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"Operation Walküre": Gute Unterhaltung mit Nazis

Am Donnerstag startet in den USA der heftig diskutierte Film "Operation Walküre". stern.de hat sich den Streifen mit Tom Cruise als Hitler-Attentäter Graf von Stauffenberg vorab angeschaut - und eine gut geölte Thriller-Maschine gesehen, der jeglicher Sand im Getriebe entfernt wurde.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Als Kind, bekannte Tom Cruise kürzlich auf seiner globus-umspannenden PR-Tour für "Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat", wollte er "immer schon Hitler töten. Ich hab' den Kerl gehasst". Der Spruch erinnert weniger an Claus Schenk Graf von Stauffenberg als an Indiana Jones ("Nazis! Ich hasse diese Typen!"), und somit ist schnell geklärt, in welcher Welt der lang erwartete Film zum Unternehmen "Walküre" zu Hause ist: in der des Entertainment, nicht in der Historikerdebatte.

Der 43-jährige Regisseur Bryan Singer, der fürs Kino Spektakel wie "X-Men" inszeniert und fürs Fernsehen die smarte Ärzteserie "Dr. House" produziert, hat Spektakel und Smartness hier in einem unterhaltsamen Drama gebündelt. Sein Countdown zum Attentat und seine Schilderung desselben sind eine Studie in Suspense - exzellentes Filmemacher-Handwerk. So spannend montiert, dass man wider besseres Wissen hofft, der Anschlag möge gelingen und der honorable Beinahe-Killer sein geliebtes Deutschland in eine bessere Zukunft führen. Allein, die Figuren sind echt, das Ende ist schlecht, Abspann und thank you very much.

Holocaust als Hintergrundmusik

Zwischen 75 und 90 Millionen Dollar, die Angaben schwanken, hat Singers Film gekostet. Man sieht jeden Cent davon: Die Ausstattung ist erlesen. Einige Möbel stammen direkt von Adolf Hitlers Berghof, einige Uniformen aus den Schränken von Leuten, die man lieber nicht kennen will. Blitzblank die Stiefel der SS, wohlgenährt die Schergen. Der Krieg und der Holocaust, erklärt der Regisseur, sollen nur düstere Hintergrundmusik für seinen zentralen Plot sein, eine "ferne Bedrohung". Zu fern vielleicht: So, wie er seine Geschichte erzählt, könnte sie auch in Taka-Tuka-Land spielen. Oder in all jenen Ländern, die John Wayne einst bekriegte und besiegte: in Wo-die-Nazis-hausen. In Wo-die-Japsen-schießen. In Wo-die-Fiesen-sind. Altmodisch in diesem wie im besten Sinne ist Singers Film. Eine gut geölte Thriller-Maschine, noble Helden gegen irre Nazis, nur dass die Helden ebenfalls Nazis sind und das Ganze so traurig wie wahr ist.

Die unterschiedlichen Motive der Verschwörer bleiben im Dunkeln (unwichtig für die Bewegung der Maschine), dito historische Feinheiten wie zum Beispiel die Reaktion - oder Nicht-Reaktion - der Alliierten auf Stauffenbergs Machtübernahmeversuch (nur Sand im Getriebe). Singer kennt durchaus die geschichtlichen Hintergründe, aber er blendet sie großzügig aus. Vielleicht denkt er ans internationale Jungvolk, das sich den Kino-Besuch nicht mit zu viel Ballast beschweren und lieber Tom Cruise in Action und Augenklappe sehen will. Vielleicht auch haben ihn diese ganzen Comic-Verfilmungen zur Banalisierung des Guten verführt ("... derweil im Führerbunker: Bombe geplatzt! Hitler wohlauf. Schluck.").

Tom Cruise ist gewiss nicht der Welt bester Schauspieler, aber hier auf erstaunlich stille Weise effektiv. Sein Stauffenberg ist ein wenig steif, aber ehrbar, vielleicht schlicht uninteressanter, als es der Echte war, aber das fällt im Ensemble nicht weiter auf. Die Kollegen sind nämlich durchweg hervorragend: Bill Nighy, Tom Wilkinson, Terence Stamp, Kenneth Branagh - alles Briten, die ihren Nazi mindestens so gut drauf haben wie ihren Shakespeare. Und während man auf deutscher Seite noch bedauert, dass es sich beim 20. Juli um eines der wenigen heimischen Großereignisse handelt, die nicht von Veronica Ferres bespielt werden können, stiegen die Herren Berkel, Christian, und Kretschmann, Thomas, frohgemut in jene deutschen Schauspielern so vertraute Uniform und schnarrten Heil Hitler. Nazis für Indiana Jones würden sie im Traum nicht spielen. Aber Nazis für eine gute Sache? Vergessen wir nicht, Stauffenberg ist ein deutscher Held.

Immer wieder Hitler

Und vergessen wir dies nicht: Tom Cruise bekam für die Rolle vom Verlagshaus Burda den flugs geschaffenen "Courage"-Bambi verliehen, devot schon mal vorab, ohne dass jemand den Film gesehen hatte. Jener werde, wie seinerzeit Laudator Frank Schirrmacher schwurbelte, "das Bild von Deutschland in der Welt auf Jahrzehnte prägen".

Dies hingegen können wir getrost vergessen. Das Unternehmen "Walküre" ist nur der Beginn vom Unternehmen Nazi-Revival. In den nächsten Monaten kommen etliche Kriegs- und Holocaust-Filme in die Kinos, von der Literaturverfilmung "Der Vorleser" bis zum Partisanendrama "Defiance". Stiefel werden glänzen, Arme in die Höhe schnellen. Das Bild von Deutschland in der Welt hat auf Jahrzehnte nur einer geprägt.

Buchtipps zum deutschen Widerstand finden Sie auf Seite 2

Viele Regalmeter füllt die Literatur zum deutschen Widerstand. Hier eine kleine Auswahl aus Klassikern und Neuerscheinungen: Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie, Pantheon, 715 Seiten, 14,95 Euro Der Klassiker. Die wohl umfassendste und beste Stauffenberg-Biographie. Fundiert und trotzdem gut lesbar. Konstanze von Schulthess: Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg. Ein Porträt, Pendo, 240 Seiten, 19,90 Euro Stauffenbergs jüngste Tochter schreibt über das Leben ihrer Mutter. Ein ungewöhnlicher Zugang zum Thema, der einen Blick auf die Konventionen und Lebensumstände in der Familie erlaubt. Dazu eine angenehme Lektüre. Guido Knopp: Stauffenberg. Die wahre Geschichte. Pendo, 240 Seiten, 19,95 Euro Der ZDF-Haushistoriker erzählt die Geschichte des Widerständlers souverän, süffig und mit reichlich Bewunderung. Tobias Kniebe: Operation Walküre. Das Drama des 20. Juli, Rowohlt Berlin, 288 Seiten, 19,90 Euro

Kniebe, der viel für die "Süddeutsche Zeitung" arbeitet, rekonstruiert in dem im Januar erscheinenden Buch die Vorgänge mit Liebe zum Detail. Szenen und konkrete Begebenheiten treten an die Stelle theoretischer Betrachtungen.

Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma, Pantheon, 815 Seiten, 16,95 Euro

Ein Mammutwerk. In jahrelanger Arbeit hat sich Karlauf Leben und Werk des Dichters angeeignet. Er schreibt mit einer angenehmen Mischung aus Distanz und Verständnis. Wer Stauffenberg verstehen will und dicke Wälzer nicht scheut, sollte dieses Buch lesen.

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