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Filmkritik "Der Hundertjährige...": Forrest Gump auf schwedisch

Das Buch ist ein Bestseller, nun läuft "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" im Kino. Es ist eine Krimikomödie im Stil von "Forrest Gump", die gegen die Vorlage verblasst.

Von Christoph Fröhlich

Kinotrailer: "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"

Soll es denn so zu Ende gehen? Am 100. Geburtstag im Altenheim herumsitzen, fröhliche Lieder trällern, Kuchen mampfen und sich wie eine Trophäe vor die Kameras der Lokalreporter zerren lassen? Nein, Allan Karlsson macht sich nichts aus Ehrentagen, die Torte ist ihm egal und Schwester Alice, die alte Giftspritze, konnte er sowieso nie leiden. Warum jetzt also damit anfangen, denkt sich der Hundertjährige. Also schnappt er sich seine Filzpantoffeln, steigt aus dem Fenster - und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Im Sturm eroberte der lebenskluge und tollpatschige Allan Karlsson aus Malmköping, einem Provinznest in Schweden, die Herzen der Leser und die Bestsellerlisten Europas. In 35 Ländern und 23 Sprachen erschien Jonas Jonassons Debütroman "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand", knapp ein Jahr dominierte es die deutschen Bestsellerlisten. Sechs Millionen Mal ging das Buch weltweit über den Ladentisch. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die Geschichte des alten Mannes fürs Kino verfilmt wird.

Ein Rentner auf der Flucht

Die Handlung hält sich vom Verlauf weitgehend an die Literaturvorlage. Nach der Flucht aus dem Altenheim trottet Karlsson, der vom schwedischen Komiker Robert Gustafsson gespielt wird, zum Bahnhof. Er will eigentlich nur in das nächste Dorf fahren, als ein schmieriger Rocker die Wartehalle betritt und ihm einen Koffer anvertraut, weil dieser kurz auf die Toilette muss. Doch der Bus steht vor der Tür, also fackelt Karlsson nicht lange und macht sich mit dem fremden Gepäckstück auf und davon. Was er nicht ahnt: In dem Koffer stecken 50 Millionen Kronen. Die will die Rockerbande natürlich wiederhaben. Doch Allan und seine Weggefährten, die er im Verlauf der Reise kennenlernt - darunter Trinkkumpan Julius, die dauerzeternde Gunilla und Elefantendame Sonja -, denken gar nicht daran. In den folgenden anderthalb Stunden entspinnt sich eine wilde Verfolgungsjagd durch halb Skandinavien bis ans andere Ende der Welt. Dabei gibt es einige Tote und viele Lacher.

Denn die Handlung wird immer wieder von skurrilen Rückblenden unterbrochen. Mal sieht man, wie Hobby-Sprengstoffexperte Allan erst gegen, dann für Franco im Spanischen Bürgerkrieg kämpft, dann erfindet er in Los Alamos quasi nebenbei die Atombombe und schließlich landet er nach einem Wodka-Besäufnis mit Stalin in einem russischen Gulag. Klingt absurd? Ist es auch. Doch der augenzwinkernde Ritt durch die Weltgeschichte, der an ein "Forrest Gump" in Schweden erinnert, hebt den Film und das Buch vom üblichen Komödieneinheitsbrei ab.

Das Buch bleibt unübertroffen

Lobenswert ist die Tatsache, dass sich die Schweden selbst ihres Exportschlagers angenommen haben und das Buch nicht in Hollywood verwurstet wurde. Dadurch bleibt der Charme des Underdogs, den das Buch anfangs innehatte, erhalten. Man sieht keine Oscar-prämierten Schauspieler, hört keine soundtrackreife Musik, das schwedische Flachland hebt sich erfreulich von den US-Traumwelten ab. Doch in den Details erkennt man das niedrige Budget der Skandinavier: Die Kostüme, allen voran in den historischen Rückblenden, wirken zuweilen billig und wie Leihgaben vom Kölner Karneval. Die Überzeichnung mag gewollt sein, sorgt beim Zuschauer aber für Stirnrunzeln.

Auch beim "Hundertjährigen" gilt: Der Film kann dem Buch nicht das Wasser reichen. Viele Passagen sind stark gekürzt, einige Kapitel wurden sogar vollends ausgelassen. Das ist bei Buchverfilmungen nicht ungewöhnlich, doch dadurch verliert der Film für Kenner der Romanvorlage an Tiefe und Charakter.

Der Lacher kommt mit dem Holzhammer

Der Humor, wesentlich für Jonassons märchenhaften Aufstieg verantwortlich, ist in der Verfilmung platt: Schon das Buch war alles andere als subtil, im Film haben die Macher noch ein paar Schippen draufgelegt. Sämtliche Gags kommen mit dem Holzhammer, hier wäre weniger mehr gewesen. Dennoch: Der freche Blick auf die Welt und der ein oder andere politisch unkorrekte Witz sorgen für Lacher im Publikum.

Dass der Film trotz aller Kritikpunkte funktioniert, liegt an Hauptdarsteller Robert Gustaffson, der mit seinem komödiantischen Talent den kauzigen und schlitzohrigen Allan durch alle Jahrzehnte sympathisch wirken lässt. Bei ihm haben die Maskenbildner ganze Arbeit geleistet: Mal schminken sie den 49 Jahre alten Hauptdarsteller auf Anfang 20, kurz darauf trippelt er als greiser Methusalem über die Leinwand.

Fazit: Der lustigste Geburtstag seit Jahren

"Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" ist ein skurriles Roadmovie für die ganze Familie. Der Film ist nie brutal, das Erzähltempo hoch, es gibt kaum Atempausen für den Zuschauer: Beherzt und mit Witz bombt sich Allan Karlsson durch die Weltgeschichte, trotz der vielen Einzelepisoden wirkt der Film wie ein großes Ganzes. Am Ende des vielleicht lustigsten Geburtstages, der seit Jahren im Kino zu sehen war, erwartet den Zuschauer natürlich ein Happy End. Wer das Buch gelesen hat, muss sich auf ein paar stilistische und inhaltliche Schwächen einstellen, um auf seine Kosten zu kommen. Doch, um es mit den Worten von Allan Karlssons Mutter zu sagen: "Es ist wie es ist und es kommt, wie es kommt".