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Bela B.: Übersetzen bis der Arzt kommt

Pädagogisch unwertvoll und politisch unkorrekt: "Terkel in Trouble" ist ein anarchisch-schräger Animationsfilm aus Dänemark. stern.de hat Bela B. von den Ärzten interviewt, der sämtliche Figuren synchronisiert hat.

Wie kam die Zusammenarbeit zustande?

Ganz offiziell bin ich gefragt worden. Ich war der Wunschkandidat. Es wurde jemand gesucht, der auch singen kann. In den letzten Jahren habe ich auch Hörbücher gemacht, und Anfang des Jahres kam auf MTV eine Zeichentrickserie, in der ich eine Figur gesprochen habe. Deswegen wusste man, dass ich Sprecherfähigkeiten mitbringe. Die Herausforderung, alle Figuren bis zur kleinsten Nebenfigur zu sprechen, war aber schon ein Wagnis, auch für mich. Aber ich wollte das unbedingt machen.

Wie muss man sich das vorstellen - Sie sind im Studio gestanden und haben einen Dialog mit sich selbst geführt?

Ja, fast. Die ersten zwei Tage habe ich nur die Frauenrollen mit Kopfstimme gesprochen, das ist sehr anstrengend. Den Anfang machte Rita. Rita, die hypochondrische und kettenrauchende Mutter von Terkel, hat 50 Sätze oder Atmer oder Reaktionen. Die habe ich dann hintereinander durchgemacht. So lernt man eine Figur richtig kennen. Ich muss zugeben, dass ich nicht über die Bandbreite so vieler verschiedener Stimmen verfüge. Deswegen sind die Regisseurin Heike und ich das schauspielerisch angegangen, und ich habe jeder Figur Charaktereigenschaften gegeben. Dass ich dann tatsächlich so unterschiedlich klingen würde, hat mich selbst überrascht. Manchmal hatte die Regisseurin konkrete Vorstelllungen, manchmal kam ich mit Vorschlägen an, bei einigen Figuren hatte ich Sonderwünsche, so wurde jede Figur richtig erarbeitet. Wenn man überlegt, dass es 15 Hauptfiguren und 25 bis 35 Nebencharaktere gibt, kann man sich den Umfang der Arbeit vorstellen.

Sind Sie am Tisch gesessen, oder haben Sie die Rollen richtig gespielt?

Ich habe gestanden, sitzen hätte mich behindert. So richtig mit Körpereinsatz war die Rolle von Jason, dem besten Freund von Terkel. Der ist Hiphopper und stößt die Worte ganz knapp aus. Im dänischen Original ist das ein bisschen anders, aber bei deutschem Hiphop ist mir das aufgefallen. Ich habe immer Schlagbewegungen gemacht und musste aufpassen, dass ich die teuren Mikros nicht zerstöre. Aber das hat meiner Meinung nach der Figur Authentizität verpasst. Es war schon mehr, als nur die Stimmbänder zu benutzen.

Was ist Ihre Lieblingsfigur?

Oh, das ist schwierig. Es sind ganz unterschiedliche Figuren, und jede hat extreme Eigenschaften. Terkel ist aber der absolute Held. Die Projektionsfläche für unser Mitgefühl. Als Fan des 1. FC Pauli, der sich grad in der Regionalliga durchbeißt, kenne ich mich mit Mitgefühl aus. Je mehr Unglück Terkel zustößt, desto mehr wollen wir ihm helfen. Deswegen ist es meiner Meinung nach auch ein perfekter Weihnachtsfilm. Dann ist da noch sein Onkel Stewart, ein ständig besoffener, superproletarischer Typ, der obendrein noch beim Kindernotdienst arbeitet. Eine Figur, die ich extrem mag, ist Arne, der Musiklehrer, der immer voll hippiemässig mit diesem Prinz-Eisenherz-Haarschnitt rüberkommt und so fiese Kommentare ablässt, dass dir das Popcorn im Hals stecken bleibt. So einen Typ hat es auch in meinem Leben gegeben - allerdings als Sozialkundelehrer. Oder die kleine Schwester von Terkel. Es ist schmerzhaft, ihr zuzusehen, welche Verletzungen sie sich im Laufe des Films zuzieht... ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Ich habe auf den Standbildern so viele Details gesehen und freue mich, wenn es diesen Film auf DVD gibt und ich meinen Freunden all den Kleinkram zeigen kann, den man im Kino eventuell übersieht.

Es ist ja ein ganz anderes Bild von Dänemark, das bei "Terkel in Trouble" transportiert wird. Weniger soziale Idylle als blutrünstiges Ghetto.

Im Prinzip kann die Geschichte überall spielen, man kann sie auf ganz Europa projizieren. "Terkel in Trouble" basiert auf einer extrem erfolgreichen Radioshow, die in ganz Dänemark zu hören ist. Wo haben wir in Deutschland schon eine Radioshow, die im ganzen Land zu hören ist und dann auch noch ein Hit wird? Daran merkt man, wie klein Dänemark ist. Gleichzeitig ist das Land eine der führenden Filmnationen in Europa, nicht nur wegen Lars von Trier, auch wegen vieler anderer Sachen. Und es wird schwer für Walt Disney und Pixar und wie sie alle heißen, "Terkel in Trouble" etwas entgegen zu setzen!

Es wird viel Blut und Gewalt gezeigt - würden Sie Ihre Kinder da reinschicken?

Ich bin ja bekannt dafür, dass ich ein großer Horrorfilm-Fan bin. Als Kind habe ich schon Gruselfilme im Fernsehen gesehen, und es hat mir nicht geschadet. Wir wussten nicht genau, welche Altersfreigabe der Film bekommen würde, aber das Blut färbt die Weihnachtszeit schon recht rot. Meine Nichte, die ist acht, würde ich nicht mitnehmen. Aber mein Neffe mit zwölf darf den Film sehen, der wird riesigen Spaß haben. Der wird nicht aus dem Film laufen und irgendwie "rumsplattern" wollen. Wir sollten unsere Kinder nicht unterschätzen. Klar ist der Film heftig, aber auf eine spielerische Art. Aber ich bin sowieso der Meinung, dass das Zielpublikum ein bisschen älter sein wird.

Haben Sie sich selbst erkannt in diesen doch recht typischen Schulsituationen?

Ein bisschen. Ich war eher der Klassenclown, so einen gibt es nicht im Film, der würde zu sehr ablenken. Es gibt den vorlauten Klassenstreber, den Hiphopper, den Dreikäsehoch, der alle provoziert und anmacht, weil er einen dreimal so großen Freund hat, der ihm beisteht. Es gibt die Mädchenclique, die total scharf auf den neuen Aushilfslehrer ist - alles sehr typisch. Meine Mutter hat extrem viel geraucht als ich klein war, auch in meiner Gegenwart. Und es gibt eine Figur, die sehr dicht an meiner Stimme ist, und ich spreche sie verhältnismäßig normal: es ist der Aushilfslehrer Gunnar, aber über den möchte ich noch nicht zu viel verraten.

Wie hat Ihre Stimme die Strapazen durchgehalten?

Ich habe das neun Tage lang gemacht und einen Tag darauf für ein Demo einen Song eingesungen. Meine Stimme war total fertig - aber irgendwie ging es noch. Wir haben den Part von Onkel Stewart, der nur rumbrüllt und schreit, extra auf den letzten Tag gelegt. Das war ziemlich heftig. Am Anfang stand ich acht, neun Stunden im Studio, dann wurden es 13, 14 Stunden, teilweise ohne Pause, wir mussten da durch, aber es ist wie im richtigen Leben, ich fasel und fasel...

...und schon ist unsere Interviewzeit auch vorbei...

...worauf ich übrigens besonders stolz bin: Es ist der erste Film, an dem ich beteiligt bin, der von MAD empfohlen wird, der hat also quasi das Alfred-E.-Neumann-E.-Siegel.

Interview: Kathrin Buchner
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