Berlinale-Tagebuch: Tag 9 Schmacht-Schmonzette mit Scarlett


Frühstück mit Deutschlands Kultschwulen, Kostümspektakel mit Hollywoods angesagten Jungschauspielerinnen Portmann und Johansson, und am Ende dreht die Berlinale noch mal richtig auf: "Be kind rewind - Abgedreht", das neue Werk von Michel Gondry, läuft leider außer Konkurrenz.
Von Kathrin Buchner

Polyester-Kleider, D-Prominenz und Champagner für 15 Euro das Glas. Frauen mit sorgfältig drapierten Hochsteckfrisuren, Männer im Smoking sitzen mit steinernen Mienen an den Tischen, die Tanzfläche ist leer, der Swing des Orchesters plätschert dahin. Selbst die Transvestiten sind No-Names und nicht Olivia Jones.

Als ob jemand den Slow-Motion-Modus angeschalten hätte, ist das Ritz-Carlton, noch am vergangenen Wochenende der Ort für quirlige Filmparties, in eine bräsige Langsamkeit versunken. Doch wer dem legendären Filmball nach fast 50 Jahren ein entsprechendes Comeback verschaffen will, muss ein wenig mehr springen lassen als einen Bier- oder Softdrinkgutschein pro Journalist und Ehrengast.

Immerhin ist dadurch frühe Bettruhe garantiert, und ich bin frisch fürs Zehn-Uhr-Frühstück mit Kultregisseur Rosa von Praunheim im Witwenviertel Wilmersdorf. Mit Diätmarmelade, Halbfettmargarine und Instant-Kaffee. Im Gang zur Küche stapeln sich Film-Kassetten in den Regalen, Berliner Altbau mit hohen Decken, leicht muffiger Geruch, Poster und Bilder bedecken die Wände, auf dem Boden liegt das Filmplakat zu "Meine Mütter" ausgebreitet. Rosas neues Werk, vielleicht das 70. oder auch das 71., ist die Suche nach seiner Herkunft.

Rosa von Praunheim entdeckt seine Geburt im Knast

Erst kurz vor ihrem Tod 2002 hat Mutter Mischwitzky gebeichtet, dass Holger ein Findelkind ist. Durch akribische und im Film Schritt für Schritt dokumentierte Recherche hat Holger-Rosa von-Praunheim-Mischwitzky-Radtke entdeckt, dass er in einem Knast in Riga geboren wurde und seine leibliche Mutter an Schizophrenie litt. "Endlich weiß ich, woher der verrückte Teil in mir herkommt", sagt Rosa. Die Identitätssuche verknüpft er mit der Geschichte der Deportation der lettischen Juden. Wir plaudern über die Kunst des Aktenlesens, den Journalismus im Allgemeinen und darüber, dass für Rosa Authentizität immer noch bedeutet, sämtliche Facette seiner Persönlichkeit öffentlich auszuleben.

Das sehen diese beiden Damen völlig anders: Hollywoods angesagte Nachwuchsdiven Natalie Portman und Scarlett Johansson tun alles, um ihr Privatleben so weit wie möglich aus den Medien rauszuhalten. Bei der Pressekonferenz legen sie die wir-bewundern-uns-gegenseitig-Platte auf, in ihrem gemeinsamen Film "Die Schwester der Königin" bekriegen sie sich bis aufs Messer. In der Popcorn-Kino-Kostümschmonzette spielen sie die Boleyn-Schwestern, die beide um die Gunst des englischen König Heinrich dem Achten buhlten, ein spannendes Kapitel englischer Monarchiegeschichte.

Scarlett als Unschuld vom Lande

Im Film wird das Ringelreihen um die Gunst des Potentaten im intriganten Hofzirkus mit emanzipatorischen Phrasen aufgelockert. Portman verkörpert die scharfzüngige und schlagfertige Intrigantin, Johansson mimt glaubwürdig als Unschuld vom Lande, die Kamera klebt wie immer an ihren vollen Lippen. Bildgewaltig, aufwändig und unterhaltsam schrabbt Hollywood-Kino hier knapp an der Kitschgrenze vorbei.

Kontrastprogramm Perspektive Deutsches Kino: "Die Dinge zwischen uns" von Iris Janssen beschreibt Triebe jenseits des Ehebetts. Ein junges Paar in kleinbürgerlicher Idylle, er aufstrebender Bürgermeister, sie naiv-treuherzige Bibliothekarin und Kirchengängerin. Als sie entdeckt, dass er heimlich ins Puff geht, lässt sie sich ins Rotlichtmilieu einführen und entdeckt ihre unterdrückte Sexualität.

Doch der fremdvögelnde Ehemann steht nicht auf Fick-mich-Rufe im eigenen Schlafzimmer. Am Ende stehen beide vor den Trümmern ihrer Beziehung. Offensichtlich zweifelte die Jungregisseurin an der Deutungsfähigkeit ihrer Zuschauer und inszenierte die letzte Szene vorsichtshalber vor einem Abbruchhaus. Ganz ambitioniert: Nachwuchsschauspielerin Daniela Wutte, der frische Ansatz bei solch Uralt-Thematik.

Eine Hommage an die Kraft des Kino beendet die Berlinale

Zum Schluss noch ein echtes cineastisches Highlight, leider außer Konkurrenz: Jack Black spielt Jack Black, diesmal in der Ausprägung Filmfreak, der als Mechaniker auf dem Schrottplatz lebt, dessen rätselhafter Magnetismus alle Bänder der Videothek, in der sein Kumpel arbeitet, löscht. Aus Verzweiflung drehen die beiden mit einfachsten Mitteln "Ghostbusters" oder "Rush Hour" nach.

Michel Gondrys Hommage an die Kreativität "Be Kind Rewind - Abgedreht" sollte als Pflichtprogramm vor jeder Vorstandssitzung internationaler Unterhaltungskonzerne gezeigt werden, zeigt er doch, w0rum es in der Kunst wirklich geht: die Macht der Fantasie, die Vielfalt der Geschichten und die Liebe zu den einzelnen Menschen. Ein würdiger Abschlussfilm der Berlinale, der mit Schwung und Witz die Kraft des Kinos beschwört.


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