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"Crash Test Dummies": "Waiten's"

Der österreichische Humor ist immer etwas kruder als der deutsche. Mit "Crash Test Dummies" hat Regisseur Jörg Kalt einen ebenso komischen wie wunderbar sinnlosen Film abgeliefert.

Von Florian Güßgen

Das Tempo ist wichtig in dem Film. Es gibt schnelle Menschen, die drängeln und drücken, die irgendetwas treibt. Und es gibt die Langsamen, die irgendetwas zurückhält, niederdrückt.

Es ist die Zeit um den 1. Mai 2004, den Tag, an dem die Europäische Union zehn neue Mitglieder aufgenommen hat. Die jungen Rumänen Ana (Maria Popistasu) und Nicolae (Bogdan Dumitrache) machen Tempo. Sie sind ein junges Pärchen aus Bukarest, und sie brauchen Geld. Deshalb wollen sie ein gestohlenes Auto in Wien abholen, um es gegen Bezahlung in der rumänischen Hauptstadt abzuliefern.

Ungeplanter Wien-Aufenthalt

Mit dem Bus fahren die beiden nach Wien, wo alles durcheinander gerät. Der Mann, der den beiden am Bahnhof Wien Mitte das Auto übergeben soll, hat das Fahrzeug nicht. Er vertröstet sie auf die nächste Woche. Was also tun, in der fremden Stadt, ohne Geld? Schnell kommt es zum Streit, Ana und Nicolae trennen sich.

Erst jetzt beginnt für jeden der beiden die eigentliche Odyssee durchs neonlichte Wien. Nicolae, der genug hat von der beklemmenden Enge des heimischen Wohnblocks, will raus, etwas erleben. Deshalb kommt ihm seine neue Bekanntschaft, die blonde Reisebüro-Angestellte Dana (Viviane Bartsch) nur recht. Dana garantiert Tempo, schnelle Beats und Sex. Nicht überall kann Nicolae mithalten.

Geld mit Unfall-Simulationen

Ana dagegen trifft die anderen, die Langsamen, die von Familie und Vergangenheit belastet durch das fahle Wien tapsen. Jan, den angehenden Kaufhausdetektiv (wunderbar: Simon Schwarz) zum Beispiel, der aussieht wie eine Mischung aus dem jungen Boris Becker und Angela Merkel, und der sich sogar ein wenig in die Rumänin verlieben darf. Oder Martha (Kathrin Resetarits), Jans Mitbewohnerin, die sich ihr Geld als Crash Test Dummy verdient, als menschliche Versuchspuppe für Auto-Unfall-Simulationen und dabei wie in Trance durchs Leben schwebt.

Vor der Kulisse Wiens lässt Kalt die Schnellen und die Langsamen nun gegeneinander laufen, lässt sie miteinander spielen, reden und webt sie dabei ein in ein eng zusammenhängendes Beziehungsgeflecht. Mit seinen Dialogen gelingt es ihm dabei manchmal sogar, in Dietlsche Höhen ("Kir Royal") aufzusteigen. Genial ist etwa jene Dame am Hotel-Empfang, die Nicolae irgendwann nachruft: "Bitte Waiten's".

Befreiend sinnlos

Kalts Film wird nicht von einem einzigen, Handlungsstrang vorangetrieben. Im Gegenteil, die Handlung ist befreiend sinnlos, und doch lässt sie keine Langeweile zu. Vielmehr sind es die liebevollen und nachsichtigen Porträts seiner Protagonisten, über die es ihm gelingt, ein Lebensgefühl wach zu rufen. Er zelebriert die Lust, sich andere Menschen anzusehen, ohne sie jedoch ihrer Macken und Marotten zu berauben. Denn so verschieden Kalts Figuren auch sind, einerlei, ob schnell oder langsam, so sehr sind sie doch im Prinzip mit ihrem Leben zufrieden. Zwar singt die wechselfreudige Dana auf einer Party irgendwann das Peter-Cornelius-Lied "Reif für die Insel" in das Karaoke-Mikrofon. Aber eigentlich weiß sie, dass es ihr auf jeder Insel über kurz oder lang zu langweilige werden würde. Während Ana und Nicolae ihre eigene Geschwindigkeit noch suchen, hat Dana sie längst gefunden.

Auf der Berlinale läuft "Crash Test Dummies" in der Sektion "Internationales Forum des Jungen Films", in der Erstlingswerke und Experimentelles gezeigt werden. Noch hat Regisseur Kalt keinen Verleiher gefunden. Dem Beifall des Publikums nach zu schließen dürfte es allerdings nicht mehr lange dauern, bis sich das ändert.

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