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Big Brother 5: Auf Psycho-Trip

Ein Jahr lang Dauerbeobachtung, da muss einer doch genau hinsehen: Ulrich Schmitz wählt fürs TV-Spektakel Big Brother die Kandidaten aus.

Bungee als Hobby macht sich gut. Grenzerfahrung! Adrenalinkick! Hingegen Bücherlesen? Nicht gerade das, was Ulrich Schmitz empfehlen würde. So einer, sagt er, kommt um vor Langeweile, wenn er ein Jahr lang isoliert von Zeitungen, Büchern, Radio und Fernsehen in einer Zwangs-WG leben soll.

Schmitz muss es wissen. Er ist Psychologe. Und: Er hat ständig mit Menschen in Ausnahmesituationen zu tun. Zum fünften Mal nun schon kümmert er sich ums seelische Wohl der Kandidaten, die für RTL 2 in den Container ziehen. In der neuen "Big Brother"-Runde lassen sich seit 2. März neun Freiwillige in Köln von 52 Kameras und 68 Mikrofonen 365 Tage lang beobachten, dem Langlebigsten winkt am Schluss ein Preis von einer Million Euro.

Und vorher soll Schmitz, grob gesagt, die Selbstmordgefährdeten aussieben. Der 46-Jährige, der mit seinem vierköpfigen Team unter anderem auch die Kandidaten der Ekel-Show "Fear Factor" betreut, liest Bewerbungen, lässt Tests ausfüllen, lädt zum Gespräch - so lange, bis von etlichen zehntausend Anwärtern die paar geeigneten übrig bleiben. Geeignet heißt in seinem Sinn: am wenigsten labil. "Es hält sich derjenige, der die Dauerwahrnehmung nicht als Stress erlebt." Wenn die anderen mit Zickenblicken, Lästersprüchen, Intrigen bombardieren - ruhig bleiben. Wer schafft das? Eher die Rohfleischigen.

"Wir fragen", sagt er, "nach den sexuellen Lebensformen der Kandidaten, weil wir wollen, dass sie auch im Haus über solche Themen sprechen. Wir fragen nach den wichtigsten Ereignissen im Leben, weil wir daran sehen, wie sie Niederlagen meistern. Wer immer anderen die Schuld gibt, scheidet bei uns garantiert aus."

In dieser fünften Staffel von "BB" lässt die Produktionsfirma Endemol in drei Klassen spielen: Es gibt die "Reichen", die "Normalos" und die Armen, "Survivors" genannt. Perfide, dass die Reichen auch im Alltag das Kommandieren gewohnt sind - "da wurde auf Adelige zurückgegriffen, die haben Geld und Langeweile", so Schmitz - und die Armen bislang schon als Survivors lebten. Am schönsten für die Sendung wären wohl ein paar austickende Sozialhilfeempfänger, die nicht länger die Klos der reichen Schnösel putzen wollen.

Und hinterher? "Die Schwierigkeit ist nicht nur der Rummel", sagt Schmitz, "sondern auch das Runterkommen." Zlatko etwa, tragikomische Figur der ersten Staffel, leidet heute unter Verfolgungsangst und Promi-Allüren. Schmitz ist ratlos: "Der hat abgeräumt, viel an Erfahrung gewonnen. Vom Geld gar nicht zu reden. Wie kann man davon reden, dass er an ,Big Brother" nicht gewonnen hätte?" Zlatko wäre heute der Erste, den er aussortierte: zu viel Paranoia, zu viel Destruktivität.

Katrin Wilkens / print
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