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Donald Sutherland - Star in "Die Tribute von Panem": Mit bald 80 der beste Bösewicht

Es gibt Stars, die sind größer als alle ihre Rollen zusammen. Donald Sutherland ist so einer. Das macht seinen Snow in "Mockingjay" um so erschreckender. Ein Gespräch über Angst, das Böse und Vietnam.

Von Sophie "Primrose" Albers Ben Chamo

Brachial gut: Donald Sutherland spielt in den "Tributen von Panem" den brutalen Diktator Snow

Brachial gut: Donald Sutherland spielt in den "Tributen von Panem" den brutalen Diktator Snow

Es gibt Filmstars, und es gibt Leinwandwesen. Letztere atmen Kino, beherrschen die großen Gesten, aber auch die winzigkleinen, die kaum einer sieht, die aber alles sagen. Häufig sind es Menschen, die man im Raum spürt, wenn sie noch gar nicht zu sehen sind. Sie sind nicht unbedingt schön, aber jeder möchte in ihrer Nähe sein. Sie sind nicht schrill, sondern hochintelligent. Niemals laut, dafür zutiefst menschlich. Und man möchte ihnen den ganzen Tag zuhören, weil sie tatsächlich etwas zu sagen haben. Sie sind Vorbilder. Sie hatten welche. Sie sind die letzten ihrer Art. Und tragischerweise wissen sie das meist sogar selbst.

Da kann man schon mal weiche Knie bekommen, wenn man Donald Sutherland trifft. Und das nicht weil er gerade für seinen Präsident Snow in "Mockingjay" den Preis als bester Bösewicht gewonnen hat.

Von "Mash" bis "Mockingjay"

Sutherland, geboren in Toronto, Kanada, hat wie die meisten wahrhaftigen Schauspieler am Theater angefangen. Aber der Mann mit dem großflächigen Gesicht, den großen Augen und Zähnen landete schnell vor der Kamera. Robert Aldrichs Kriegsfilm "Das dreckige Dutzend" von 1967 machte den Anfang, Robert Altmans Komödie "MASH" war der Durchbruch. "Wenn die Gondeln Trauer tragen" ist bis heute ein Klassiker. Drama oder Komödie, Historie oder Sci-Fi, Kino oder TV ist bei Sutherlands Talent Nebensache. Auch mit bald 80 ist er eine Erscheinung. Riesengroß, selbst wenn er auf einem Sofa sitzt, irgendwie alterslos, wenn er in Fahrt kommt. Und so aufmerksam, so belesen und reflektiert, dass alles, was er mit tiefer, voller Stimme erzählt, klingt, als habe er es gerade eben erst erlebt. Egal, ob es um "Mockingjay" geht oder um den Grund, warum er Ende der 1950er Jahre beschlossen hat, Schauspieler zu werden. Sutherland ist ein Augenblicke-Bildhauer. Er macht diesen Job seit mehr als 50 Jahren - in Vollendung.

Mister Sutherland, wissen Sie noch, was Lampenfieber ist?

Es ist schrecklich! Wenn ich einen Film mache, muss ich mich am Abend vor Beginn der Dreharbeiten übergeben und kann nicht schlafen.

Gute Güte, immer noch?

Immer! Du betrittst unbekanntes Territorium. Bertolt Brecht hat mal geschrieben: Es geht um einen Austausch mit dem Publikum. Du hast Verantwortung. Du hast den Zuschauern gegenüber die Verpflichtung, eine Art Wahrheit zu liefern. Dein ganzes Leben findet sich in diesem Prozess wieder, und bevor du anfängst, bist du eben nicht entspannt. Es ist ein leidenschaftliches Unternehmen. Voller Wunder, Glücksgefühl, aber auch sehr viel Angst davor, dass du scheiterst oder enttäuschst. Dass du deinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht wirst, dass du die Wahrheit nicht findest, oder dass sie die Menschen nicht erreichen wird. Dann wärst du ein Versager. Am Ende ist es Aufregung. Ich sage immer: Du musst versuchen, leidenschaftlich zu bleiben. Leidenschaft ist die einzige Medizin gegen Langeweile.

Glauben Sie heute noch, dass Filme Menschen ändern können?

Es ist ein bisschen komplizierter als das. Filme können dich in eine Situation bringen, die dich verändert. 1956 oder '57 habe ich in Toronto studiert. Ich hatte den Nachmittag frei und wollte ins Kino. Da liefen zwei Filme, ich habe gar nicht geguckt welche, sondern bin einfach rein. Es war ein italienischer Film über eine junge Frau und einen Bodybuilder. Anthony Quinn war der starke Mann und Giulietta Masina die Frau. Es war Fellinis "La Strada".
Sutherland summt die Melodie, sein Gesicht strahlt wie eine Lampe
Als ich aus dem Kino kam, war ich verliebt. Dann bin ich in den nächsten Film gegangen. Da lief Stanley Kubricks "Paths of Glory". Als der mit mir fertig war, war mein Leben ein anderes. Ich bin die Straße runtergelaufen, habe Steine aufgehoben und zu Boden geschmissen.
Er scheint immer noch danach zu greifen und vor Tatendrang fast zu platzen
Alles war anders! Alles! Alles passte plötzlich zusammen! Genau das meine ich damit, dass Filme etwas verändern: Filme können zu Entscheidungen im Leben führen.

Auch "Die Tribute von Panem"?

Ich hoffe, dass "Die Tribute von Panem", wenn die vier Filme abgeschlossen sind, bewirken, dass Menschen begreifen, dass sie eine Verpflichtung haben, am demokratischen Prozess teilzunehmen. Dass sie ihre Hintern hochkriegen müssen. Sie müssen etwas ändern. Denn wir brauchen Veränderung.

Was hat Sie an Präsident Snow am meisten überrascht?

Seine Liebe für Katniss Everdeen. Sie hätte seine perfekte Nachfolgerin sein können. Er bewundert ihren Instinkt, ihre Fähigkeiten, ihre Korrektheit
Sutherland sieht plötzlich wirklich aus wie Snow und seufzt
Es enttäuscht ihn ungemein, dass er ihren Tod veranlassen muss. Und das wird er ohne weiteres tun. Er hätte es aber gern, dass sie überlebt.

Donald Sutherland 1980 in "Bear Island"

Donald Sutherland 1980 in "Bear Island"

Kein Bösewicht hält sich selbst für den Bösewicht.
Nein, und wenn er es täte, wäre er keiner. Ich kann alles, was Snow tut, logisch nachvollziehen. Ganz objektiv kann ich sagen, dass Lyndon B. Johnson ein Bösewicht war. Er hat den Tod von 50.000 Menschen verursacht und den unzähliger Vietnamesen. Mein Sohn ist mit der Tochter einer Vietnamesin und eines Amerikaners verheiratet. Wir waren da, als ihre Tante gestorben ist an einer seltenen Art von Leukämie. Und ich habe gefragt "Warum ist es selten?" Und sie sagten, dass es nur Vietnamesen bekämen. Und ich sagte "Moment mal..." Und der Arzt sagte "Ja, es kommt vom Agent Orange." Daran ist sie vor zwei Jahren gestorben.
Sutherland braust auf. Man kann sich gut vorstellen, wie er in jungen Jahren an der Seite Jane Fondas gegen den Vietnam-Krieg gekämpft hat
Ich muss vorsichtig sein. Ich bin wirklich sehr wütend.

Glauben Sie, dass die Welt ein schlimmerer Ort geworden ist, oder dass sie schon immer so war?

Sie war es schon immer.

Warum sind die Menschen so indifferent?

Wir haben nur eine kurze Lebenszeit.
Er lacht irgendwo zwischen Fatalismus und Verzweiflung
Es ist grausam. Und wir versuchen einfach, unseren eigenen Weg zu machen. In einem gewissen, jungen Alter glauben wir, dass das Leben immer so weitergeht, und dass wir etwas ändern können. Aber je älter wir werden, desto selbstgefälliger werden wir und hoffen nur noch, unser eigenes Leben zu verbessern.
Er sinkt ein bisschen in sich zusammen, richtet sich aber gleich wieder auf
Das ist ein garstiges Thema.

Wenn Sie Ihrem jüngeren Selbst, sagen wir 1967-"Das dreckige Dutzend"-Donald, einen Rat geben könnten, welcher wäre das?

Pause
Oh, ich hätte einen Rat für ihn...
Sutherland ist plötzlich aufgewühlt
Ich würde ihm sagen: "Wenn du Francine (Anm. Sutherlands Frau seit 1972), triffst, verbringe nicht einen Tag ohne sie. Nicht einen!