"No country for old men" Ein Monster ist geboren

Psychokiller wie Anton Chigurh können nur auf einem verlassenen Highway in der texanischen Wüste geboren werden. Der neue Film der Coen-Brüder erzählt von der Jagd auf Menschen, dem Zufall des Sterbens und hat der Filmgeschichte einen monströsen neuen Bösewicht hinzugefügt.
Von Sophie Albers

Der Psychokiller gehört zu den beliebtesten Figuren des Kinos. Weil der Nervenkitzel so monströs ist wie seine Taten, werden seine Geschichten immer wieder erzählt - von "Das Schweigen der Lämmer" bis "Zodiac". Gerne gesehen sind vor allem bizarre Tötungsarten.

Schauspieler haben ihre Karrieren mit der Darstellung dieser Mörder begründet. Was wäre Anthony Perkins ohne Norman Bates, was Christopher Walken ohne Vincenzo Coccoti, was Anthony Hopkins ohne Hannibal Lector. Nun haben die US-Regisseure Ethan und Joel Coen der Liste der Schrecklichkeiten einen Namen hinzugefügt: Anton Chigurh. Und wäre er eine Spielkarte, die Originalität seines Mordinstruments hätte wohl die höchste Punktzahl: ein portables Bolzenschussgerät.

Gleich zu Beginn stellen die Coens klar, dass Chigurh ein Killer der ganz üblen Sorte ist. Ein Mann mit einem Pottschnitt und stoischem Gesichtsausdruck wird verhaftet, der Hilfssheriff setzt ihn mit Handschellen in sein Büro, dreht ihm den Rücken zu, um Papierkram zu erledigen. Es folgt ein Todeskampf der heftigen Art, denn der Mann mit der albernen Frisur stranguliert den Gesetzeshüter mit seinen Handschellen. Mehr Einführung als diesen ekstatischen Blick ins Nichts, während der Mörder sein strampelndes Opfer umklammert hält, braucht Chigurh nicht. Ein Monster ist geboren. Und dieses Monster schicken die Coens auf die Jagd.

Das Geld anderer Leute

Ein Trailerpark-Bewohner hat einen Koffer voller Geld mitgehen lassen, als er die Spuren einer zusammengeschossene Drogenübergabe mitten in der texanischen Wüste gefunden hat. Das wollen die Drogenbosse geklärt wissen. Zwar wird nicht ganz klar, warum der Mann mit Namen Llewelyn Moss (Josh Brolin) eigentlich den ganzen Ärger auf sich nimmt, um als Millionär in die Bolzenschussbahn zu geraten, doch entpuppt sich der Vietnam-Veteran als Gegner auf Augenhöhe für den Killer.

Die Drogenmafia schickt sogar gleich mehrere Männer, um den Dieb zu stellen. Am weitesten kommt selbstredend der, der keine Gefangenen macht. Chigurh tötet bei Gelegenheit, wenn ein Mensch etwas hat, das er brauchen könnte - sei es ein Wagen oder Informationen - oder auch einfach nur im Weg ist, greift er zu seiner durchschlagenden Waffe.

Tommy Lee Jones' Gesichtslandschaft

Da es sich um einen Coens-Film handelt, gibt es auch noch ein bisschen Weisheit, einen distanzierten Blick auf das Geschehen, der seinen Gegenpart in den zynischen Sprüchen vor dem Sterben und Sterben lassen findet. Tommy Lee Jones spielt den alten Sheriff, der nicht fassen kann, dass Menschen die Ruhe in seinem Territorium zerstören und der die Spuren der Jagd liest, um dem Zuschauer nebenbei ein bisschen die Welt zu erklären.

"No country for old men" erzählt von harten Kerlen in einem harten Land, und dem Pech, sich auf ein Gespräch mit Chigurh einzulassen. Denn der redet natürlich manchmal auch ganz gerne, bevor er tötet. Wie Psychokiller das eben so tun, damit die Minute, die es braucht ein Leben auszulöschen, auch leinwandtauglich ist. Trotz all der Toten ist es ein entspannter Film mit grandiosen Bildern, vor allem aber eben die Geburtststunde eines neuen Kino-Killers.

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