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"Miami Vice": Pretty in pink

Auf der Leinwand erleben Sonny Crockett und Ricardo Tubbs gerade ihr Comeback. Der Stil, mit dem ihre Serie "Miami Vice" die Achtziger prägte, hat bis heute Spuren hinterlassen - pastellfarben und seidig glänzend.

Von Claudia Pientka

Wer David Beckham für den Erfinder der Metrosexualität hält, irrt. Denn lange bevor der Fußballer sich die Nägel lackierte und seine Accessoires saisonal wechselte, hatten bereits zwei TV-Polizisten aus Miami die Männermode revolutioniert. Sonny Crockett und Ricardo Tubbs, gespielt von Don Johnson und Philip Michael Thomas, wagten einen Kleidungsstil, der in Teilen höchstens Golfjungen oder Zuhältern vorbehalten war, und beanspruchten Pflegeprodukte, die weit übers Aftershave hinausgingen. Das Erstaunliche daran war: Sie waren cool darin.

Als die TV-Serie "Miami Vice" 1984 auf Sendung ging, mutierte sie innerhalb kürzester Zeit zum Lifestyle-Magazin der Achtziger. Vom eingeblendeten Art-Deco-Schriftzug über die pinkfarbenen Flamingos bis zur Ray-Ban-Wayfarer-Sonnenbrille: Was man hier hörte, sagte und trug, war "in". Denn Crockett und Tubbs waren nicht nur beinharte Cops, die im subtropischen Florida Gangster und Dealer dingfest machten, sie waren lässige Typen: Sie hörten die richtige Synthesizer-Musik, wohnten, wie Crockett, auf einem Hausboot samt Alligator "Elvis" als Haustier und fuhren natürlich die schicksten Schlitten. Sie mutierten zu Stilikonen eines Lebensstils, der Mode und Muskeln, Ferrari und Verbrechen vereinte.

Harter Bulle in pinkfarbenem Shirt

Am Herausragendsten aber waren die Kleider der Hauptdarsteller. Als Undercover-Cops mussten sie keine langweiligen Uniformen tragen, sondern durften das karibische Lebensgefühl in jeder Faser zur Schau tragen. Was sich früher höchstens alternde Gigolos trauten, wurde dank Crockett und Tubbs Kult: pastellfarbene Sakkos mit hochgekrempelten Ärmeln, darunter, ebenfalls in sanften Farben, T-Shirts statt gebügelter Hemden. Die Füße steckten in Wildleder-Slippern, Socken waren meist verpönt, es sei denn, die Schuhe waren weiß, dann wurden sie mit grauen Strümpflingen kombiniert. Statt maßgeschneiderter Falten schmiegten sich weiche Anzüge an die gestählten Körper, statt steifer Kragen flossen Leinen und Seide; die Hosen fielen in zahllosen Bundfalten von der Hüfte. Dank der weichen Stoffe wurde der Trend der Achtziger geboren: hochgekrempelte Sakko-Ärmel. Ein Stilbruch, der nur deswegen funktionierte, weil ihn zwei unglaublich coole Typen wagten.

Und diese Coolness musste kultiviert werden, nur Pastell vor pinkfarbener Kulisse wäre vermutlich selbst der hart gesottenen Fangemeinde zu viel Plüsch gewesen. Also trugen die Helden keine glatt rasierten Wangen, sondern kratzige Bartstoppeln und waren mit den modernsten Waffen ausgestattet, die aus dem Brustgurt unterm Sakko herauslugten. Macho-Gehabe und Street-Credibility versus Mädchenfarben und Monstermähne. Waffenexperten berieten die Serienmacher, neben den aktuellen Automatik-Pistolen kam sogar eine vergoldete Waffe zum Einsatz, die später in Saddam Husseins Palast in Bagdad gefunden wurde.

Versaces Miami-Mode

Der Laissez-Faire-Stil der Anzugmode wird eng mit dem Namen Armani verknüpft, denn der Italiener war einer der Designer, der die Männer aus steifen Kostümen befreite und sie in fließende Gewänder steckte. Dennoch verkörperte keiner den Miami-Schick so elegant und authentisch wie Gianni Versace. Der lebte nicht nur in Miamis Bonbonwelt, sondern starb auch in ihr: 1997 wurde er direkt vor seiner Villa am Ocean Drive erschossen. Jetzt lässt seine kleine Schwester Donatella, passend zum Filmstart - die Deutschland-Premiere ist am 24. August -, die Pastell-Parade in ihrer Frühjahrs-/Sommer-Kollektion wieder auferstehen. Der "New York Times" erklärte sie den Retro-Look: "Miami und 'Miami Vice' stehen für eine magische Zeit in den 80ern, farbenfroh und auf ihre Weise exzessiv."

Donatella Versace gehört zu den wenigen Designern, die sich vom Miami-Spirit haben inspirieren lassen. Das mag vor allem an den völlig anderen Kulissen der Kinoversion liegen: Statt in Anzügen in türkis, bleu und rosa zu leuchten, müssen sich Kino-Crockett Colin Farrell und Rico alias Jamie Foxx in graue und braune Zweiteiler zwängen, statt vor palmengerahmten Sonnenuntergängen werden Gangster in fieser Großstadt-Tristesse geschnappt, statt Don Johnsons blonder Wuschelmähne müssen sich die Frauen an Farrells glatt gegeltem Schopf ergötzen.

Modisch wird die Neuauflage sicher weniger Einfluss haben, als es das 1989 endende Original tat; finanziell war das Premierenwochenende in den USA bereits eine Enttäuschung: nur 25 Millionen Dollar. Dabei wollten die Hauptdarsteller neue Maßstäbe in Sachen Coolness setzen. Don Johnson hatte sich übrigens geweigert, Farrell gute Ratschläge für seine Rolle als Sonny Crocket zu geben. Seine modischen Spuren hat Johnson ohnehin schon hinterlassen. Zwar sind Bundfalten und Bonbonfarben wieder verpönt, aber die Kombination von T-Shirt und Sakko hat ihren festen Platz in der Männer-Modewelt - von David Beckham bis zu echten Kerlen wie Stefan Raab.