INTERVIEW MIT MARTIN LANDAU »Ich bin fit und voller Tatendrang«


Herr Landau, Sie werden im Juni 71 Jahre alt, warum tun Sie sich das Filmgeschäft eigentlich noch immer an?

Wollen Sie mir etwa durch die Blume sagen, dass ich ein Fall fürs Altersheim bin? Den Gefallen tue ich der Filmindustrie nicht. Ich bin fit und voller Tatendrang, was ich auch meiner wesentlich jüngeren Freundin zu verdanken habe. Ihr unerhörter Sexappeal hält mich jung. Das einzige, was mich am Alter stört, sind die von den Versicherungen verlangten Gesundheitstests, die vor jedem Film immer gründlicher werden. Ich verbringe mittlerweile fast mehr Zeit beim Arzt als vor der Kamera.

Ihr neuer Film »The Majestic« fiel beim amerikanischen Publikum durch. Kratzt sowas noch am Ego nach mehr als 40 Jahren im Geschäft?

Es ärgert mich, weil es vermeidbar gewesen wäre. Die Marketingmaschinerie hat klar versagt. Niemals hätte der Film in den USA zeitgleich mit Publikumsmagneten wie »Lord of the Rings«, »Ocean's Eleven« und »Harry Potter« starten dürfen. Bei derartiger Konkurrenz fallen tiefsinnige Filme wie »The Majestic« leider durch. Ich bin noch immer der Meinung, dass wir eine Oscar-Nominierung verdient hätten. Und Jim Carrey ebenfalls. Ich stelle Jim Carrey auf eine Stufe mit James Stewart, der früher oft solche Typen verkörpert hat. Jim mag in den Köpfen vieler Leute zwar noch immer der überdrehte Komiker sein. Aber er hat wesentlich mehr auf Lager als Grimassen schneiden. Er wird sich früher oder später als Charakterdarsteller durchsetzen. Es hat auch bei Robin Wiliams oder Steve Martin eine Weile gedauert, bis man ihnen ernsthaftere Rolle zutraute.

Wie beschäftigt sind Sie noch?

Sie meinen: Gibt es noch genügend Angebote für alte Männer? Es gibt sie. Und wenn es sie mal nicht gibt, dann produziere ich eben selbst Filme. Wie »An Existential Affair«, in dem ich auch eine kleine Rolle als Doktor spiele. Oder »Shiner« von Regisseur John Irvin, in dem ich einen ziemlich gemeinen Boxpromoter mime, der einem Kollegen, gespielt von Michael Caine, das Leben schwer macht. Ansonsten produziere ich demnächst noch gemeinsam mit Tony und Ridley Scott den Streifen »Six Bullets From Now« mit Matthew McConaughey und Robert Downey Jr. Sie sehen, für Greise gibt es noch genügend zu tun in Hollywood.

Sie leiten noch das Actors Studio in Los Angeles?

Ich bin dort Direktor, gemeinsam mit Mark Rydell und Sydney Pollack. Aber das läuft eher nebenbei. Früher habe ich wesentlich öfter als Schauspiellehrer gearbeitet. Und dabei vielen talentierten Schauspielern ein wenig auf die Sprünge geholfen habe. Unter anderem Jack Nicholson, Oliver Stone und Anjelica Huston. Derzeit gebe ich auch der Deutschen Susan Stahnke ein paar Tipps, die ja hier eine Schauspielkarriere beginnen will.

Was macht denn in Ihren Augen einen guten Schauspieler aus?

Männer sind wesentlich schwieriger auszubilden. Ich habe das Gefühl, dass viele Männer mittlerweile ein gestörtes Verhältnis zu Frauen haben. Die meisten glauben, sie müssen permanent den starken Helden geben. Totaler Quatsch. Die besten Schauspieler sind jene, die auch privat mal Schwäche verkörpern können. Wer Probleme hat, vor seiner Frau oder Freundin hemmungslos zu weinen, wird das auch niemals vor der Kamera glaubhaft verkörpern können. Und diesen Unterschied merkt das Publikum sofort. Matt Damon, John Cusack, Edward Norton und Johnny Depp sind sehr gute Darsteller. Sie haben die richtige Einstellung zu ihrem Beruf, sind mit Herz und Seele dabei. Das wird immer mehr zur Seltenheit in Hollywood.

Stimmt es, dass Sie einst auch der Schauspiellehrer von James Dean waren?

Nein. Jimmy und ich haben uns in den 50er Jahren in New York als junge Schauspielkollegen kennengelernt und hatten mit dem legendären Lee Strassberg damals den gleichen Mentor. Wir wurden sehr bald enge Freunde. Es ärgert mich allerdings sehr, dass viele falsche Dinge über ihn verbreitet wurden in den letzten Jahrzehnten. Es wurde zum Beispiel oft geschrieben, er sei homosexuell. Ich kann Ihnen eines mit Sicherheit sagen: Jimmy war ebenso ein Frauenliebhaber wie ich. Wenn wir mal nicht über die Arbeit gesprochen haben, waren meistens Frauen das Thema.

Und wie war das mit Ihnen und Marilyn Monroe?

Es stimmt, wir hatten eine Beziehung. Aber ich rede nicht gerne darüber. Ich will - wie bei meiner Freundschaft zu James Dean - nicht in den Verdacht geraten, daraus Kapital schlagen zu wollen. Robert Altman hat kurz nach Jimmys Tod die Dokumentation »The James Dean Story« gemacht, angereichert mit unveröffentlichtem Filmmaterial und Spekulationen. Ich habe Altman damals gefragt, warum er das tut. Er sagte, man könne damit sicher eine Menge Geld verdienen. Da habe ich jede Unterstützung verweigert. Ich fand es einfach schäbig, wie man Jimmys tragischen Tod für jede Art von Geschäftemacherei mißbrauchte. Einmal habe ich eine Biographie über ihn gelesen. Schon nach ein paar Seiten habe ich das Buch wütend in die Ecke geschmissen, weil soviel Mist darin stand.

Blicken Sie auf eine erfüllte Karriere zurück?

Das würde ich schon sagen: 95 Filme und mehr als 500 Fernsehshows sind sicher kein schlechtes Resümee. Ich hatte das Glück, mit den besten Schauspielern und Regisseuren meiner Zeit zu arbeiten. Allerdings auch mit einigen der schlechtesten (lacht). Das habe ich einfach als bezahlte Aufwärmübung für die nächste Rolle angesehen.

An was erinnern Sie sich besonders gerne?

Die Arbeit mit Alfred Hitchcock war äußerst spannend, und James Stewart war immer mein Held. Was mich wirklich mit Stolz erfüllt, ist, dass ich als Schauspieler fast alles an Preisen gewonnen habe, was es zu gewinnen gibt. Vom Golden Globe bis zum Oscar. Um auf Ihre Einstiegsfrage zurückzukommen: Ich habe durchaus vor, dass es noch einige mehr werden.

Interview: Andreas Renner


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