kolumbianische Drogenbosse, die flink und flexibel im Verborgenen und über Ländergrenzen hinweg agieren. Für Leichtfüßigkeit und Ironie ist da kein Platz mehr.

Die Geschichte beginnt mit dem Mord an zwei Undercover-Agenten, die sich in ein lateinamerikanisches Drogenkartell eingeschleust haben. Es gibt eine undichte Stelle im Sicherheitsnetz des FBI, und weil weder mit Bundesbehörden noch mit Drogenbaronen zu spaßen ist, müssen Crockett und Tubbs ran, die härtesten Drogenfahnder der Polizei von Miami. Logisch auch, dass die beiden die schnellsten und schnittigsten Autos, Flugzeuge und Schnellboote Miamis brauchen. Der Fall ist groß. So groß, dass die Filmkosten mit 150 Millionen US-Dollar um ein Drittel höher lagen als der jährliche Etat der Polizei von Miami.

Stilistische Fingerübung

Colin Farrell hat das Erbe von Don Johnson als Sonny Crockett angetreten. An seiner Seite spielt Jamie Foxx den zweiten Drogen-Fahnder Ricardo Tubbs. Die Handlung springt von Paraguay nach Haiti, von Kolumbien nach Kuba, und man hat sie ganz schnell wieder vergessen, denn auch dem Regisseur scheint der Plot nicht so wichtig zu sein. Gefühle entwickelt man für keine der Figuren, denn Mann arbeitet die Charaktere nicht aus, sie bleiben blutleer, ihre Handlungen und Motivationen unklar. Warum etwa lässt sich die toughe und skrupellose Gangsterbraut Isabella (Gong Li) auf Sonny Crockett ein, der sich undercover in das Drogenkartell eingeschleust hat? Warum entdeckt sie plötzlich ihr zartes und verletzliches Herz? Nebensächlich, scheint Michael Mann zu sagen und setzt lieber eine Bootsfahrt in Szene: die beiden Flirtenden rasen mit einem Speedboat eben mal über den tiefblauen Ozean nach Kuba, um dort einen Mojito zu trinken. "Miami Vice" ist keine Liebesgeschichte. Es ist auch kein Politthriller und eigentlich auch kein Actionfilm, denn eine richtige Schießerei gibt es erst am Ende des Filmes. "Miami Vice" ist eine Art stilistische Fingerübung.

Hart, leise, launisch

Jamie Foxx und Colin Farrell stehen in Armani-Anzügen über den Dächern von Miami, unter ihnen ein Lichtermeer, hinter ihnen ein satter, dunkel rötlicher Himmel. Bildgewaltig inszeniert der 63-jährige Regisseur rostige Tanker, aseptisch erscheinende Nachtclubs und dunkle Kellerlöcher in Haiti. Als Gegensatz dazu erscheint das fast grelle Weiß einer Luxusvilla. Verfall und Überfluss prallen immer wieder aufeinander. Der körnige Look lässt beides zugleich naturalistisch und wie im Traum erscheinen. Als "Neo-Noir" bezeichnete die "New York Times" jubilierend den Film: "Hart, leise, launisch. Nachts ist der Himmel voller Bedrohung und bei Tag sieht selbst die Sonne so aus, als wolle sie etwas verbergen."

Dass Michael Mann ein Meister des Stils ist, her der US-Amerikaner schon in "Collateral" und in "Heat" bewiesen. Aber während sich bei den beiden Filmen Stil und Inhalt fügten, kommt bei "Miami Vice" nichts zusammen. Der Film besteht aus Oberfläche. Die ist zwar spektakulär, aber Stil hat über Substanz gesiegt. Und das ist weniger sensationell.