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Filmstart "I'm still here": Joaquin Phoenix - ein Aussteiger, der (fast) keiner war

Fake oder echt? Das ist die große Frage angesichts einer seltsamen Dokumentation über "Walk The Line"-Star Joaquin Phoenix und dessen Bemühungen im Rap-Business. Casey Affleck hat den US-Mimen mit der Kamera begleitet.

Kinotrailer: "I'm Still Here"

Herbst 2008. Unerwartet und vor laufenden Kameras verkündet US-Schauspieler Joaquin Phoenix ("Walk the Line"), er wolle keine Filme mehr machen, sich fortan der Musik widmen. Was folgt, sind völlig missglückte Konzerte als Hip-Hop-Musiker und kuriose TV-Auftritte, etwa in der Show von David Letterman. In seinem Regiedebüt zeigt Schauspieler Casey Affleck ("Gone Baby Gone") all das und noch viel mehr. Über ein Jahr lang hat er seinen Schwager begleitet und dokumentiert, was Phoenix nach seinem "Ausstieg" alles widerfuhr. Wobei vor allem eine Frage ständig im Raum stand: Alles nur Spaß?

Tatsächlich war alles von Beginn an inszeniert bei dieser Fake-Doku über Phoenix' Neuanfang, das haben er und Affleck, der mit Joaquins Schwester Summer verheiratet ist, längst eingeräumt. Lange aber war unklar, ob es sich bei dem Film um einen Scherz handelt - auch bei der Premiere noch von "I'm Still Here" bei den Filmfestspielen von Venedig, Herbst 2010. Selbst mit dem Wissen aber darum, dass dies eine inszenierte Doku ist, macht der intensive Trip, zu dem uns Phoenix und Affleck nun einladen, nachhaltigen Eindruck.

Auch mit seinen bisherigen Filmen hat Joaquin Rafael Phoenix, geboren 1974 in Puerto Rico - sein Bruder war der 1993 verstorbene Musiker und Schauspieler River Phoenix - bleibenden Eindruck hinterlassen. Stets investiert der dunkelhaarige Darsteller eine Menge an Leidenschaft. Ob in Ridley Scotts "Gladiator", dem Cop-Drama "Helden der Nacht" oder seiner stärksten, mit einer Oscar-Nominierung bedachten Rolle: als Johnny Cash in James Mangolds "Walk the Line". Eine "ungeschliffene Rohnatur" hat ihn Regisseur M. Night Shyamalan genannt, mit dem Phoenix zwei Filme gedreht hat ("Signs", "The Village"). Phoenix gehe es nicht "um Kunstfertigkeit, sondern um spontane Gefühlszustände". Von Phoenix' unbändiger Energie bekommt man einiges geboten in "I'm Still Here", dieser erstaunlich "real" wirkenden "Dokumentation".

Show oder Selbsttherapie?

Ob er sich bei einem der nicht sonderlich virtuosen Rap-Konzerte verausgabt, sich mit Prostituierten vergnügt, sich prügelt oder übergeben muss - stets ist Phoenix mit ganzem Körpereinsatz dabei; immer verlotterter mutet der vegan lebende Schauspieler im Verlauf des Films an. Bis er schließlich nicht nur einen Schmerbauch, verfilzte Haare und Vollbart mit sich herumträgt. Phoenix verausgabt sich auch in dieser Rolle derart, dass man sich fragen muss, ob all die zur Schau gestellten Selbstzweifel wirklich nur inszeniert sind. Phasenweise sieht das "Mockumentary" nach Selbsttherapie aus - der Selbstbefragung eines im Showbetrieb verhedderten Stars.

"I'm Still Here" ist mehr als nur unterhaltsamer PR-Gag, der Film stellt Fragen: nach der Authentizität von Hollywood, nach den Mechanismen, mit denen dort "Identität" konstruiert wird. Nicht zuletzt steckt in der Fake-Doku auch Kritik. Kritik an sensationssüchtigen Medien, einer von "Stars" besessenen Öffentlichkeit, die sich nur allzu gern von ihren Helden an der Nase herumführen lässt. Um oftmals den Menschen hinter der Star-Persona zu übersehen. Im US-Fernsehen hat Phoenix erklärt, man habe einen Film machen wollen, der das Verhältnis zwischen "den Medien, den Konsumenten und den celebrities" untersucht.

Abgesehen von allen Intentionen zeigt der 36-Jährige mit seinem Kino-Streich vor allem eins: dass er zu den stärksten Darstellern gehört. Welch Erleichterung also für seine Fans, dass er seine Ankündigung, sich vom Filmbusiness zurückzuziehen nun doch revidieren muss. Nach zweijähriger Pause steht der aparte Mime zurzeit für "The Master", den neuen Film von Paul Thomas Anderson ("Magnolia"), vor der Kamera. Und auch mit James Gray ("Helden der Nacht") wird er wohl wieder zusammenarbeiten; Phoenix sei, so heißt es, besetzt worden für das Drama "Low Life". Das Kino kann sich glücklich schätzen, dass ihm Phoenix' Talent nun doch erhalten bleibt.

Matthias von Viereck, DPA / DPA