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Das große Schnarchfest Chance verpasst: Warum die Oscars trotz Überraschungen bieder und öde waren

Oscars Rebel Wilson und James Corden
Rebel Wilson und James Corden nahmen sich selbst und die Musicalverfilmung "Cats" auf den Arm
© Matt Petit / AMPAS / AFP
In Los Angeles wurden die Oscars verliehen und wie schon im vergangenen Jahr führte niemand durch den Abend. Die Preisverleihung wurde zum großen Schnarchfest – mit ein paar musikalischen Highlights und einer Überraschung zum Schluss.

Bei den Golden Globes im Januar sorgte Moderator Ricky Gervais mit seiner bissigen Rede für entsetzte und gleichzeitig belustigte Blicke im Publikum. Er nahm ganz Hollywood aufs Korn, wurde politisch, teilte kräftig aus und hielt der Branche wie so oft den Spiegel vor. Die Verleihung der Academy Awards verlief dagegen harmlos und bieder. Erst am Ende wurde es richtig überraschend.

Oscars in Los Angeles: ein Schnarchfest

Wie schon im vergangenen Jahr war die Entscheidung, auf einen Moderator zu verzichten, die falsche. Erneut führten einige Promis mit kurzen Reden durch den Abend. Dadurch wirkte das Geschehen wie eine Abhandlung und nicht wie die Verleihung des wichtigsten Filmpreises der Welt. Politisch wurde es dennoch. In einigen Nebensätzen wurde von Hollywood-Stars und Comedians auf die fehlende Diversität unter den Nominierten hingewiesen. Natalie Portman wählte eine besonders kreative Weise, um Regisseurinnen zu ehren. 

Da wieder mal keine Frau in der Kategorie "Beste Regie" nominiert war, ließ Portman kurzerhand ihr schwarzes Cape mit den Namen einiger bekannter Regisseurinnen besticken. Eine subtile und dabei so eindeutige Botschaft an die Academy. Mark Ruffalo, der den Preis in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" präsentierte, betonte, dass wenigstens hier ein paar Frauen nominiert seien.

Chris Rock nutzte seine Rede zu Beginn, um auf Polizeigewalt in den USA aufmerksam zu machen, während Brad Pitt die Absurdität rund um das Trump-Impeachment ansprach. Joaquin Phoenix, der bereits bei den Baftas eine beeindruckende Rede gegen Rassismus hielt, legte bei den Oscars nach. Sichtlich gerührt rief er dazu auf, für Gerechtigkeit zu kämpfen. Nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere. Er beendete seine Dankesrede indem er an ein Zitat seines verstorbenen Bruders River Phoenix erinnerte: "Run to the rescue with love and peace will follow." 

Musikalische Highlights

Doch es ist schon bezeichnend, wenn die größten Highlights des Abends eher wenig mit den Filmen zu tun haben. Denn richtig wach schien der Saal erst zu werden, als auf einmal Rapper Eminem die Bühne stürmte und seinen Oscar-Hit "Lose Yourself" zum Besten gab. 2003 hatte der Song aus "8 Mile" den Filmpreis bekommen - Eminem selbst tauchte damals nicht auf, um ihn abzuholen. Ein Glück - konnte man als Zuschauer sagen - nutzte er in diesem Jahr die Chance zur Wiedergutmachung. Auf einmal wurden die Stars im Publikum wach, rappten mit, klatschten.

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Von Billie Eilish hatten sich derweil viele erhofft, sie würde den neuen James-Bond-Song singen. Tatsächlich gab sie eine eigene Interpretation vom Beatles-Klassiker "Yesterday" zum Besten, während im Hintergrund auf einer Leinwand der Verstorbenen gedacht wurde. 

Für den größten Lacher sorgten Schauspielerin Rebel Wilson und Comedian James Corden, die in "Cats"-Kostümen den Preis für den besten visuellen Effekt verkündeten. Die Musicalverfilmung – bei der beide mitgewirkt hatten – wurde Ende vergangenen Jahres von Kritikern so verrissen, dass Wilson und Corden die Chance nutzten, um sich in Katzenkostümen selbst auf die Schippe zu nehmen. 

"Parasite" schreibt Oscar-Geschichte

Für die größte Überraschung des Abends sorgte der Film "Parasite". Die südkoreanische Gesellschaftssatire gewann den Oscar als bester "Internationaler Feature Film", Regisseur Bong Joon Ho den Goldjungen für die beste Regie und das beste Original-Drehbuch und zu guter Letzt den Oscar als bester Film - ein historischer Sieg. "Parasite" ist der erste nicht-englischsprachige Film, der in dieser Kategorie den Oscar gewinnt. Eine mutige Wahl. 

Man würde sich umso sehnlicher wünschen, die Academy würde im kommenden Jahr an noch mehr Stellen Mut beweisen, oder eher: endlich den Zeitgeist verstehen. Denn so sehr sich die Themen der Gesellschaft verändern, so wenig scheint der wichtigste Filmpreis der Welt mitzugehen. Eine charmante Moderation sorgt dafür, dass die Verleihung in einen Kontext gebracht wird. Sei dieser politisch oder historisch. Doch auch in diesem Jahr fehlte es an Einordnung, an rhetorisch klugen Zusammenfassungen und auch satirischem Entertainment. Hollywood feiert sich selbst – während die Zuschauer vor den Fernsehbildschirmen einschlafen. Schade, Academy. 


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