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Berlinale-Tagebuch: Tag 1: Rock-Opas im Lichtspielhaus

Während der gesamten Berlinale ist stern.de live vor Ort und fängt die Festival-Atmosphäre in der Hauptstadt ein. Täglich berichten unsere Autoren in einem Berlinale-Tagebuch von den Ereignissen rund um den Roten Teppich.

Von Bernd Teichmann

Sechsunddreißig Stunden vor Festivalbeginn kaum im Hotel angekommen und schon Kino geatmet. Direkt gegenüber der Bendlerblock, wo kürzlich noch Bryan Singer nach langem Hickhack Tom Cruise als deutschen Widerständler Stauffenberg inszenieren durfte. Direkt über der großen Treppe in der Lobby breite Transparente, die von Neuauflagen alten Trashs wie "Conan" und "Ninja" künden.

Ein paar Stunden später beim Abholen der Akkreditierung und des Postfachschlüssels beschleicht einen das Gefühl, sich um eine Woche vertan zu haben. Vorm Berlinale Palast ein heilloses Durcheinander aus Kabeln, Kisten, Kamerakran-Teilen, überall rotweiße Absperr-Banderolen, unter denen der Besucher hindurch muss, will er ins Gebäude, wo es ebenfalls aussieht wie auf einer Baustelle.

Über 20.000 Ticket-Anfragen

In den Arkaden indes, dem benachbarten Einkaufszentrum-Dampfer am Potsdamer Platz, steht bereits alles und läuft wie geölt. Der Vorverkauf für die begehrten Kino-Tickets hat schon begonnen, und die netten Kassenhäuschen-Insassen haben den ersten Anfall von Berlinale-Wahnsinn hinter sich. Am Freitag wird der indische Mega-Star Sharukh Khan erstmals nach Berlin kommen und in der Special-Sektion seine Hommage an das Bollywood der Siebziger, "Om Shanti Om", präsentieren. Über 20.000 Anfragen waren zuvor bei den Organisatoren eingegangen, doch den Zuschlag bekamen nur die Tapferen, die von vier Uhr morgens an vor den Verkaufsstellen kampierten. Fünf Minuten nach Öffnung der zwölf Kassen um zehn Uhr waren sämtliche Billets verkauft. Rekordverdächtig.

Ja, im verflixten siebten Jahr als Festival-Chef weiß Dieter Kosslick natürlich längst, welche Knöpfe er drücken muss, um Aufsehen zu erregen. Und gemäß Sam Fullers alter Regel, dass ein Film mit einer lauten Explosion zu beginnen habe, um sich dann langsam zu steigern, lässt er zum Auftakt gleich mal die Rolling Stones antreten. Martin Scorseses Konzert-Mitschnitt "Shine a Light" markiert die erste Dokumentation, die eine Berlinale eröffnet.

Vom Filmtheater zum Rockpalast?

Selbstredend waren da die Skeptiker sofort zur Stelle. Erst wurde mit Constantin Costa-Gavras eine Ikone des altmodischen Siebziger-Jahre-Polit-Kinos zum Jury-Präsidenten ernannt und nun auch noch vier alte Säcke vorgeführt, die trotz ihrer Meriten mit Kino eher sekundär etwas zu tun haben. Ist die Berlinale etwa von gestern? Mutiert der Berlinale-Palast zum Rockpalast angesichts der zahlreichen Musikfilme in den verschiedenen Sektionen - Dokus über Patti Smith und Crosby, Stills, Nash & Young, Produktionen um ugandischen Hip Hop, über phillippinische Rapper bis zu irakischem Heavy Metal?

Darüber darf man gerne diskutieren. Auch über die etwas gewagte These, die darbenden Branchen Kino und Musik würden ihren Krisen mittels verstärkter Crossover-Aktivitäten entgegenarbeiten. "Es hat sich so ergeben, dieses Jahr gibt es halt viele Musikfilme", entgegnet Kosslick den Analyse-wütigen Kommentatoren. Und bestimmt wird er in seinen roten Schal geschmunzelt haben, als der Pressekonferenzsaal bereits eine Stunde vor Audienzbeginn wegen Überfüllung geschlossen werden musste und abends auf dem Roten Teppich der - sorry, ein Euro ins Phrasenschwein - der Bär los war. Erste Rechnung schon mal aufgegangen.

Bei allem Buhei jedoch um Scorseses Stars: Der Film selbst ist kaum mehr als eine wenig innovative, dafür recht dynamische, freundliche Verneigung des Regisseurs an eine Band, die maßgeblichen Einfluss auf sein Oeuvre hatte. Die Live-Aufnahmen, an zwei September-Abenden 2006 im kuscheligen New Yorker Beacon Theatre festgehalten von einem halben Dutzend Top-Kameramännern unter Leitung des zweifachen Oscar-Gewinners Robert Richardson ("Aviator"), gehen nur selten in die Beine, weil die Song-Auswahl mäßig ausfiel und wohl jeder schon einmal irgendwann in seinem Leben einen Stones-Gig gesehen hat. "Die Musik steht. Und die Perfomance", sagt Scoresese. "Sie haben alles erzählt, rauf und runter.

Was will man mehr von ihnen wissen?" Recht hat er, und deshalb ist "Shine a Light" auch immer nur dann richtig fesselnd, wenn er sich von der Bühne wegbewegt, in den amüsanten, eingestreuten Doku-Schnipseln aus vergangenen Tagen und vor allem am Anfang, der die Vorbereitungen als kleines Making Of schildert und einen Regisseur zeigt, dessen Perfektionismus mit der Unberechenbarkeit seiner Hauptfiguren kollidiert.

Ob denn nach dieser Auftakt-Detonation die erhoffte Steigerung eintreten wird, bleibt natürlich wie immer abzuwarten. Wie gewohnt, sind wieder jede Menge Stars avisiert, darunter Madonna, Natalie Portman, Scarlett Johansson, John Malkovich, Penélope Cruz, Daniel Day-Lewis, Goldie Hawn, Willem Dafoe und Mia Farrow. Aber der Wettbewerb mit 26 Beiträgen, von denen 21, darunter die beiden deutschen Kandidaten "Kirschblüten - Hanami" und "Feuerherz", um den Goldenen Bären konkurrieren, rockt zumindest auf dem Papier weitgehend nicht so wirklich.

Aber wir wollen nicht schon am ersten Tag schon stänkern, und auch die kurzfristige Absage der beiden Jury-Mitglieder Sandrine Bonnaire und Susanne Bier nicht als schlechtes Omen verorten. Vergessen wir also sofort Dieter Kosslicks Eingeständnis: "Festivals sind relativ ernste Veranstaltungen, da ist Lachen nicht unbedingt angesagt." Und wünschen uns stattdessen für die kommenden zehn Tage: We will get satisfaction. Wir bleiben dran.