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Air-Race-Selbstversuch: Adrenalinkick pur!

"Wenn ich schon da bin, will ich auch mal mitfliegen", hatte stern.de-Autor Björn Erichsen vor dem "Red Bull Air Race" in Perth noch getönt. Doch kurz vor dem Start hat er die Hosen gestrichen voll. Die Kotztüte liegt schon mal bereit.

Von Björn Erichsen, Perth

"Das dort ist übrigens deine Maschine", sagt Claudia, beim "Red Bull Air Race" zuständig für die Betreuung der Medienflüge, und zeigt auf das weiß-blaue Sportflugzeug, das gerade knatternd auf der improvisierten Landepiste des Langley Parks aufsetzt. "Klar, wenn ich schon da bin, will ich auch mitfliegen", hatte ich im Vorgespräch wohl gesagt, doch da saß ich noch bequem zu Hause im Bürostuhl, beruhigende 22 Flugstunden von Perth entfernt. Nun, unter australischer Sonne, zwischen all den Zelt-Hangars mit den aufgemotzten Air Racers darin, fühlt sich die Sache in der Magengegend schon anders an.

Die einmotorige Maschine sieht ziemlich mickrig aus: Ein Zweisitzer, gerade mal sieben Meter lang, zehn Meter Flügelspannweite. Doch 300 Pferdestärken beschleunigen den Vogel, der eigens für den Kunstflug konstruiert worden ist, auf satte 360 km/h. Es handelt sich um eine "Extra 300", gebaut im nordrhein-westfälischen Dinslaken, deutsche Wertarbeit also. Doch was heißt das heutzutage schon?

"Dann wird dir ganz schnell schlecht"

Claudia geht mit mir die Sicherheitsbestimmungen durch. Taschen komplett ausleeren, nicht in Flugzeugnähe rauchen, keine High Heels im Cockpit - alles kein Problem. "Wichtig ist, dass du immer den Horizont im Auge behälst" sagt sie, "egal wie sehr sich das Flugzeug auch dreht. Nur nicht in den Innenraum schauen oder die Augen schließen, dann wird dir ganz schnell schlecht." Dann noch eine Unterschrift unter eine Erklärung, dass ich das Risiko allein trage und Red Bull für eventuelle Folgeschäden keine Verantwortung übernimmt.

"Bist du sehr aufgeregt", fragt mich der nette Sanitäter beim Medizincheck, als er bei mir einen Puls jenseits der 130 misst. Ich erzähle ihm etwas von gebotenem Respekt, doch in Wirklichkeit habe ich die Hosen gestrichen voll. Am Himmel legt einer der Rennpiloten einen fulminanten Sturzflug hin und zieht eine dicke, weiße Rauchwolke hinter sich her.

Mein Pilot heißt Darius. Schwarzes Haar, braun gebrannt, ein Kerl wie ein Baum. "Almost three weeks", sagt er, als ich ihn frage, wie lange er schon fliegen würde und präsentiert mir dabei sein bestes Top-Gun-Zahnpasta-Grinsen. In Wirklichkeit hat er mehr als 15 Jahre Flugerfahrung und betreibt eine eigene Kunstflugflugschule. Aber nur nebenbei, sein Geld macht er mit einer Firma, die Militärflugzeuge baut, außerdem besitzt er zwei Brauereien in Westaustralien. Auf dem Weg zum Flugzeug gibt er seinen blonden Freundin Suzy, die mit knappen Outfit und einer Light-Limo unter einem Sonnenschirm sitzt, einen dicken Kuss. "See you soon, honey!"

Ein Mechaniker drückt mir eine Kotztüte in die Hand

Zu meiner Überraschung werde ich auf dem Vordersitz der Maschine festgeschnallt, der Helm mit dem integrierten Kopfhörer quetscht mir das rechte Ohr ein. Ich solle ja nicht bei Start und Landung an die Pedalen im Fußraum kommen, bläut mir ein Mechaniker ein, und auch um Gotteswillen den Steuerknüppel nicht berühren. Dann drückt er mir noch eine Kotztüte in die Hand und schließt die Plastikkuppel über mir. Eine kleine Fliege ist im Cockpit miteingeschlossen worden und sucht nun verzweifelt einen Ausweg.

Die Maschine zuckelt über die Landebahn, beschleunigt und hebt tatsächlich ab. Zunächst drehen wir eine gemütliche Runde über Perth, die Aussicht ist ein Traum: Die 1,5-Millionen-Einwohner-Metropole liegt unter uns im schönsten Sonnenschein. Die riesigen Büro- und Hotelkomplexe am Riverside Drive schrumpfen mit jedem Höhenmeter, dazwischen als Farbtupfer die vielen grünen Parks und der Swan River, der an seiner breitesten Stelle wie ein überdimensionierter Regentropfen aussieht, der mitten in die Stadt geplatscht ist.

"And now some Aerobatics", kündigt Darius per Headset an. Und schon kippt die Maschine über den linken Flügel weg, rast nach unten, dreht sich noch ein paar Mal, saust wieder steil nach oben. Mit schweißnassen Händen klammere ich mich an meinen Gurt, mein Mund ist trocken. "Remember Björn, horizon is your best friend", souffliert Darius von hinten. Ja, ja, Witzbold, schon nach dem ersten Manöver wusste ich nicht mehr, wo ich war.

Mein Sprachzentrum lässt nur noch Wortfetzen zu

Doch nach und nach beginnt die Sache Spaß zu machen, den Horizont lasse ich jedenfalls nicht mehr aus dem Blick. "Wing over", "Fast Role", "Upside-down", langsam packt mich der Höhenrausch, das Ganze ist wie Achterbahn fahren, nur eben um Klassen besser. Als wir zur "Cubanian Eight", einen halben Looping mit anschließendem Überkopfflug ansetzen, pressen mich Gravitationskräfte von 5G in meinen Sitz. Mein Sprachzentrum lässt nur noch Wortfetzen zu. "Uuuh", "Aaaah", "Yeaah", es klingt wie eine Groupie-Horde bei einem Tokio-Hotel-Konzert.

Für mich legt Darius noch einen Extra-Runde ein. Wir fliegen über Perth hinweg in Richtung Küste. Zeit für einen kurzen Gedanken an die Lieben daheim. In Deutschland ist es jetzt so etwa acht Uhr, so langsam müssten sie sich auf den Weg zur Arbeit machen. Schon fliegen wir über die Traumstrände von Freemantle hinweg, ich winke herunter, auch wenn mich niemand erkennen kann. "Are you interessted in Water?", fragt Darius und kaum habe ich den Daumen gehoben, jagen wir im Sturzflug auf die türkis-blau schimmernden Fluten des Indischen Ozeans zu. Nur ein paar Meter vor der Wasseroberfläche fängt Darius die Maschine ab. Adrenalinkick pur!

Viel zu schnell geht es zurück in Richtung Langley Park, sicher setzen wir auf der Graspiste auf, die Maschine kommt zum stehen. Gerade mal eine Viertelstunde sind wir in der Luft gewesen. Ich nehme mir den Helm ab, Handshake mit Darius, Flieger unter sich. Mein Mund ist immer noch trocken, das Shirt komplett durchgeschwitzt. Doch das Dauergrinsen bekomme ich einfach nicht mehr aus dem Gesicht.

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