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Berlinale 2017: In ist, wer drin ist: Das harte Los der Jungschauspieler

Es ist das größte Branchentreffen der deutschen Filmszene: Jedes Jahr blicken zahlreiche Schauspieler sehnsüchtig auf die Berlinale-Partys. Wie schafft man es auf den roten Teppich? Und was passiert, wenn man drin ist? Ein Abend zwischen Abweisung und Bussi, Bussi.

Berlinale

Die Schauspielerinnen Felicitas Woll und Nova Meierhenrich beim Medienboard Empfang - einem der wichtigsten Events während der Berlinale

Jetzt bloß nicht hingucken. Betont unauffällig streift sich Julia das kleine Stoffband ums Handgelenk. Es ist ihre Eintrittskarte zu einer der zahlreichen Berlinale-Partys, die momentan in der Stadt gefeiert werden. Draußen vor der Tür des Berliner Luxushotels hat sie es einem Gast abgeschwatzt, dafür bei minus fünf Grad in der Kälte ausgeharrt. Da passiert es: Der dünne Stoff reißt, das Band ist futsch. "Scheiße!", flucht Julia leise. Und reagiert blitzschnell: "Hat jemand Kaugummi?" Von einer Freundin lässt sie sich einen direkt in die Hand spucken. Kurz darauf hält das Band wieder - nur kleben an Julias Mantel jetzt zähe Kaugummifäden. Glamourös ist anders.

Julia ist 30, arbeitet als Schauspielerin und will ihren richtigen Namen nicht nennen. Den würden die meisten Menschen nicht kennen, obwohl es nicht schlecht bei ihr läuft. Regelmäßig ist sie in Nebenrollen im TV zu sehen, in ZDF-Spielfilmen oder Sat.1-Serien - doch für eine Einladung zu den großen Berlinale-Partys reicht es nicht. So wie sie stehen jedes Jahr junge Schauspieler vor den Empfängen und Feiern anlässlich der Filmfestspiele und warten die passende Gelegenheit ab. Schmuggeln sich durch den Kücheneingang oder mit falschen Bändchen zu denen, die drinnen Kontakte knüpfen. Denn darum geht es an Abenden wie diesen: Leute sehen, gesehen werden, dazugehören.

Nespresso

Die Schauspieler Lea van Acken, Emilia Schüle, Tim Oliver Schultz und Tom Wlaschiha bei einem Networking-Event von Nespresso während der Berlinale. Solche Einladungen sind begehrt.


Alles für Vitamin B: Wer ist der letzte auf der Tanzfläche?

Die Auswahl an Events ist groß, Filmproduktionsfirmen laden ein, ebenso Magazine wie "Gala" oder "Bunte", Konzepte wie "Movie Meets Media" sind speziell zum Networking gedacht. Drinnen tummeln sich Caster, Regisseure, Agenten. Vor dem Häppchen-Buffet stehen sie Schlange, Sponsoren verteilen Goodie Bags, zum Trinken gibt es mehr als genug. Julia und ihre Freunde schnappen sich erst einmal einen Gratis-Drink. "Wir wollen auch einfach einen guten Abend haben", sagt einer von ihnen. 

Die geladenen Promis nutzen die Möglichkeit, am roten Teppich Interviews zu geben, die meisten Gespräche dauern nicht länger als drei Minuten - eine sehr effiziente Möglichkeit, sich in den Medien zu platzieren und Aufmerksamkeit für die eigene Marke zu generieren. Wie wichtig das ist, das merken auch etablierte Schauspieler wie Tim Oliver Schultz. Der 28-Jährige hat sich durch die erfolgreiche Vox-Serie "Club der roten Bänder" einen Namen machen können. "Plötzlich wollen Regisseure mich als Hauptrolle, damit eine Filmförderung wahrscheinlicher wird und bestimmte andere Schauspieler mit an Bord kommen. Da ist ein Marktwert", erzählt er auf einem Sponsoren-Event am Rande der Berlinale.

Und diesen Marktwert gilt es zu halten. "Ich mag die Berlinale-Partys und bin manchmal auch gerne auf der Tanzfläche. Das ist dann schön, wenn man sich beim Casting wieder trifft und sich an einen geilen Abend erinnert - das bricht das Eis.", sagt Schultz. Präsenz in den sozialen Netzwerken ist ebenfalls wichtig. Instagram nutze er rein beruflich, lädt dort Bilder von Werbe-Terminen, Dreharbeiten oder Preisverleihungen hoch und verlinkt seine Schauspielkollegen.

Ständige Abweisung gehört zum Schauspieler-Dasein dazu

Julia freut sich deshalb, als sie eine bekannte Teilnehmerin von "Germany's Next Topmodel" auf der Party kennenlernt: "Krass, die folgt mir jetzt auf Instagram und kommentiert meine Bilder!" Solche Beziehungen knüpfen sich schnell, begrüßt wird sich auf diesen Events meist mit Küsschen - wer weiß, wozu der andere noch gut sein könnte. Und sie hat noch einmal Glück: Eine Casterin ist auch da und erkennt sie wieder. Das letzte TV-Projekt lief gut, die Quoten stimmten, Julia bekommt Lob.  

Dass es so glatt läuft, ist nicht selbstverständlich: Mehr als einmal hat Julia schon ein "Hier kommst du nicht rein" gehört oder nach Castings Absagen kassiert. Die ständige Abweisung kann manchmal hart sein - sogar für erfolgreiche Schauspieler wie Emilia Schüle. Die 24-Jährige dreht fast das ganze Jahr über, steht bei der Berlinale auf jeder Gästeliste und durfte auf der Party der "Bild"-Zeitung für ein Fotomotiv auf einem Schimmel durch das Promi-Restaurant "Borchardt" reiten. Mehr "drin" geht eigentlich nicht. Trotzdem kennt sie auch Zweifel.


"Kürzlich hatte ich das erste Mal seit über einem Jahr wieder eine Absage für eine ganz kleine Rolle. Ich hab richtig gemerkt, dass ich wieder lernen musste, damit umzugehen. Das hat mich irrational mitgenommen, ich war einfach total wütend," erzählt Schüle. Eben weil es so schnell wieder vorbei sein kann - vor allem für kleinere Namen: "Wer vielleicht vor zwei Jahren viel gedreht hat, aber letztes Jahr wenig, findet leider meist kaum noch Beachtung auf den Gästelisten. Da ist es auch für einen Agenten manchmal schwer, Überzeugungsarbeit zu leisten", sagt der Schauspiel-Agent Alexander Pat, der seine Klienten auf bis zu acht Partys pro Berlinale unterbringt.

Der Traum von den Einladungen zu den Partys der Berlinale

Damit muss man umgehen können - oder kreativ werden wie Julia. Manchmal reicht nur eine Rolle, um alles zu verändern. "Bei mir war es sicherlich der 'Tatort'. Da stand das Telefon über Nacht nicht mehr still, ich hab riesige Resonanz bekommen," erinnert sich Schüle an ihren Durchbruch im Furtwängler-Krimi "Wegwerfmädchen" von 2012. Es sind Geschichten wie diese, die Schauspieler wie Julia hoffen lassen: Dass irgendwann der eine Moment kommt, der alles verändert, der die Einladungen ins Haus flattern lässt. Damit sie nächstes Jahr offiziell auf der Berlinale feiern kann - ganz ohne Kaugummi am Arm.