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Joaquin Phoenix: "Meine größte Motivation ist der Tod"

In "Ein einziger Augenblick" spielt Joaquin Phoenix ("Walk the line") einen verzweifelten Vater, dessen Sohn bei einem Autounfall stirbt. Im stern.de-Interview spricht er über Liebe, den Tod und welchen ungewöhnlichen Weg er einschlug, um sich auf seine Rolle vorzubereiten.

In "Ein einziger Augenblick" spielen Sie einen College-Professoren, dessen 10-jähriger Sohn bei einem Verkehrsunfall stirbt. Der Täter begeht Fahrerflucht. Besessen sucht er im Alleingang nach dem Täter und Gerechtigkeit. Sie bieten eine intensive Darstellung. Woher kommt Ihre Intensität?

Ich finde, ein großer Teil der Schauspielerei ist Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Man muss schon sehr unsensibel sein, wenn man von bestimmten Dingen nicht betroffen ist. Für mich persönlich sind Details sehr wichtig: Was steckt hinter den Emotionen?

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Ich wollte jemanden kennenlernen, dem das gleiche zugestoßen ist. Man kann den lieben langen Tag darüber lesen und recherchieren, aber nur wenn man sich darauf einlässt, projiziert man im Endeffekt seine eigenen Ideen und Gefühle auf die Figur. Ich habe David kennengelernt. Auch sein Sohn wurde überfahren. Der Täter beging Fahrerflucht. Ich hörte David zu. Es war das erste Mal, dass er fähig war, seine Geschichte zu erzählen. Zwei Monate später sollte er dem Killer seines Sohnes im Gericht begegnen. Seine verschiedenen Emotionen zu beobachten, hat einen großen Eindruck auf mich gemacht. Während der Dreharbeiten habe ich mir immer wieder das Audio von David angehört, wie sich seine Rage auf sein Atmen auswirkte.

In "Ein einziger Augenblick" geht es um sehr viel Schmerz. Hubert Selby, der Autor von "Last Exit to Brooklyn" sagte einmal, dass Menschen entweder von Liebe oder Schmerz motiviert werden. Was motiviert Sie?

Ich würde sagen Tod und Liebe. Ich finde die größte und kreativste Motivation ist der Tod. Niemand kann dem Tod entkommen, und Liebe ist die einzige Chance für Unsterblichkeit.

Wenn Sie jemanden wie diesen Professor spielen, schleppen Sie während der Dreharbeiten auch seine Sorgen, sein Leid mit sich herum?

Jedermann ist beeinflusst von dem, was er den lieben langen Tag erlebt...

Als Kinozuschauer identifiziert man sich mit den jeweiligen Rollen. In diesem Fall möchte man sich wie der Professor rächen. Sind Sie mehr für Rache oder fürs Verzeihen?

Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich hoffe, dass ich ein versöhnlicher Typ bin.

Mark Ruffalo spielt den Killer Ihres Sohnes. Stimmt es, dass Sie während der Dreharbeiten zusammen gewohnt haben?

(lacht). Eigentlich wollte ich vermeiden, Sympathien zu entwickeln. Ich dachte, ich sollte Mark nur am Drehort sehen. Aber schon am zweiten Tag sagte ich zu ihm: Hey, ich habe ein großes Haus gemietet, willst du nicht bei mir einziehen?

Wie war das Zusammenleben?

Es war komisch, weil wir uns ganz selten gesehen haben. Wir hatten ja kaum gemeinsame Szenen. Wir haben in Connecticut gedreht und an meinen freien Tagen bin ich nach New York, und Mark ist an seinen freien Tagen nach Los Angeles zu seiner Familie. Wir haben lediglich ein paar Mal zusammen gegessen.

Was lesen Sie gerne - außer den notwendigen Recherchen für Ihre Rollen?

Ich bin kein großer Leser. Ich kann mich auf kein Buch konzentrieren. Wahrscheinlich bin ich deswegen Schauspieler. Ich fange an zu lesen und meine Fantasie nimmt überhand und ich muss drei Seiten zurückblättern, weil ich mir meine eigenen Geschichten ausgemalt habe.

Vielleicht sollten Sie schreiben...

Ich glaube nicht. Ich habe es einmal versucht. Es war furchtbar.

Casey Affleck ist Ihr Schwager, Sie haben in "To Die For" zusammen gearbeitet. Dieses Jahr wurde er für den Oscar nominiert. Warum hat sein Durchbruch so lange gedauert?

Jeder, der Casey kennt, ist überhaupt nicht überrascht, dass er nominiert wurde. Ganz im Gegenteil. Er ist der Typ, den ich für jeden meiner Filme anrufe. Er verbringt Stunden mit mir, wenn ich nicht weiß, was ich machen soll, egal ob es für "Gladiator" ist oder für "Sign". Sein Talent ist so viel mehr als nur die Schauspielerei. Er ist ein großartiger Autor. Wir alle wissen, dass er Regie führen könnte. Jeder aufstrebende Schauspieler kann sich von Casey eine Scheibe abschneiden. Casey hat einfach immer weiter gekämpft. Er hat Scheißfilme gedreht mit Regieseuren, die nur halb so intelligent und talentiert waren wie er. Er hat sich von nichts aufhalten lassen.

Glauben Sie, dass Glück wichtiger ist als Durchhaltevermögen?

Ich weiß es nicht. Ich glaube es ist eine Kombination. Glück allein bringt's auch nicht. Ich hatte Glück mit einer guten Rolle in dem Film "To Die For" mit einem großartigen Regisseur und fabelhaften Schauspielern drum herum. Ich weiß nur eines: dass es immer schwieriger wird, je erfolgreicher man ist. Die Erwartungshaltung wird immer größer.

Interview: Frances Schoenberger