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Interview Franka Potente: "Robot-Männchen sind mir auch schon begegnet"

Ihre Rolle in "Elementarteilchen", Kuss-Szenen mit Hollywood-Stars und ihre nächsten Pläne - im stern.de-Interview erzählt Franka Potente von der Gratwanderung zwischen deutschem und internationalem Filmbiz.

Was ist das Erste, was Ihnen zu "Elementarteilchen" einfällt?

Der Film ist so komplex, man kann ihn unter vielen Aspekten betrachten, wie auch die Romanvorlage. Eben hat jemand gefragt: 'Können Sie mal in einem Satz zusammenfassen, worum es in dem Roman geht?' Nein, das kann ich nicht. Der Roman ist auch gar nicht so geschrieben, dass man das kann. Was mir beim Sehen immer wieder auffällt: Es ist ein sehr erwachsener Film. Mit 20 hätte ich damit nicht viel anfangen können. Der Film erzählt von verschiedenen Arten von Intimität, Sexualität, Liebe und wie Menschen immer wieder an ihren Sehnsüchten scheitern. Den Konflikt mit diesen Dingen kennt man eher, wenn man etwas älter ist. Da gibt es zum Beispiel diesen Moment, als Christian Ulmen in Irland über eine Wiese geht und nachdenkt. Plötzlich fängt er an zu rennen. Da läuft es mir kalt über den Rücken. Das ist ein tolles Bild dafür, wie das Leben manchmal so ist und wie schnell einem alles entgleitet.

Was beinhaltet die Rolle der Annabelle?

Annabelle ist die alte Jugendliebe von Michael, die er nach Jahren wieder trifft. Sie ist schon ein bisschen verblüht und hat die Hoffnung verloren. Dann sieht sie ihn wieder und denkt: Ja okay, der ist es jetzt, der muss es sein. Er ist immer noch das Robot-Männchen, aber irgendwie gibt es da noch etwas, und die beiden fangen eine seltsame Beziehung an.

Ist es schwer mit jemanden zu spielen, der so gar keine Emotionen zeigt?

Der Ulmen hat zwischen den Takes immer die Sau rausgelassen, der war fürchterlich albern, wir haben sehr viel gelacht. Ja, es war schon schwierig. Aber ich konnte das nachvollziehen. Wir Frauen verstehen nicht, warum Männer nicht über ihre Gefühle reden. Das ist bei Michael ad absurdum geführt. Aber als Frau ist mir so jemand auch schon mal untergekommen.

Kann man die gesamte Dimension dieses Buches in einem Film einfangen?

"Elementarteilchen" nur auf eine narrative Form zu reduzieren, finde ich nicht richtig. Von der Quintessenz des Buches wird sehr viel transportiert. Da gibt es die Frage nach unserem Ursprung, und was es mit uns macht, wenn ein Teil unserer Kindheit nicht vorhanden ist. Da gibt es diese zwei unterschiedlichen Brüder, an denen dieser Konflikt abgearbeitet wird. Ich finde, dass davon sehr viel mitschwingt, es ist nicht einfach bloß eine Geschichte.

Sie haben den Roman von Michel Houellebecq vorher gelesen. Was war Ihre unmittelbare Reaktion?

Ich hatte erst "Ausweitung der Kampfzone" gelesen, den fand ich amüsanter. Dann habe ich die aus Frankreich herüber schwappende zornige Diskussion verfolgt und dachte, er ist echt ein interessanter Typ. Ich fand die Interviews immer gut, auch wenn sich daran die Diskussionen entzündeten. Ich stimme auch nicht mit allem überein, so einen Zynismus und Pessimismus mag ich nicht, das bringt einen nicht weiter. Aber er beweist Humor. Ich bin 1974 geboren, diese historischen Exkurse, diesen Konflikt mit der 68er Generation kann ich nachvollziehen, bin aber kein Teil davon.

Ein Projekt, das schon lange ansteht, ist die Verfilmung der Lebensgeschichte von Che Guevara mit Benicio del Toro in der Hauptrolle. Darin sollen Sie eine Rolle übernehmen. Ist das eine Figur, die sie reizt?

Ich kenne das Projekt schon seit Terry (Terrence Malick, Anm. d. Red.) das machen sollte, also seit drei Jahren. Bei aller Bewunderung für Steven Soderbergh finde ich es sehr schade, dass das Projekt seinen Regisseur gewechselt hat. Bisher wurde eine Woche in New York mit Benicio del Toro gedreht. Erst 2007 soll es weitergehen. Wenn ich Zeit habe, werde ich auch dabei sein. Die Rolle als Tamara Bunker ist klein, aber toll unter vielen Gesichtspunkten. Sie war die einzige Frau, die mit all diesen Männern im Dschungel gesessen hat. Es wird übrigens immer fälschlicherweise geschrieben, sie sei die Geliebte von Che gewesen, aber das war gar nicht so. Sie kannten sich, weil sie als Übersetzerin gearbeitet hat, und Tamara hat mit ihm gekämpft - also keine Kuss-Szene mit Benicio.

Gab es irgendwelche Figuren, die Sie als Teenager geprägt haben?

Ich bin in einem sehr kleinstädtischen Kontext aufgewachsen und habe sehr früh Bücher von Anais Nin gelesen, Simone de Beauvoir - dann die erste Madonna-Platte. Es gibt in allen möglichen Bereichen Leute, die ich bewundere, die mich immer wieder beeinflussen. Bei schwierigen Szenen denke ich manchmal, wie würde Isabelle Huppert das machen? Oder wie würde Meryl Streep das spielen? Aber das kann man sich vorstellen, bis man umfällt.

Demnächst drehen Sie in Australien mit Eric Bana. Gibt es da eine Kuss-Szene?

Ich weiß gar nicht, ob wir eine Kuss-Szene haben - doch wir haben eine. Wir spielen ein Ehepaar, aber ein sehr zerstrittenes, zerrüttetes. Die Frau war deutschstämmig, der Mann kam aus Jugoslawien. Sie sind mit ihrem Kind in den 50er Jahren nach Australien emigriert. Dieses Kind hat später auch das Buch geschrieben "Romulus my father". Es ist die schwierige Familiengeschichte von einer Familie, die da nicht hingehört hat.

Wie lange sind sie in Australien?

Ich glaube, drei, vier Monate. Finde ich super, ich war noch nie in Australien. Ich freue mich total drauf. Obwohl ich ein bisschen um den Sommer gebracht werde, die haben dann Herbst.

Sie haben eine Karriere, die in zwei verschiedenen Filmindustrien abläuft, einmal in der deutschen, dann in der amerikanischen. Die Deutschen machen daraus "unser internationaler Star"...

...wie es gerade passt. Wissen Sie, was das Absurdeste ist, was ich gehört habe?

Nein.

'Sie ist ohne Oscar nach Hause gekommen.' Scorsese hat auch noch keinen Oscar, seid ihr bescheuert? (lacht) Thomas Kretschmann und ich, wir sind die internationalen Stars, und es gibt sicher noch jemanden.

Und wie ist Ihr Status in den USA?

"Run Lola Run", das freut mich sehr, dass das immer noch der erste Film ist, der genannt wird.

Sie spielen ja in Hollywood auch kleinere Rollen.

Das liegt daran, dass ich Europäerinnen spiele, was auch Sinn macht. Die Amerikaner kennen eine Handvoll deutscher Schauspieler. Was nicht daran liegt, dass sie sie nicht kennen wollen, sondern sie müssen auch die Filme sehen. Und da muss so ein Film auch rüberschwappen. Das war jetzt mit Martina Gedeck der Fall und "Mostly Martha". Sie hat gerade mit Robert de Niro gedreht.

Geht einem das auf die Nerven, wenn man in der deutschen Presse immer wieder an seinen Hollywood-Erfahrungen gemessen wird?

Ja. Das Seltsame ist, dass etwas so hochgejubelt wird, was man selbst gar nicht hochgehalten hat. Che Guevara ist ein gutes Beispiel. Ich habe niemals über das Projekt gesprochen. Jemand hatte in der "Variety" gelesen, dass das Projekt sich verschiebt. Dann kamen sie an und meinten, oh wie schade, das wird schon wieder nichts. Ich hatte darüber gar nichts gesagt, und jetzt verschiebt es sich eben, das ist doch nicht meine Schuld! Ich übertreibe jetzt, denn ich nehme es wirklich mit Humor. Ich bin seit elf Jahren dabei und so funktioniert das eben. Manchmal wünscht man sich, man könnte die Bremse ziehen und diese Aufgeregtheit rausnehmen. Gleichzeitig freut man sich auch, dass die Leute sich für einen freuen. Aber das ist auf einer anderen Ebene.

Um ein bisschen zu spekulieren - man könnte Sie sich auch gut als Ulrike Meinhof in Bernd Eichinger neues Projekt vorstellen?

Man kann bis ans Ende der Tage spekulieren...

Wäre doch eine tolle Rolle, oder?

Man muss immer etwas im Kontext eines Drehbuchs sehen.

Sie haben jetzt auch selbst einen Film gemacht, der auf der Berlinale vorgestellt wurde. Wieso sind Sie das angegangen?

Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, aber es ist schon anstrengend und als Regisseur muss man eine Million Fragen beantworten, gleichzeitig und möglichst eloquent. Man steht dann da, sagt: 'Super Frage, aber ich weiß gerade die Antwort nicht'. Auf der anderen Seite zu stehen ist wirklich interessant. Wir haben zwölf Tage gedreht. Es ist ein kurzer Langfilm oder ein langer Kurzfilm geworden, 45 Minuten lang, ein Stummfilm. Es hat schon sehr viel Vorbereitung und Liebe zum Detail gebraucht. Aber ich habe Pre- und Postproduktion selbst gemacht, es war alles neu. Aber ich würde das gerne wieder machen. Es hat super funktioniert.

Wie ist es jetzt, wenn Sie als Schauspielerin ans Set gehen?

Eine Desillusionierung in einer gewissen Form. Ich glaube, wenn ich das mal so über mich sagen darf, dadurch, dass ich auch mit Regisseuren liiert war, bin ich jemand, der ganz okay ist mit Team und Crew. Aber man sieht vieles doch noch mal anders. Bei "Elementarteilchen" habe ich automatisch immer an das Budget gedacht. Als sie beispielsweise meinten, wir nähen dir noch einen Rock, habe ich gesagt, das braucht es doch gar nicht, wir drehen doch nur eine Halbnahe. Regisseur ist echt ein Knochenjob, vor allem wenn Leute monatelang drehen - oh Gott, ich wäre gestorben. Das stimmt natürlich nicht, du funktionierst so lange, wie du funktionieren musst.

Wie hat sich die Rezeption von Stars in Deutschland verändert?

Sehr komplexe Frage. Es wird ein bisschen entzaubert, dadurch dass es die vielen Shows gibt. Bei "Deutschland sucht den Superstar" sieht man, die können alle toll singen, jeder kann ein Star sein. Das ist auch okay, ich will das gar nicht so elitär für mich beanspruchen. Man wirft diesen nostalgischen Blick auf damals, wo es eine ganz große Distanz zwischen dem Star in dem Studiosystem und dem normalen Menschen gab. Das hat auch mit den Träumen zu tun, die Menschen haben. Die projizieren sie jetzt auf andere Dinge als auf Stars. Das spiegelt den Zeitgeist wider.

Interview: Kathrin Buchner