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"Sophie Scholl" in den USA: "Überwältigend emotional"

Die ersten US-Reaktionen zu dem Film "Sophie Scholl - Die letzten Tage" haben Hauptdarstellerin Julia Jentsch, die zurzeit auf Promotion-Tour in Amerika ist, überrascht.

Julia Jentsch, 27, ist zum ersten Mal in New York. Sie sitzt in einem Studio in der Nähe des Empire State Building und lässt sich für einen Fototermin frisieren. Es ist schon dunkel, und draußen heult die unvermeidliche Polizeisirene. Die Hauptdarstellerin aus "Sophie Scholl - Die letzten Tage" ist hier, um den Film dem US-Publikum vorzustellen. Die ersten Reaktionen haben sie überrascht: "Die Leute hier beziehen das ganz schnell auf sich. Eine Frau hat mir gleich gesagt: "Das ist doch gar nicht weit weg - wir hier müssen auch für die Rechte eintreten, die wir errungen haben."

Regisseur Marc Rothemund, 38, gerät ins Schwärmen: "Das ist echt der Hammer, wie berührt die Leute sind. Ich komme gerade aus Los Angeles. Da waren 500 Leute, die blieben nachher alle noch sitzen. Es gab noch keine Vorstellung, bei der die Leute nicht geweint hätten. Überwältigend emotional." Der Film wird in diesen Tagen vorab in einigen ausgesuchten Kinos gezeigt. Offizieller US-Start ist am 24. Februar. Dann wird bereits feststehen, ob "Sophie Scholl", der diesjährige deutsche Vorschlag für die Oscars, auch tatsächlich nominiert worden ist.

"Subtil, erschütternd, spannend, inspirierend, hervorragend"

Rothemund erhofft sich nach eigenen Worten nichts: "Wir haben nach der Uraufführung bei der Berlinale 20 Minuten Standing Ovations bekommen - das war genug Belohnung für alle." Aber seine Augen glänzen doch, wenn er über die Aufnahme des Films in New York und Los Angeles spricht: "Das ist wirklich das erste Land, wo so viele Leute gleich auf mich zukommen und sagen: "Ich hoffe, dass das viele junge Amerikaner sehen werden." Nicht, um deutsche Geschichte zu lernen, sondern um Sophie Scholl zu erleben. Das hat mit Sicherheit auch mit der derzeitigen politischen Situation hier zu tun, wo ein religiöser Präsident unter falschem Vorwand in den Krieg gezogen ist."

"Sophie Scholl" zeichnet die letzten sechs Tage im Leben der Widerstandskämpferin vor ihrer Hinrichtung nach. Es ist nicht gerade ein Hollywoodfilm: Keine Spezialeffekte, kaum schnelle Schnitte, wenig Action. Stattdessen lange Dialoge - überwiegend wörtlich aus den Prozessakten übernommen -, die in der US-Version zudem untertitelt sind. Dafür gibt es in den USA nur eine sehr beschränkte Zielgruppe. Aber schon wenn sich "Sophie Scholl" in einigen Metropolen für ein paar Wochen halten würde, wäre das ein Erfolg. Rothemund holt stolz einen halbseitigen Artikel aus der "Los Angeles Times" hervor, der den Film in den höchsten Tönen lobt: "Subtil, erschütternd, spannend, inspirierend, hervorragend", lautet das Urteil. Und es heißt sogar, das deutsche Kino nähere sich deutlich dem Mainstream an.

95 Prozent der Welt denken, alle Deutschen seien Nazis gewesen

Rothemund reist schon das ganze Jahr durch die Welt, um den Film zu promoten: Japan, China, Korea, Israel, Polen und Argentinien waren nur einige Stationen. Er hat dabei die Erfahrung gemacht: "95 Prozent der gesamten Planetenbevölkerung gehen davon aus, dass alle Deutschen Nazis und Mörder waren, dass es keinen einzigen gab, der Widerstand geleistet hat. Das haut einen um."

Schon bei der letzten Oscar-Vergabe war Deutschland mit einem Film über die Nazizeit - dem "Untergang" - vertreten. Kommerziell waren die letzten Tage Hitlers noch wesentlich erfolgreicher als die letzten Tage Sophie Scholls, was Rothemund ärgert: "Diejenigen, die sich im "Untergang" am Bösen ergötzt haben, sollten sich doch jetzt auch mal die andere Perspektive von sehr normalen jungen Deutschen ansehen."

Christoph Driessen/DPA / DPA