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Berlinale-Tagebuch: Bombendrohung und Filmriss

Bei der Vorführung von Christian Petzolds Film "Gespenster" ging einiges schief. Dagegen scheint sich Daniel Day-Lewis bester Gesundheit zu erfreuen: Er präsentierte sich im Wurzelsepp-Look.

Kleine Augen, rote Nase, dicker Kopf: Neben dem Kino- hat sich mittlerweile auch das Grippe-Virus in Berlin breit gemacht. Taschentücher sind derzeit neben den Tickets für Abendpartys das begehrteste Papier, und die Filmsippen-üblichen Bussibussi-Begrüßungsrituale wegen Ansteckungsgefahr merklich zurückgefahren worden. Ausgesprochen verschnupft sind auch die Herren der Produktionsfirma Merchant Ivory, wobei daran weniger ein Infekt, sondern vielmehr der liebe Festivalchef Schuld ist, der mal eben ihren Wettbewerbsbeitrag "Heights" rausgekegelt hat. Grund für die spontane Verbannung: Hauptdarstellerin Glenn Close wollte nicht in die gemütlich-frostige deutsche Hauptstadt kommen, um ihren Film zu präsentieren. Keine Gäste, keine Premiere: Dieter Kosslick will offensichtlich den Glamour mit dem Holzhammer erzwingen.

Ins Rennen rutschte dafür nun das KZ-Drama "Fateless", das der ungarische Star-Kameramann Lájos Koltai nach dem Buch von Imre Kertész inszenierte. Getragen vom sanften, ungemein ausbalancierten Spiel des Hauptdarstellers Marcell Nagy, schildert der Film die Odyssee des 14-jährigen Budapester Jungen Gyuri durch die Konzentrationslager der Nazis. Den Zuschauer erwarteten dabei zweieinhalb Stunden erschütterndes, lähmendes Kino, wobei Letzteres nicht immer mit dem Sujet zusammenhing. Manche Szenen sind arg lang geraten, sodass man drohte, innerlich abzuschalten.

Trotzdem ein wichtiger Film, dessen Regisseur sich auf der anschließenden Pressekonferenz diplomatisch wunderte, warum "Fateless" es erst als Lückenbüßer in den Wettbewerb geschafft hatte. "Dieser Film musste einfach in Berlin laufen - wegen der Geschichte dieser Stadt, und weil Imre ja auch hier wohnt", so Koltai. Warum er dann nach Ablehnung für eine Sektion durch die Auswahl-Kommission doch noch den Zuschlag bekam, konnte (oder wollte) er selbst nicht kommentieren.

Kollektives Hochschrecken

Eher einen dicken Hals denn einen dicken Kopf hatten diverse Kollegen, als sie entgegen der Gewohnheit bei der Pressevorführung des deutschen Wettbewerbers "Gespenster" plötzlich ihre Taschen an der Garderobe des Berlinale Palastes abgeben sollten. Grund angeblich: Piraterie; ein Journalist vermutete gleich eine Bombendrohung. Jedenfalls: Murren, Geschimpfe, Durcheinander, und noch bevor der Film startete, Kommando zurück, alles darf mit rein. Dann riss acht Minuten vor Ende auch noch der Film, was erneut zu kollektivem Hochschrecken und Gegrummel führte, da auch Christian Petzolds neuer Film von ruhigen Momenten lebt.

"Gespenster", die Geschichte eines Heimkindes (Julia Hummer), in dem eine Frau ihre vor Jahren entführte Tochter wieder zu erkennen glaubt, ist ein unglaublich reicher Film. Je mehr man darüber nachdenkt, je mehr Interviews des Regisseurs man liest, umso mehr erkennt man die unzähligen großen und kleinen Schichten und Geschichten. Nachteil: Das Ganze ist sehr unterkühlt erzählt, was das Mitfühlen in Grenzen hält. Der Beifall danach war entsprechend knapp, aber höflich. Pluspunkte sammelte Julia Hummer auf der Pressekonferenz mit dem Antwortsatz auf die Frage, inwiefern sich denn Musik und Schauspielerei bei ihr beeinflussen: "Bei der Musik hat man eine Gitarre, beim Schauspielen ist man die Gitarre."

Zwischen Familiendrama und Kapitalismuskritik

Kurios, aber eher äußerlich, präsentierte sich Daniel Day-Lewis den Journalisten: im Wurzelsepp-Look mit Rauschebart, Kaputzenparka und Schiebermütze. Das Phantom der Kinoszene war in der Stadt, um seinen neuen Film "The Ballad of Jack and Rose" vorzustellen. Der Panorama-Beitrag ist die Tragikomödie um einen todkranken schottischen Umweltaktivisten (Day-Lewis), der als letzter mit seiner 16-jährigen Tochter in einer Hippie-Kommune auf einer US-Insel lebt. Die beschauliche Zweisamkeit gerät durcheinander, als seine neue Flamme (Catherine Keener) mit ihren beiden Söhnen einzieht. Kurzweilig, komisch, mit einem überragenden Day-Lewis und irgendwo zwischen Familiendrama und Kapitalismuskritik angesiedelt. Vor neun Jahren, da kannten die beiden sich noch gar nicht, hatte Regisseurin Rebecca Miller ihr Drehbuch an Day-Lewis geschickt. Kurz danach trafen sie sich, heirateten und drehten schließlich den Film.

Am Abend, als Daniel Day-Lewis die "Berlinale Kamera 2005", einen Spezialpreis für Freunde und Förderer des Festivals, entgegennahm machte er seiner Frau auf der Bühne des Zoo Palastes eine rührende, öffentliche Liebeserklärung: "Sie ist eine fantastische Frau". Und bedankte sich anschließend bei der Presse, dass alle so süß und rücksichtsvoll waren. Eigentlich hatten die beiden ihren Besuch wegen des Todes von Arthur Miller (Rebecca ist seine Tochter) absagen wollen, seien aber sehr froh, dass sie doch gekommen sind. Die gerührten Zuschauer wollten sich die Tränen aus den Augen wischen und die Nase putzen. Ging aber nicht. Taschentücher alle weg. Grippe.

Matthias Schmidt/Bernd Teichmann