"Up in the Air" Als die Frauen George Clooney unterwarfen


Männer haben es im Kino derzeit schwer. Wie der Megafilm "Avatar" stellt auch "Up in the Air" klar, dass Frauen die besseren Krieger sind. Jason Reitmans Zeitgeist-Porträt ist die feierliche Enteierung von Super-Gentleman George Clooney.
Von Sophie Albers

Es gibt diese Psychotests, die Männlichkeit und Weiblichkeit anhand favorisierter Formen erkennen wollen: Kritzeln Sie beim Telefonieren Eckiges, Pfeile, Haken, Geraden, dann sind Sie ein Mann - oder wären gern einer. Malt Ihr Stift dagegen Kreise, Wellen, Rundes, schlägt das Östrogen durch. So einfach ist das manchmal.

Demnach ist das Geschlecht bei Jason Reitmans Film "Up in the Air", der bereits begeistertes Kritikerlob und Oscar-Nominierungen eingefahren hat, sofort klar: Schon im Vorspann werden die Bilder in Rechtecke zerlegt, dann sieht man Pfeile, Geraden, Bremsspuren auf der Rollbahn eines Flughafens. Das erste Gesicht ist das eines Mannes. So das zweite. Und als nach wenigen Minuten der Star ins Bild kommt, wird erstmal geflucht. Wir befinden uns auf männlichem Territorium.

Und bleiben da auch. Als Nächstes gibt es eine kleine Präsentation zur Effizienz der Emotionslosigkeit (Koffer packen für Fortgeschrittene), gefolgt von einem Vortrag in Sachen "Reisen mit leichtem Gepäck", wobei damit das Leben selbst gemeint ist. "Wie viel wiegt Ihr Leben?" Es sollte leicht sein, denn "Bewegung ist Leben". Oder auch "Wir sind keine Schwäne, wir sind Haifische". Ryan Bingham, dem ultimativen Gentleman George Clooney auf Gesicht und Leib geschrieben, verankert das romantische Männerbild des einsamen Wolfes in einem modernen Floskel-Fundament, das sich amerikanisch-gut nach Freiheit anhört. Die Freiheit, die er braucht, um seinen Job auszuüben.

Der Film zur Krise

Ryan Bingham mit den warmen Clooney-Augen ist ein professioneller Rausschmeißer aus dem Berufsleben. Er nimmt feigen Weicheier-Chefs die Arbeit ab, indem er Angestellte entlässt, die er vorher nie gesehen hat und danach auch nie wieder sehen wird. Und Bingham hat viel zu tun. Kreuz und quer durch Amerika treiben ihn die Spar- und Schrumpfungsprogramme. Der Film zur Krise.

Während das Leben der anderen den Bach runtergeht, lebt Bingham im Paradies, schnurrt mit seinem leichten Gepäck von der Flughafen-Lounge in die Businessklasse, vom Flieger ins Hotel und zurück. Elegant, fast schwerelos treibt er durch Raum und Zeit, ohne irgendwo anzustoßen. Außer er will Sex, und den gibt's in der Hotelbar. Bingham liebt sein Leben und auch seinen Job, weil der sein Leben ist. Einziges Ziel sind zehn Millionen Flugmeilen, weil er dann eine Platinkarte und ein Flugzeug seinen Namen bekommt. Territorium markieren, nennt man das.

Cherchez la femme

Doch dann kommt Sand ins Getriebe, Rundungen schieben sich in Binghams Blickfeld, umflossen von fliederfarbenem Satin, dazu volle Lippen, große Augen in einem Gesicht umrahmt von weizenblonden Wellen. Die Frau ist da und legt Bingham flach mit den Worten "Betrachte mich so, als wäre ich du, nur mit einer Vagina." Und bevor der sich besinnen kann, kommt auch schon die nächste: Ein sehr runder Kopf beherbergt das Hirn von Uniabsolventin Natalie, die den Vielflieger für immer auf den Boden bringen will, indem sie seinen Job überflüssig macht. Ist doch billiger, die Leute in Videokonferenzen zu feuern, anstatt überall hinzufliegen. Der Hai fängt an zu zappeln.

Weil jedes weitere Detail den Genuss dieses großartigen Films zerstören würde, nur so viel: Nie war Hollywoodkino im selben Augenblick so aktuell und zeitlos, so traurig und lustig, so real und märchenhaft, so Mainstream und so subtil. Regisseur Jason Reitman, der das Publikum vor drei Jahren in "Juno" mit der Geschichte eines schwangeren Teenagers verzauberte, hat perfekte Bilder für den Zeitgeist gefunden, der uns derzeit immer wieder aus den Schuhen haut.

Brasilianisches JiuJitsu

Die Wirtschaft ist in der Krise, weil der Mann in der Krise ist, weil die Liebe in der Krise ist, weil die Gesellschaft in der Krise ist, weil die Wirtschaft ... Am Ende steht man vor der Frage, ob die Henne oder das Ei zuerst da war. Und wer - außer der Werbung - uns eigentlich versprochen hat, dass wir glücklich sein müssen.

"Up in the Air" ist vieles, aber vor allem auch ein großartiger Frauenfilm. Hier wird die Männlichkeit nicht mit Äxten und 3-D-Technik erledigt, wie im ebenfalls anlaufenden zweiten Teil von Stieg Larssons "Millennium"-Trilogie und im immer noch dauerausverkauften "Avatar". Hier wird hart am Boden gekämpft wie beim brasilianischen JiuJitsu. Die Kraft des Gegners wird genutzt, um ihn zu schwächen und zu brechen. Das Runde umschließt das Eckige bis zur Kampfunfähigkeit. Und dabei lächelt es und stolpert manchmal ein bisschen, weil der Bleistiftrock zu eng ist. Und der Blick des Mannes verliert sich im fluffig-kuscheligen Weiß grenzenloser Wolkenlandschaften.


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