"Oldboy" Rache essen Tintenfisch auf


Kino, erzählt mit einer Wucht, wie sie zurzeit wohl nur aus Asien kommt: "Oldboy" ist ein ebenso heftiges wie mitreißendes Doppelpack aus Thriller und Rachedrama - mit Szenen, die man so schnell nicht vergessen wird.
Von Ralf Sander

In der Hölle hängt eine hässliche Tapete. In der Hölle, die aussieht wie ein schäbiges Hotelzimmer, ist Oh Dae-su gefangen. Eben torkelt er noch betrunken über die Straßen einer namenlosen südkoreanischen Großstadt, dann findet er sich in diesem Raum wieder. Bett, Tisch, Stuhl, Fernseher, Verpflegung, geschmacklose Bilder an den Wänden - alles da. Nur der Kontakt mit anderen Menschen fehlt. Wer hat ihn in diesen Hotelknast gesteckt? Und vor allem: warum? Oh Dae-su hat keine Antworten. Aber er wird sie finden, unter allen Umständen. Nach 15 Jahren kommt seine Chance: Urplötzlich erwacht Oh Dae-su in Freiheit. Es erhebt sich ein Mann, fast wahnsinnig vor Wut. Auf seinen Fingerknöcheln ist dicke Hornhaut durch tägliches Einschlagen auf die Zellenwand. Er wird getrieben von Rachedurst und dem unbändigen Willen, die Hintergründe seines Martyriums offen zu legen.

Thriller und Drama zugleich

Das ist der Anfang von "Oldboy", und jeder weitere Satz über den Fortgang der Geschichte zöge die Rache der Kinobesucher nach sich. Die lose Adaption eines japanischen Manga-Comics gleichen Namens ist ein clever konstruierter Thriller mit unzähligen Haken und Ösen, bösen Überraschungen und mächtigen Gegnern. Doch so virtuos Südkoreas derzeit angesagtestes Regiewunderkind Park Chan-wook mit den Zutaten des Thrillergenres spielt, seine ungeheure Wucht erzeugt der in Cannes ausgezeichnete Film, weil er gleichzeitig auch ein gewaltiges Drama ist. Mit Charakteren, die maximal leiden - und die entsetzliche Schuld auf sich laden. Diese schwer verdaulichen Zutaten präsentiert Park mit einer mitreißenden Leichtigkeit, jongliert mit Rückblenden, fordert die volle Konzentration des Zuschauers, belohnt ihn mit faszinierenden Szenenübergängen und dem coolen Look des Films.

Unvergessliche Szenen

So ganz nebenbei gelingen Park einige unvergessliche Szenen, deren Intensität den Atem stocken lässt: Da ist Oh Dae-sus Besuch in einer Sushibar, wo er eine koreanische Delikatesse bestellt: Tintenfisch. Nicht roh - lebendig. Wie der berserkerhaft aufspielende Hauptdarsteller Choe Min-shik versucht, das Tier am Stück zu verschlingen, ist weniger eine Herausforderung an die Mägen des Publikums als eine erschütternde Präsentation der unbändigen Wut, die in Oh Dae-su wohnt. Eine Wut, die auch in einer anderen Szene zum Ausdruck kommt: In einem Hausflur kämpft der "Held" - nur bewaffnet mit einem Zimmermann-Hammer - gegen eine Gruppe Schläger.

Regisseur Park inszeniert diesen ungleichen Kampf ohne Martial Arts und Stilmittel der Actionchoreographie wie zum Beispiel schnelle Schnitte. Stattdessen filmt die Kamera die Schlacht aus der Totalen und in einer einzigen Einstellung. Und erinnert auch daran, dass Spannung nicht unbedingt durch gnadenloses "Draufhalten" erzeugt werden muss. Denn während das asiatische Kino eher dazu neigt, noch einen Liter Blut mehr zu vergießen - pro Person -, erweist sich Park als Meister des präzisen Abblendens und Dran-vorbei-Filmens, ohne den Zuschauer auch nur im geringsten zu schonen. Dessen Vorstellungskraft erzeugt mehr als einmal handfestes Grauen.

So auch im "Finale", in dem die Handlungsstränge zusammengeführt werden. Das außerdem mit strenger Architektur und kalter Neonbeleuchtung ein optischer Genuss ist. Ein Finale, das in heftigen Bildern so gewaltige Themen wie Schuld und Sühne, Hass und Selbsterniedrigung und die Konsequenzen des eigenen Handelns mit einem handfesten Thriller-Showdown verbindet.

Packen und nicht mehr loslassen

"Oldboy" bietet kein einfaches Gut-und-Böse-Schema und schlägt seine allesamt schwer gestörten Hauptfiguren im wörtlichen und übertragenen Sinne in Stücke. Der Zuschauer stürzt zwischendrin angesichts der Sprünge in der Handlung mehr als einmal in tiefe Ratlosigkeit Park Chan-wook macht es dem Publikum nicht leicht - und packt es dennoch sofort bei den Ei... nein, im Zusammenhang mit dem Film passt besser: an der Zunge. Und lässt nicht mehr los. Es ist ausgerechnet ein "Oldboy", der besonders das aktuelle US-Kino ganz alt aussehen lässt.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker