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"So ist Paris": Binoches rettender Striptease

Mit seinem neuen Film "So ist Paris" hat Regisseur Cédric Klapisch vielleicht Juliette Binoche ein Denkmal gesetzt, das Geheimnis der französischen Hauptstadt hat er allerdings nicht gelüftet. Ohne die begnadeten Darsteller verkäme die romantische Komödie zum Postkartenkino.

Von Sylvie-Sophie Schindler

So richtig Lust haben die beiden nicht aufeinander. Aber gut, der letzte Sex fand - gefühlt - zur Zeit des Holozän statt. Also rauf aufs Bett und runter mit den Klamotten. Sagt sich so leicht, wenn es da nicht Wildwuchs-Alarm gäbe. Folgerichtig gibt die Frau zu bedenken: "Ich habe mich nicht enthaart." Der Mann hält kurz inne, dann raunt er: "Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an."

Der Mann, der es so dringend nötig hat, heißt Pierre (gespielt von Roman Duris) und die Frau, die nicht rechtzeitig zum Rasierer gegriffen hat, wurde von seiner Schwester Elise (Juliette Binoche) angeschleppt. Ein Liebesdienst: Es sind vielleicht die letzten Tage im Leben des schwer herzkranken Dreißigjährigen. Ein Orgasmus als letztes Fest der Lebensfreude. Früher arbeitete Pierre als Profitänzer im Moulin Rouge, heute schnappt er nach Luft, wenn er ein paar Treppen steigen muss. Inzwischen ist es seine liebste Beschäftigung, stundenlang aus dem Fenster zu gucken. "Ich sehe die anderen leben", sagt der Todgeweihte.

Binoche ein Denkmal meißeln

Sex, Liebe, Tod - der neueste Cédric-Klapisch-Film "So ist Paris" (Kinostart 17. Juli) hat genau die Mischung, die viele Drehbuchautoren wärmstens empfehlen. Dazu noch die Millionenmetropole Paris als Ort des Geschehens. Mon Dieu, was soll da schon schief gehen?

Tatsächlich geht einiges schief, und wären da nicht die hervorragenden Schauspieler, man mag sich gar nicht ausmalen, wohin das geführt hätte. Dann hätte Klapisch sein Leinwandtreiben wohl besser in der Seine versenken sollen. Keine Ahnung, ob man schon einmal daran gedacht hat, Juliette Binoche ein Denkmal zu meißeln, spätestens jetzt sollte man es endlich tun. Allein der denkwürdige und raffinierte Striptease, den die Rehaugen-Aktrice vollführt - Kim Basinger hat lange nicht so viel subtilen Sexappeal - entschädigt sehr für so manchen filmischen Fauxpas: brutale Schnitte beispielsweise, während dieser 130 manchmal ziemlich zähflüssigen Minuten.

Bedeutend unbedeutende Probleme

Die Binoche verkörpert nur eine von zehn Figuren. Die Geschichte der Sozialarbeiterin Elise ist eine von mehreren Lebensentwürfen, mit Hilfe derer der Regisseur die Facetten des modernen Paris zeigen will. Die Komplexität einer Weltmetropole heruntergebrochen auf den Mikrokosmos einzelner Existenzen. "Sie finden diese Menschen vielleicht nicht ungewöhnlich, aber für jeden von ihnen ist das Leben einzigartig. Sie denken vielleicht, Ihre Probleme seien unbedeutend, aber für sie sind es die wichtigsten der Welt", so Klapisch.

Angst vor Klischees kennt der Regisseur nicht, also schaufelt er kräftig drauf und ein Gefühl, als blättere man in einem Klatschmagazin. Fehlen darf da beispielsweise nicht der vom Alter und unerfüllten Sehnsüchten gequälte Mann, der sich in ein hinreißendes Lolita-Wesen verguckt.

Der Kunstgeschichte-Professor Roland (Fabrice Luchini), in der Annäherung scheu wie ein Eichhörnchen, schickt seiner bildhübschen Studentin Laetitia (Mélanie Laurent) anonyme Liebes-SMS mit Prosa von Charles Beaudelaire. Darin heißt es unter anderem, er wolle sich nachts zu ihr schleichen, "um dein vergnügtes Fleisch zu züchtigen, deine unschuldige Brust zu quälen und deiner erstaunten Flanke eine breite, tiefe Wunde schlagen." Kein Wunder, dass Laetitia glaubt, sie würde von einem Verrückten verfolgt. Der Professor hält es für einen hochromantischen Flirt. Im Zusammenspiel der beiden Schauspieler steckt denn auch das größte komische Potenzial dieser Lebens- und Liebeskomödie. Vor allem Luchini ist neben Binoche eine weitere Sensation.

Ein paar Glassteinchen zu viel

Daneben wirken Charaktere wie etwa die herrische Bäckersfrau und der machohafte Fischhändler so blass wie Magermilchjoghurt, und man fragt sich, ob der Film nicht besser funktioniert hätte, wenn man ein paar Glassteinchen aus dem ach so bunten Kaleidoskop entfernt hätte. Weniger ist halt doch mehr, und die eine oder andere Trivialität und Belanglosigkeit, die sicher deshalb in den Geschichten liegt, weil sich manche Charaktere zwischen den anderen einfach nicht entwickeln können, wäre einem erspart geblieben.

Nach den internationalen Erfolgen von "L'Auberge Espagnole - Barcelona für ein Jahr" und der Fortsetzung "L'Auberge Espagnole - Wiedersehen in St. Petersburg", erfüllte sich Cédric Klapisch einen Herzenswunsch: wieder in seiner Heimatstadt zu drehen. Die Kamera fängt berühmte Ansichten wie Sacre Coeur oder den Eiffelturm ein, dazwischen immer wieder Panoramaaufnahmen, doch nie in einer Art, die sich abhebt von Bildern, wie man sie bereits auf x Postkarten und in x Reiseführern gesehen hat. Das ist das Paris eines Touristen, nicht das Paris eines Bewohners. Die wahre Schönheit dieser Metropole bleibt verborgen wie das Herz der Menschen unter der Haut.

Wer also mit der Illusion ins Kino geht, ihm würde erzählt, wie Paris wirklich sei, der wird enttäuscht. Vielleicht ist es aber auch so, dass diese unerschöpfliche Stadt einfach rebelliert gegen den Versuch, erkannt und eingefangen zu werden.

  • Sylvie-Sophie Schindler