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"Novemberkind": Die tote Mutter kehrt zurück

In seinem Spielfilmdebüt "Novemberkind" schlägt Regisseur Christian Schwochnow ein kaum berührtes Kapitel der DDR-Geschichte auf: Eine Mutter flieht in den Westen und lässt ihre sechs Monate alte Tochter zurück. Der erzählt man, die Mutter sei ertrunken - bis sie 25 Jahre später wieder auftaucht.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Es ist wie in diesem Udo-Jürgens-Lied: Ein Mann sagt, er wolle mal eben Zigaretten holen gehen und überlegt dann, nie wieder zurückzukehren. In "Novemberkind" kündigt eine junge Frau an, sie werde bei der Apotheke ein Fiebermittel für ihre kleine Tochter besorgen, und gibt das sechs Monate alte Kind bei ihren Eltern ab. Dann ist sie weg. Sie folgt ihrer großen Liebe, flüchtet mit einem Deserteur der Roten Armee aus der DDR in den Westen. Es ist seine einzige Chance. Er wird per Haftbefehl gesucht, ihm droht die Todesstrafe. Inga (Anna Maria Mühe), so heißt das kleine Mädchen, erfährt nichts von all dem. Sie wächst in dem Glauben auf, ihre Mutter sei in der Ostsee ertrunken.

Doch als Inga 25 Jahre alt ist, taucht der Konstanzer Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) auf. Er erzählt, er habe ihre Mutter getroffen. Da wird Inga plötzlich klar, dass sie die ganze Zeit belogen wurde. Die Großeltern sind überfordert und antworten mit dem abgegriffenen Satz: "Wir wollten dich nur schonen." Kein Trost für Inga, die plötzlich nur eine Frage quält: "Warum hat meine Mutter mich zurückgelassen?"

Vergessenes Thema Zwangsadoption

Es mag Gründe geben, warum Familiengeheimnisse oft Familiengeheimnisse bleiben. Doch hat nicht jeder ein Recht auf die Wahrheit, egal, wie sehr sie schmerzt? Und: Welche Konsequenzen hat das Schweigen? Regisseur Christian Schwochow erzählt in seinem berührenden Drama und Spielfilmdebüt davon, wie sich eine junge Frau auf die Suche nach ihrer Mutter macht - und damit auch nach der eigenen Identität. Gleichzeitig schlägt der Regisseur damit ein bisher kaum berührtes Kapitel der DDR-Geschichte auf: die Zwangsadoption zurückgelassener Kinder von Republikflüchtlingen. Noch heute, 19 Jahre nach dem Fall der Mauer, suchen Familien aus dem Osten nach in den Westen geflohenen Verwandten. Historiker sprechen von ein paar hundert Fällen, Selbsthilfeorganisationen von ein paar tausend.

Deshalb ist "Novemberkind" auch nicht nur "ein weiterer Ost-Film". Die Geschichte der DDR ist ohne die Geschichte der Fluchtbewegung kaum zu verstehen. Seit 1950 wurde das illegale Verlassen der DDR strafrechtlich geahndet, Mitte der 50er Jahre galt Republikflucht als Verrat, 1957 wurde es direkt unter Strafe gestellt. Was die Fluchtwilligen nicht abschreckte: Zwischen der Staatsgründung der DDR 1949 und dem Mauerbau 1961 flüchteten rund 2,7 Millionen Menschen. Da die Grenzsicherungen erst nach und nach ausgebaut wurden, gab es in den ersten Wochen noch sehr viel mehr Möglichkeiten zur Flucht. Beispielsweise sammelten West-Berliner Studenten die Pässe von Mitstudenten ein, um mit den Papieren Ost-Berliner "rüber" zu holen, die den Passbildern ähnlich sahen. Anderen gelang die Flucht durch die Kanalisation.

300.000 Flüchtlinge

Am 22. August 1961 wurde die "Anwendung der Waffe" gegen Flüchtlinge befohlen. Mindestens 70.000 Menschen wurden seit 1961 in der DDR wegen Republikflucht oder auch Beihilfe verurteilt. 125 bis 239 Flüchtende starben an der Berliner Mauer. 300.000 Menschen gelang die Flucht. Es gibt keine gesicherten Daten darüber, wie viele Familien durch die Republikflucht eines Mitgliedes zerstört worden sind. Angesichts der großen Zahl der Fluchtversuche liegt allerdings die Vermutung nah, dass die Zahl der Schicksale im sechsstelligen Bereich liegen könnte.

"Novemberkind" klagt jedoch nicht an. Es geht nicht ausschließlich um das "Unrechtssystem" DDR, sondern um das Verhalten von Menschen auf beiden Seiten der Mauer. "Ich wollte einen Film machen, mit dem ich mir und anderen Fragen stellen kann, die auch weh tun oder wütend machen", sagt Christian Schwochow. Die Auseinandersetzung laute: "Will ich mit einer Lüge leben, wenn doch alles ganz gut funktioniert oder stattdessen die Wahrheit einfordern, auch wenn damit Schmerz und Enttäuschung verbunden sind?" Der Regisseur selbst ist übrigens am 9. November 1989 mit seinen Eltern vom Osten in den Westen gezogen. Nach Hannover. Da war er elf Jahre alt und der "erste Ostler an der neuen Schule". Bis auf Ulrich Matthes gibt es kaum jemanden aus dem Team von "Novemberkind", der keine Ost-Biografie hat.

Familie Mühe

Auch Hauptdarstellerin Anna Maria Mühe ist die Auseinandersetzung mit der DDR nicht fremd: Ihre inzwischen verstorbenen Eltern Jenny Gröllmann und Ulrich Mühe waren in der DDR bekannte Schauspieler und galten als Traumpaar. 2006 gewann der Film "Das Leben der Anderen" den Auslands-Oscar. Darin spielte Vater Mühe die Hauptrolle, einen Stasi-Hauptmann. Doch es soll ja um Anna Maria Mühe gehen, die im Film eine Doppelrolle als Mutter und Tochter übernimmt.

"Zwei Figuren zu verkörpern, das heißt doppeltes Glück", sagt die 23-Jährige. Und auch für den Zuschauer ist es doppeltes Glück. Man mag es gerne angucken, das Gesicht der Anna Maria Mühe, in dem sich beim Spiel eine Mischung aus Verletzlichkeit und Entschlossenheit zeigt. Inga geht keinem Hindernis aus dem Weg, trotz vieler emotionaler Tiefschläge. Auch Literaturprofessor Robert ist nicht so harmlos, wie er sich gibt. Das Geflecht aus Lügen wird immer dichter. Kann Inga sich befreien? Längst fühlt sie sich angezogen von Robert. Allein dieses Zusammenspiel macht den Film schon sehenswert.

"Novemberkind" läuft am 20. November an

  • Sylvie-Sophie Schindler