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"Saw II": Der Schlüssel zur Freiheit ist in dir

Mit jeder Menge kranker Ideen und überraschenden Storywendungen sorgte "Saw" vor zwei Jahren für frischen Wind im Horrorgenre. Die Fortsetzung kann da nicht mithalten, reicht aber für das gepflegte Grauen zwischendurch.

Von Ralf Sander

Als Michael aufwacht, lastet ein Fluch auf seinen Schultern. In Form einer schweren Stahl-Konstruktion, einer Fusion aus Bärenfalle und einem innen mit Nägeln gespicktem Helm. Klappt sie zu, verliert Michael seinen Kopf. Derjenige, der ihm das angetan hat, gibt seinem Opfer immerhin Hilfe zur Selbsthilfe. Er kann sich aus seiner misslichen Lage befreien, wenn er innerhalb einer kurzen Zeitspanne den Schlüssel findet, mit dem er die Falle entschärfen kann. Für die Suche muss Michael nicht weit gehen: Der Schlüssel befindet sich in seinem eigenen Körper - und ein Skalpell liegt auch schon bereit...

Lukratives Grauen

Abartige Spiele dieser Art sind das Markenzeichen des Jigsaw-Killers, der in dem fies-furiosen Horrorthriller "Saw" 2004 dem Kinopublikum mit kranker Kreativität beim Hereinlegen der Polizei und Erschaffen abartiger Todesmaschinen den Atem stocken ließ. Der originelle und hochspannende Low-Budget-Thriller spielte weltweit 100 Millionen Dollar ein. Solche Zahlen bedeuten unweigerlich: her mit der Fortsetzung. Das Ende des Vorgängers ließ eine Fortführung der Geschichte sowieso zu, ohne auf das "Huch, das Monster war ja doch nicht tot"-Phänomen vieler Horrorfilm-Fortsetzungen zurückgreifen zu müssen.

In "Saw II" ist Jigsaw also wieder da, allerdings anders als erwartet: Als die Polizei Bärenfallen-Michaels Leiche entdeckt, findet sie auch so viele Hinweise auf den Aufenthaltsorts des Täter, dass eine Festnahme zügig gelingt. Doch schnell wird klar: Das ist kein Fahndungserfolg, sondern ein neues Spiel. Der offenbar todkranke Serienmörder (grandios eklig: Tobin Bell) will seinen Rätselspiel-Fetisch ein letztes Mal ausleben, diesmal mit Polizistenhilfe. Er fordert Detective Eric Matthews (Donnie Wahlberg) an - und offenbart ihm, dass er Matthews' Sohn mit sieben anderen Teenagern gefangen hält.

Ausgeklügelte Überwachungstechnik zeigt, was mit den Opfern passiert. Es dräut Schlimmes: Die Gefangenen sind mit einem Nervengift kontaminiert und müssen in dem mit Fallen gespickten Gefängnis-Gebäude innerhalb von zwei Stunden Spritzen mit dem Gegengift finden. Während sie um ihr Leben kämpfen, zwingt Jigsaw den vor Angst um seinen Sohn fast verrückt werdenden Detective Matthews, sich seine persönlichen Beweggründe und Moralansichten anzuhören. Er fantasiert von Chancen, über sich hinauszuwachsen. Dass seine Opfer in sich die Kraft finden müssten, extreme Entscheidungen zu fällen, um frei zu sein. Und Matthews hört sich das alles an - bebend, ungeduldig - und versucht, im Gegenzug etwas über den Aufenthaltsort der Gefangenen herauszulocken.

Setzen auf Bewährtes

Psychotalk zwischen Mörder und Ermittler, Gefangene in einen gefährlichen Labyrinth, eine ständig sinkende Zahl an Personen - "Saw II" bedient sich konventioneller Geschichtenbausteine des Horror- und Thrillergenres, wo der Vorgänger gute Ideen mitreißend umsetzte. Der Film wirkt nicht wie aus einem Guss, sondern seltsam zusammengestoppelt. Immerhin gibt es am Ende noch einige handfeste Überraschungen - die allerdings erst durch eine unvermeidliche weitere Fortsetzung befriedigend Sinn ergeben werden. Hoffentlich.

Im Labyrinth der Hohlbratzen

Was "Saw II" ebenfalls fehlt, sind gute Charaktere und interessante zwischenmenschliche Entwicklungen. Der Vorgängerfilm erweckte Interesse für die Opfer, man wollte mit ihnen gemeinsam herausfinden, warum sie von Jigsaw ausgewählt worden waren. In "Saw II" sind die acht Gefangenen so fein herausgearbeitet, als hätte man sie mit einer Kettensäge aus einem Betonklotz geschnitten. Unsympathisch, zickig und streckenweise schlichtweg dämlich irren sie durch das Gebäude und tappen ohne nachzudenken von einer Falle in die nächste - wenn sie sich nicht gerade gegenseitig an die Gurgel gehen. Ausgerechnet diesem schwächsten Teil der Geschichte widmet der Film leider die meiste Aufmerksamkeit.

Solides Handwerk rettet den Film

Aus dem Schatten des ersten Teils kommt "Saw II" nie heraus, ein grundsolider Genrefilm ist es trotzdem geworden. Regisseur Darren Lynn Bousman setzt sein Spielfilmdebüt technisch tadellos in Szene. Mit versifften Schauplätzen, düsteren Bildern und harten Soundtrack-Klängen erzeugt er die "Saw"-typische Atmosphäre eines ungeheizten Bahnhofsklos am Morgen nach einem Fußballspiel. Die absurd-bösartigen Tötungskonstruktionen führen zu Szenen, die an den Eingeweiden des Zuschauers zupfen. Und einige gehörige Schreckmomente gibt's dazu. Wer den ersten Teil gesehen hat, wird außerdem jede Menge Verweise und Anspielungen entdecken. Genrefreunde, die einen großen Teil ihrer Ansprüche absägen, können von dieser derben Schlachtplatte durchaus sattwerden.

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