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Berlinale: Goebbels ohne Filter

Er war Marketing-Chef der Nationalsozialisten und glühender Antisemit. In dem Film "Das Goebbels-Experiment" darf der Propagandaminister nun wieder ungefiltert zu Wort kommen.

Von Florian Güßgen

Der Berliner Gauleiter ist niedergeschlagen. Es gäbe da einige mächtige Parteigenossen, die ihm seinen Posten neideten, vertraut er Ende der 20er Jahre seinem Tagebuch an. Hitler unternehme nichts, um die Intrigen gegen ihn zu beenden. Der Mann ist frustriert, enttäuscht, fühlt sich im Stich gelassen, will alles hinwerfen.

Der Spin-Doctor des "Führers"

Geblieben ist Joseph Goebbels dann doch – und zu einer der wichtigsten Säulen im Machtgefüge des Nazi-Regimes geworden. Einpeitscher der Nationalsozialisten war er schon vor 1933, nach der Wahl Hitlers zum Reichskanzler wurde er Propagandaminister, der jüngste Minister Europas. Er war der Marketing-Chef, der Spin-Doctor des "Führers". Am 18.Februar 1943, als Nazi-Deutschland im Krieg gegen die Alliierten die letzten Kräfte mobilisierte, war es Goebbels, der im Berliner Sportpalast in die aufgeheizte Menge hineinschrie: "Wollt ihr den totalen Krieg?"

In Bernd Eichingers Spielfilm "Der Untergang" wurde Goebbels als einer der letzten treuen Vasallen Hitlers gezeigt, seine Frau Magda als fanatische Hitler-Anhängerin, die vor dem Selbstmord im Bunker die eigenen sieben Kinder vergiftet.

Goebbels intim

Lutz Hachmeister, Medienexperte und Ex-Direktor des Adolf-Grimme-Instituts und Michael Kloft, Chef-Historiker bei "Spiegel-TV" geben Goebbels nun die Möglichkeit, seine Lebensgeschichte zu erzählen. In ihrer Dokumentation "Das Goebbels-Experiment", die auf der Berlinale Weltpremiere hatte, lassen sie Auszüge aus Goebbels Tagebüchern vorlesen – in der deutschen Fassung von Udo Samel, in der englischen von Kenneth Branagh. Sie bieten Goebbels intim, folgen ihm von der Wiege bis zur Bahre, von seiner Jugend im rheinischen Rheydt bis weit in den April 1945, als Hitler den Krieg verloren gab und im Führer-Bunker auf das Ende wartete.

Das ist spannend und neu, denn die Autoren gehen ganz nah an Goebbels heran, arbeiten heraus, was ihn zu seiner faszinierenden, zerrissenen Figur macht: Goebbels war ein gescheiterter Intellektueller, ein Verschmähter, wegen seines Klumpfusses auch ein Behinderter, der sich in Hitlers Schatten zu einem Mächtigen aufschwang, zu einem antisemitischen Hetzer, einem Frauenheld ("Bock von Babelsberg") mit Ehefrau und sieben Kindern. Das Tagebuch offenbart diese Widersprüche. Der Zuschauer erfährt, wie Goebbels litt, als als Journalist keinen Job fand, wie er seine Frau Magda Quandt kennenlernte, wie er sich auf die Sportpalast-Rede vorbereitete.

Risiko und Reiz des Film

Goebbels hat die Texte bis in den April 1945 verfasst. Er ließ sie auf Glasplatten sichern und außerhalb Berlins vergraben. Nach Kriegsende gruben sowjetische Soldaten die Platten aus und brachten sie nach Moskau. Erst 1990/91 wurden sie für westliche Historiker zugänglich gemacht und von Wissenschaftlern des Instituts für Zeitgeschichte in München Stück für Stück bearbeitet und veröffentlicht. Das erste Mal wurden die Texte nun verfilmt, insgesamt rund 7000 Druckseiten hat das Duo Hachmeister und Kloft für seinen Film auf 35 Manuskript-Seiten zusammengedampft.

Es macht den Reiz und das Risiko des Films aus, dass er Goebbels ohne Filter zeigt. Es gibt keine Hinweise auf die historischen Umstände, keine Einordnungen, keine Kommentare. Der Ansatz ist kühn, denn die Autoren trauen ihren Zuschauern viel zu. Sie erwarten ein umfangreiches Wissen über die Geschichte des Nazi-Regimes und den Holocaust, und sie geben dem Publikum die Freiheit, sich selbst ein Urteil über Goebbels zu bilden. Jeder muss für sich entscheiden, ob er Hitlers Propagandaminister für einen begabten Teufel hält oder für den Herold einer besseren Zeit. Es gibt kein oberlehrerhaftes Getue, dafür die Gefahr dass "Das Goebbels-Experiment" bei einer sächsischen NPD-Ortsgruppe genauso gut ankommen könnte wie bei dem intellektuellen Berlinale Publikum.

"Goebbels war schon im NS-Regime nicht besonders populär"

Hachmeister selbst sieht das gelassen. Für ihn eignet sich Goebbels nicht als Galionsfigur der deutschen Rechten. "Goebbels war schon im NS-Regime nicht besonders populär", sagte er. "Er galt als der Outsider, der Intellektuelle, der Doktor mit dem Klumpfuß, als derjenige, der sich opportunistisch an Hitler angenähert hat, um alle anderen auszustechen. Das ist er auch nach 1945 nicht geworden. Es ist nicht zu erwarten, dass diese sehr komplizierte, schizoide Figur eine Leitfigur der Rechten in der Bundesrepublik werden könnte," sagte er stern.de. Zu kompliziert sei der Film, zu vielschichtig - zudem sei auch in früheren Werken die Täterperspektive eingenommen worden, ohne von Rechten instrumentalisiert worden zu sein - etwa in Theodor Kotullas "Aus einem deutschen Leben", in dem Götz George den Auschwitz-Lagerkommandanten Rudolf Höss spielte, oder in Eberhard Fechners Dreiteiler "Der Prozess", der das Düsseldorfer Verfahren um das Konzentrationslager Majdanek dokumentierte.

Perspektivenwechsel sind irritierend

So ganz treu bleiben die Autoren der Täterperspektive dennoch nicht. Bei den Filmaufnahmen, die den Text unterlegen, wechseln sie hin und wieder die Perspektive. Mal gibt es zeitgenössisches Material zu sehen – etwa von Goebbels' erstem Auftritt als Abgeordneter des Reichstags – mal gibt es Ausschnitte aus US-Comic-Filmen über Nazis, mal etwas zu sehr stilisierte Gegenwartsaufnahmen von wichtigen Orten aus Goebbels' Leben. Auf den Zuschauern wirken diese Sprünge zuweilen irritierend.

Eineinhalb Jahre haben Hachmeister und Kloft insgesamt an der Dokumentation gearbeitet. Ab dem 14. April wird "Das Goebbels-Experiment" im Kino gezeigt, einige Monate später soll der Film dann im ZDF ausgestrahlt werden. Erst dann wird sich zeigen, ob das Publikum für den ungefilterten Goebbels bereit ist.