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"The Counselor" im Kino Cameron Diaz auf der Windschutzscheibe


Regie-Ikone Ridley Scott verfilmt einen Drogenthriller von Cormac McCarthy mit Weltstars wie Fassbender, Bardem und Pitt. Aber nur die bizarrste Sexszene des Jahres macht den Film der Rede wert.
Von Patrick Heidmann

Um gleich mal mit der Tür ins Haus zu fallen: in "The Counselor", dem neuen Film von Ridley Scott, hat Cameron Diaz Sex mit einem Ferrari. Man muss das gleich so vorweg nehmen und prominent in die Welt hinausposaunen, denn was am Ende von diesem Film übrig und im Gedächtnis bleibt, ist genau diese Szene. Da steigt Diaz, ohne Slip unterm Rock, aus dem Auto, setzt sich im Spagat auf die Windschutzscheibe und reibt daran ihren Unterkörper bis zum Orgasmus. Derweil sitzt Javier Bardem mit offenem Mund staunend am Steuer, faselt später etwas von Fischen mit Saugmäulern und scheint ob der ganzen Nummer noch irritierter als das Kinopublikum.

Für die Handlung dieses Quasi-Thrillers, auch das sei erwähnt, spielt die Szene eigentlich nicht die geringste Rolle. Sie kommt genauso unerwartet aus dem Hinterhalt wie der Angriff eines Geparden, von denen in "The Counselor" einige auftauchen. Und ist dann auch fast genauso schnell wieder vorüber. Ohne wirkliche Folgen. Aber das mit dem Plot ist in diesem Film ohnehin so eine Sache.

Dialog statt Plot

Im Zentrum steht ein namenloser Anwalt (Michael Fassbender), der es sich im texanischen Grenzgebiet um El Paso gut gehen lässt. Er arbeitet für zwielichtige Drogenbosse wie Reiner (Javier Bardem), verdient dabei prächtig und lässt es sich nicht einmal nehmen, persönlich nach Belgien zu fliegen, um seiner Angebeteten (Penélope Cruz, die lieber Fassbenders Zunge als Autoglas ranlässt) den üppigsten Verlobungsdiamanten auszusuchen. Doch er lässt sich auch blenden von den Nobelkarossen, den ausufernden Poolpartys, all dem Luxus, der sich im Elend gleich auf der anderen Seite der Grenze noch viel greller spiegelt. Und so will er irgendwann noch ein bisschen mehr mitmischen, ein etwas größeres Stück vom Kuchen abbekommen.

Dass das nicht gut gehen wird, davor warnt den Counselor immerzu irgendwer. Mal ist es Reiner, mal - besonders eindringlich - sein Geschäftspartner Westray (Brad Pitt). Und natürlich werden sie Recht behalten. Nur: der Großteil dessen, was dem beratungsresistenten Titelhelden und allen, die seinen Weg kreuzen, an Ungemach droht und dann auch zustößt, findet nicht im Bild statt. Von zwei ziemlich eindrucksvollen Enthauptungen abgesehen, wird über die Brutalität des Milieus, in dem er sich bewegt, eigentlich nur gesprochen. Bevor etwas passiert. Und nachdem etwas passiert ist.

Langeweile in Hochglanzoptik

Überhaupt wird in diesem Film sehr viel geredet. Man könnte auch sagen: ohne Unterlass. Verantwortlich dafür ist Cormac McCarthy, seines Zeichens Pulitzer-Preisträger, Bestseller-Autor und - seit "No Country For Old Men" und "The Road" - einer von Hollywoods Lieblingsschriftstellern. Für "The Counselor" hat man ihn erstmals ein eigenes Drehbuch schreiben lassen, ohne dass jemand hereinpfuscht. Aber nun zeigt sich eben doch mal wieder, dass ein Roman und ein Film nicht unbedingt das Gleiche sind.

Gegen die Unmenge an Dialog, aus denen diese Drogengeschichte besteht, ist nämlich nicht nur ein legendärer Regisseur wie Ridley Scott machtlos, der von "Alien" und "Blade Runner" über "Gladiator" bis hin zu "American Gangster" und "Robin Hood" noch so ziemlich alles glatt über die Bühne inszeniert hat und hier auf Hochglanzoptik setzt. Auch sein enorm prominentes Ensemble ist zum Scheitern verurteilt.

Nicht dass all die Gespräche, die hier geführt werden, Bockmist wären. McCarthy weiß schließlich, wie man so etwas schreibt, und sicherlich hat er auch etwas zu sagen. Doch Papier ist eben geduldiger als Celluloid - und spätestens, wenn zu Beginn des Films Bruno Ganz als Diamantenhändler ins Philosophieren gerät, ohne dass sein Monolog zu großem Erkenntnisgewinn für den Rest des Films führt, stehen die Zeichen auf bedeutungsschwangere Langeweile. Dass keine, aber auch wirklich gar keine der Figuren Sympathie oder auch nur echtes Interesse weckt, macht die Sache nicht gerade besser.

Autosex mit Kultpotential

Sicherlich kann man nun noch mal ganz genau hingucken, an der glänzenden Oberfläche kratzen und die Dialoge auf Doppelbödigkeit abklopfen, um hinter die Bedeutung dieses rätselhaften und sich auf den zweiten Blick gegen alle Konventionen sträubenden Film zu kommen. Es kann ja schließlich nicht sein, dass so viele talentierte Menschen vor und hinter der Kamera nicht irgendetwas im Sinn hatten. So könnte man dann wie der Kollege von der #link;the-counselor-im-kino-warmlaufen-fuer-die-apokalypse-1;Süddeutschen Zeitung#, zu dem Schluss kommen, es ginge McCarthy vor allem m einen Ausblick in die Zukunft dessen, was entlang der Grenze zwischen den USA und Mexiko noch alles an Gewalt und Krisen zu erwarten ist. Womit er sicherlich nicht falsch liegt. Andererseits hat der Autor das in seinen Büchern auch bereits immer wieder beschrieben - und selbst eine Fernsehserie wie "The Bridge" mit Diane Kruger hat sich dieses Themas schon unterhaltsamer angenommen.

Wie man es nun aber dreht und wendet und was auch immer man sich als Interpretation zurechtschustern mag: Es ändert alles nichts daran, dass "The Counselor" als Film nicht wirklich aufgeht. Das Potenzial ist da, die einzelnen Elemente sind reizvoll. Doch all das lässt einen ziemlich ratlos zurück, im großen Ganzen wie auch in kleinen Details. Wirklich wundern, wenn der Film in einigen Jahren plötzlich als Kultklassiker wiederentdeckt wird, würde man sich allerdings auch nicht. Und sei es auch nur wegen Cameron Diaz auf der Windschutzscheibe und ihrem Sportwagen-Quickie.


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