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Interview Michael Mann: "Es geht nur um den Thrill"

Sein neuestes Werk "Miami Vice" macht schon jetzt Schlagzeilen, verzückt und entsetzt die Fans der 80er-Jahre-Serie. Im stern.de-Interview spricht Regisseur Michael Mann über Nostalgie, Polizeialltag, Hurrikans und zahme Alligatoren.

Mr. Mann, was sagen Sie Ihren Zuschauern, die Flamingos, zahme Alligatoren, Tangas und Jan Hammers weltberühmten Soundtrack erwarten?

Ich sage ihnen, dass ich kein Nostalgiker bin. Zurück ins Miami der 80er Jahre, das interessiert mich nicht. Die Welt hat sich verändert, Miami hat sich verändert. Und wir wollten das echte Miami zeigen.

Haben Sie das damals auch, oder haben Sie Miami fürs Fernsehen erfunden?

Sie meinen die Outfits, die Moden, Farben und so weiter? Das war alles schon da. Miami war ziemlich wild, eigentlich eine einzige Übertreibung.

Man denkt sofort an Dreitagebärte und knittrige Leinenjacketts.

Die Serie war aber auch ziemlich hart. Erinnern Sie sich bitte, es sind Figuren ums Leben gekommen, und Don Johnson hatte es von Anfang viele Probleme, auch mit den Frauen.

Stimmt es, dass die Idee, "Miami Vice" fürs Kino zu verfilmen, von Jamie Foxx kam, mit dem Sie "Ali" und "Collateral" gedreht haben?

Ja, er warf das mal so hin, und ich habe gelacht und gedacht, das kannst du vergessen. Ich habe es aber nicht vergessen. Immer wieder spukte mir die Idee im Kopf rum, und plötzlich fiel mir ein, was mich daran noch interessieren könnte. Undercover! Es geht um das Leben von Undercover-Agenten, Sonny Crockett und Ricardo Tubbs infiltrieren die Drogenszene. Diesen Aspekt haben wir in der Fernsehserie vernachlässigt. Was geht in jemandem vor, der seine Identität aufgibt und vorgibt, ein anderer zu sein? Was geschieht, wenn man die wahre Liebe findet - aber im falschen Leben? Verliert man seine Ziele aus den Augen, verliert man sich selbst? Ich habe über die Jahre viele Polizisten kennengelernt, die verdeckt gearbeitet haben. Es verändert einen unglaublich. Einer der Jungs hatte bei seiner Undercover-Arbeit gelernt, Geld zu waschen, er verschob jeden Tag Millionen von Dollars. Als er einmal Krach mit seinem Vorgesetzten hatte, sagte er nur: Was willst du, ich kann jederzeit kündigen, ich weiß, wie ich zu Kohle komme. Fand ich übrigens sehr komisch.

Können Sie nachvollziehen, weshalb Polizisten so einen gefährlichen Job machen?

Aber ja. Es geht nur um den Thrill. Das treibt sie an. Diese Ganoven glauben mir tatsächlich, dass ich einer von ihnen bin - he, bin ich gut!

Ihr Film hat mindestens 135 Millionen Dollar gekostet. Fachleute fanden es riskant, da einem einigermaßen unbekannten Schauspieler wie Colin Farrell die Hauptrolle zu geben,

Aber er ist doch gut, oder? Ich brauchte jemanden, der in einen einzigen Blick eine ganze Geschichte legen kann. In einer Szene schaut er nur aus dem Fenster, und der Zuschauer weiß sofort, dass Sonny Crockett von seinem Doppelleben aufgefressen wird.

Sie lieben das Aus-dem-Fenster-Blicken und andere melancholische Stimmungsbilder. Kritiker sagen, das sei der Michael-Mann-Stil. Ich mache Filme einfach so, wie ich es mag. Mir geht es nicht um Stil. Sondern um starke Geschichten und starke Konflikte.Konflikte gab es auch bei den Dreharbeiten: Sie wurden unterbrochen für Katrina, Rita und Wilma. Ja, wir hatten dramatisches Wetter, um es mal milde auszudrücken. Aber wenigstens konnten wir ein paar tolle Wolkenaufnahmen im Film unterbringen.Colin Farrell meldete sich kurz nach der letzten Klappe zum Drogenentzug an. Was soll ich sagen? Die Jungs haben es krachen lassen. Colin hat aber nicht einen einzigen Drehtag verpasst. Eben ein Profi.Und jetzt mal im Ernst: Wo ist Elvis geblieben, Sonnys zahmer Alligator? Oh, Mann, das war damals schon eine alberne Idee. Sagen wir so, wir haben ihn entsorgt.Interview: Christine Kruttschnitt