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Christian Wolff: Forever Förster

Keine ZDF-Serie hat mehr Folgen als Forsthaus Falkenau. Doch Hauptdarsteller Christian Wolff zeigt keine Abnutzungserscheinungen. Das ist unheimlich.

Gattungen sind nie unveränderlich", schreibt Herr Darwin. Alles fließt, immer, irgendwo. Und dieser Fluss macht Sinn, immer, irgendwie. So weit die Theorie. Dass wir Darwins Forschung mit einer einzigen ZDF-Serie aushebeln, ist einerseits nicht besonders nett, weil Mr Darwin keine Gelegenheit hatte, "Forsthaus Falkenau" zu gucken. Andererseits sagt es viel über deutsche Fernsehkultur aus, wenn einem Darwins "Survival of the fittest" in den Sinn kommt.

Denn: Nur die Allerangepasstesten einer Gattung schauen "Forsthaus Falkenau". Seit mehr als 15 Jahren förstert Christian Wolff alias Martin Rombach durch den deutschen Serienwald, immer in treuer Begleitung hustender Rehkitze, lispelnder Wildschweine oder verwaister Rotkehlchen. Dass dafür die deutsche Forstwirtschaft den Schauspieler Wolff, 66, in den Olymp der Ehrenprofessoren klettern ließ, verwundert einen nicht, sondern sagt höchstens etwas über den Infantilitätsgrad dieses Verbandes aus. Denn "Forsthaus Falkenau" ist nichts anderes als "Die Schwarzwaldklinik", "Das Traumschiff" oder "Unser Charly": eine Heile-Welt-Serie, die immer dann eine unfassbar hohe Quote erzielt, wenn Kranke, Kinder oder Kleintiere vorkommen.

Was diese Serie jedoch wirklich einmalig macht, ist ihre Unkaputtbarkeit, die in ihrer Dauerhaftigkeit an Atommüll erinnert. Seit 1989 Jahren läuft sie. Seit 1989 spielt Christin Wolff den Forsthelden. Seit 1989 spielen auch alle anderen Schauspieler mit: Bruni Löbel als des Försters Schwiegermama, Michael Wolf als des Försters Sohn und Aika als des Försters Hund. Selbst die Fernsehzuschauer sind dieselben geblieben: Wer vor 15 Jahren "Forsthaus Falkenau" guckte, tut dies heute immer noch. Ein kleines Problem, das mit der Endlichkeit des Menschen bald zu einem größeren werden könnte.

Keine ZDF-Serie hat mehr Folgen als "Forsthaus Falkenau". Die "Schwarzwaldklinik" hatte 73, bei den Förstern hat man gerade die Teile 212 - 220 abgedreht. "Falkenau" ist so langlebig wie ein präparierter Hirsch an der Wand: Die Schauspieler sind gleich, der Drehort hat sich seit Jahren nicht verändert, das Drehbuch auch nicht. Früher hatte der Förster kleine Kinder. Die wuchsen und wurden groß. Nun hat der Förster kleine Enkel, die wachsen und groß werden. Früher jagte er Wilddiebe und Umweltsünder. Heute jagt er Umweltsünder und Wilddiebe. Mal soll ein Golfhotel die beschauliche Heimat des Gutmenschen verschandeln, mal ein Wellnesstempel. Die Aussage ist immer gleich: Golf und Wellness als urbane Dekadenz - so etwas gehört bekämpft. Natürlich von Förster Martin Rombach.

"Wenn Drehzeit ist, habe ich kein Privatleben, gehe nicht ins Kino oder ins Theater, selbst lesen fällt weg", sagt Christian Wolff. "Und das Wochenende ist nur dazu da, die Post zu öffnen. Fast ein Dreivierteljahr ist mein Leben auf ,Erhalt" eingestellt."

Das sieht man sogar seinem Gesicht an: keine Falte, keine Furche, die seit Drehstart dazugekommen ist, kaum Leben, das Spuren hinterlassen hat. Ein natürliches Facelifting: Der Schauspieler Wolff verändert sich nicht, setzt sich nicht äußeren Reizen aus, umgibt sich nicht mit Eindrücken, die ihn beeindrucken könnten. So wird daraus eine Serienfigur, die nie altert. Dorian Gray, aber in Gut!

Alle Energie, die Christian Wolff hat, verwendet er darauf, keine Energie zu verschwenden. Die Leistung des Schauspielers und natürlich auch seines Teams besteht nicht in der Anpassung an die Zeit, sondern an dem Widerstand gegen sie. "Ich dulde keine Veränderung, sonst steige ich aus", sagt Wolff, und wenn man sich den Drehort anguckt, weiß man, was er meint: Hier dürfen noch Nelken und Schleierkraut für die florale Hintergrundoptik herhalten. Der Welkzustand der Blumen gibt Hinweis darauf, dass es vermutlich ein antikes Gebinde ist. Im Bücherregal stehen die deutschen Klassiker - als Staubattrappen. Und stolz wird kolportiert, dass die Lederhose vom Förster erst die zweite ist seit Drehbeginn - und immer noch denselben Bauchumfang hat!

Die Drehtexte sind dermaßen ganghoferig, dass es einen erschauernd entrückt: "Sag mal, hast du dir eigentlich nie Sorgen gemacht, mich irgendwann mal bei der Polizei abholen zu müssen?", fragt der Sohn den Vater, den gütigen. "Du hast nie Angst gehabt, dass ich in der Pubertät Mist gebaut habe?" "Nein", aus des Försters Augen tropft hehre Güte. "Dann muss ich irgendwas falsch gemacht haben", spricht Junior, so seniorig und humorfrei, wie kein 30-Jähriger je spräche.

"Hier wird mit Liebe

zum Detail gedreht", sagt Wolff, "ich achte darauf, dass die Qualität auch in kleinen Dingen stimmt." Die kleinen Dinge sind bei ihm nicht Realitätsbezug oder Zeitanpassung - die kleinen Dinge sind die Anzahl der Sektgläser: "Lasst uns statt vier nur zwei nehmen, sonst ist das Bild zu voll." In Wolffs Vorstellung von Realität stimmt die Anzahl der Gläser, nicht der Dialog der Schauspieler.

Als junger Schauspieler und Absolvent der Max-Reinhardt-Schule war er in den Fünfzigern ein Jungfilmstar. Theaterrollen in Berlin, München, Hamburg. Für seine Darstellung in "Verbrechen nach Schulschluss" erhielt er 1959 den Kritikerpreis der Film-Festspiele in San Sebastian. "Wenn Sie schreiben, ich hielte das ,Forsthaus" für die Chance meines Lebens, für den Glanzpunkt aller meiner bisherigen schauspielerischen Leistungen, dann wäre der Tatbestand der Beleidigung erfüllt", sagte er noch 1989 dem stern. Heute sagt er: "Heile Welt, heile Welt! Was soll das heißen? In der Serie wird gestorben, gelitten, getröstet. Nichts ist hier seicht. Nichts ist hier oberflächlich." Wenigstens seine Einstellung zur Serie hat sich verändert, immerhin.

"Es ist, ohne Hohn sei es angemerkt, eine Leistung ganz eigener Art, solch einen Mann zum Anlehnen zu verkörpern, ohne dass die Zuschauer dieser sonnigen Grundstimmung überdrüssig werden", schrieb die "FAZ" nach der dritten Staffel 1992. Zwischen vier und sechs Millionen Zuschauer schalten zu jeder neuen Folge ein, die vielen Wiederholungen schauen fast ebenso viele. Das ZDF verkauft die Serie an 13 Länder, man verdient also gut an der Wolffschen Stetigkeit.

Gibt es denn, am Ende, gar keine Annäherung an den Zeitgeist? Doch. Nur das müssen die Frauen besorgen. Von denen hat der gute Förster schon ein halbes Dutzend verbraucht: Michaela May spielte seine erste Gefährtin, sie stieg während der zweiten Staffel aus, zu blass war ihr die Rolle. Die zweite, eher eine gute Freundin, war Jutta Speidel, zu ihrer Rolle fällt Wolff nur ein: "Sie war ja eine Adelige, hatte sie überhaupt einen Beruf?" Die dritte Frau war eine Tierärztin, die vierte Apothekerin. Als die Schauspielerin Nora von Collande mehr Einfluss für ihre Rolle der Förstersfrau wünschte, musste man sie aus dem Drehbuch entfernen.

Normalerweise lassen sich die Menschen scheiden, im Forsthaus lässt man die Ex-Liebe entweder sterben oder sich in Berlin selbst verwirklichen. Was irgendwie dasselbe ist. Und der Förster bleibt gut und ohne Makel zurück. Rombachs fünfte Frau wird gerade in die Serie eingeführt: Anja Schüte spielt eine Tierärztin, die sich allmählich in den Förster verlieben darf. Hoffentlich weiß sie, worauf sie sich da einlässt: "In der Serie ist man als Frau etwas benachteiligt, aber es ist auch das, was man heile Welt nennt", sagt Wolff. Interessant ist das "aber" in seinem Satz.

"Der Charakter von Martin Rombach hat mich nicht geprägt", sagt Wolff, "warum sollte ich mich verändern?" Ja, stimmt. Wahrscheinlich hätte er sich ohne die Rolle des Försters, ohne die Rolle des Unveränderlichen mehr verändert. Das wichtigste an dieser Schauspielkunst: sich nicht anzupassen. Weder an Medienmoden noch an die Sehgewohnheiten der Zuschauer. Und schon gar nicht an irgendeine Theorie Darwins.

Katrin Wilkens / print
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