HOME

"Rocky Balboa": Wiedersehen mit Stallones Alter Ego

Er kann es einfach nicht lassen: Der einst im Boxring so gefürchtete "italienische Hengst" Rocky ist in die Jahre gekommen, will es aber noch einmal wissen - gegen den viel jüngeren amtierenden Champion.

Von Jens Lubbadeh

Er hat es in Humor verpackt. Anders ist es auch nicht möglich, einen 60-jährigen Sylvester Stallone noch einmal in den Ring steigen zu sehen. Dabei zuzuschauen, wie er als Box-Rentner einen Schwergewichts-Weltmeister vermöbelt. "Als ich mit der Idee ankam, wusste ich natürlich, dass jeder darüber lachen würde", gab Stallone in Köln bei der Pressekonferenz zur Vorstellung seines sechsten Rocky-Films zu. "Ich hätte doch auch gelacht."

Der Mann hat Humor. Ob Charles Winkler und William Chartoff wohl auch losprusteten, als Sylvester Stallone ihnen verkündete, noch einen Rocky-Film drehen zu wollen - obwohl er das angeblich niemals wollte, 16 Jahre nach dem letzten, fünften und obendrein grottenschlechten Teil? Oder haben sie womöglich mit genauso versteinerter Miene vor ihm gesessen, wie die Box-Kommission in "Rocky Balboa" (wie der sechste Teil heißt), die darüber zu entscheiden hat, ob Rocky Balboa, einstiger Italian Stallion und nunmehr nur noch ein alter Gaul, doch noch einmal eine Boxlizenz bekommen soll?

"Money-making-machine"

Wie auch immer die erste Reaktion gewesen sein mag - früher oder später blinkten wohl die Dollarzeichen in Winklers und Chartoffs Augen auf. Denn wenn eines klar ist, dann das: Rocky und Rambo sind "money-making-machines", wie Stallone seine beiden prominentesten Figuren einmal bezeichnete. So lukrativ, dass "man sie einfach nicht abschalten könne" (alle Rocky-Teile spielten in den USA zusammen bislang knapp eine halbe Milliarde Dollar ein). Doch ob es wirklich nur das Geld war, ist eher unwahrscheinlich. Diese Rückkehr zu der ersten großen Rolle ist vielmehr Stallones verzweifelter Versuch, die Serie an Film-Flops zu durchbrechen, die er in den letzten zehn Jahren produziert hat.

Die Schwierigkeit bei dem sechsten Neuaufguss von Rocky mag schon bei der Namensgebung begonnen haben. "Rocky 6" - das klingt nach mindestens zwei Rocky-Teilen zuviel. Solche Sequel-Manien kennt man eher aus dem B- und C-Bereich. Um gleich gar keine falschen Assoziationen an Reihen wie "Freitag der 13.", "Nightmare" oder "Halloween" zu wecken und weil "Rocky 5" laut Stallone ein "Desaster" war, benannte man den neuen Teil ganz einfach nach seiner Hauptfigur: "Rocky Balboa". Anders als zuletzt führte Stallone auch wieder selbst Regie und schrieb das Drehbuch. In Teil 5 musste Rocky noch bei jedem Schlag um eine mögliche Gehirnschädigung bangen, sodass ihm seine Ärzte das Boxen untersagten. Von weicher Birne ist in "Rocky Balboa" keine Spur mehr zu erkennen. Im Gegenteil - das Motto lautet: "It's not about, how hard you can hit - it's about, how hard you can get hit".

Der Körper als Kapital

Mit diesem Film ist nun eines klar geworden: Rocky ist Stallones Lebensrolle, sein Alter Ego. Jetzt wo Stallone am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen zu sein scheint, wohl mehr denn je. Stallone will es allen nochmal zeigen. Und so steigt ein im Film 50-jähriger Rocky (und im wahren Leben 60-jähriger Stallone) in den Ring und zeigt einen Körper, der das Kapital seiner Karriere war und noch immer ist.

Stallone schafft in "Rocky Balboa" das Kunststück, trotz der völlig unglaubwürdigen Story - 50-jähriger Boxrentner startet Comeback und vermöbelt amtierenden Champion - den Mythos Rocky und sich selbst nicht lächerlich zu machen. Das gelingt ihm durch eine gute Portion Selbstironie.

"Rocky Balboa" ist ein typischer Rocky, weil er nach dem gleichen dramaturgischen Strickmuster konzipiert ist wie die alten Teile: persönliche Krise, Läuterung, Mission, Training, Endkampf. Damit wirkt er auf Rocky-Kenner sofort vertraut. Dennoch ist Stallone kein guter Film gelungen. Wollte er mit der Titelvorgabe "Rocky Balboa" die eigentliche Figur wieder in den Mittelpunkt rücken, so trägt Stallone leider viel zu dick auf bei dem Versuch, den Geist der frühen Rocky-Filme wiederzubeleben. Dabei geht es nicht um Äußerlichkeiten - dass Rocky wieder im Ghetto-Look herumläuft, Schlapphut und Lederjacke ausgemottet hat, mit seinem versoffenen Schwager Paulie abhängt (immer wieder großartig: Burt Young), geht in Ordnung. Dass Stallone aber die ganze erste Hälfte von "Rocky Balboa" in Sentimentalität, Selbstmitleid und Rückblenden nahezu ersäuft, nervt gewaltig.

Rocky Balboa ist ein Mensch, der nur noch in der Vergangenheit lebt. So trauert er seiner verstorbenen Adrian nach, besucht regelmäßig ihr Grab, langweilt die Gäste in seinem Restaurant mit den immer wieder gleichen Geschichten und macht dem Zuschauer überdeutlich klar, dass etwas in seinem Leben fehlt. Als Restaurantbesitzer findet er keine Erfüllung, sein Sohn will nichts mehr von ihm wissen, Adrian ist nicht mehr da.

Einfache Weisheiten

Neben dem eigentlichen Rentner-Fight ist das wirklich absurde in "Rocky Balboa" jedoch die allzu konstruierte Kehrtwende in Rockys tristem Leben: Ein digitaler Kampf zwischen dem amtierenden Boxweltmeister Mason Dixon und Rocky Balboa macht dem Italian Stallion klar, dass er ein Kämpfer ist. Und was tun Kämpfer? Genau - sie kämpfen. Einfache Weisheiten waren schon immer Stallones Sache. Und dann ist alles klar - es gibt ein Ziel und es muss trainiert werden. Also läuft Rocky wieder in seinem verschwitzten grauen Jogging-Anzug zum altbekannten Rocky-Thema herum, rennt Treppen rauf und runter, stemmt Eisenketten und patscht im Schlachthof wieder Rinderhälften blutig.

Die Schwäche an "Rocky Balboa" ist nicht Stallone. Selten agierte er so locker und selbstbewusst durch einen Rocky-Film. Die Schwäche ist die unglaubwürdige Geschichte und ihre flache Ausarbeitung. Denn gute Ansatzpunkte für mehr Dramatik hätten sich durchaus geboten: Rockys schwarzer Kontrahent Mason Dixon, der zwischen Anerkennung, Hip-Hop-Kultur und Ruhm hin- und hergerissen ist; Rockys schwieriges Verhältnis zu seinem Sohn und dessen Flucht vor dem langen Schatten seines berühmten Vaters; Rockys Bemühen um Marie und ihren Sohn und eine mögliche neue Liebe. Und schließlich der eigentliche Alterskonflikt: das Comeback eines alten Boxers.

Das beste kommt am Schluss

Die beste Szene in "Rocky Balboa" läuft erst nach dem eigentlichen Film - wer sie sehen will, sollte daher auf den Abspann warten. Stallone hat auf dem berühmten Platz vor dem Philadelphia Museum of Art, wo Rocky am Ende des Trainings die Treppe heraufrennt und mit hochgereckten Armen auf und ab springt, Frauen, Kinder und Touristen meist ziemlich albern in schlechten Rocky-Imitation herumhampeln lassen. Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Rocky?

Übrigens will Stallone noch ein zweites Alter Ego aus dem Ruhestand holen: Die Dreharbeiten für "Rambo IV" haben schon begonnen.

Themen in diesem Artikel