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Rede vor der UN: Malala lässt sich von den Taliban nicht den Mund verbieten

Das Attentat auf die pakistanische Schülerin Malala erschütterte im vergangenen Jahr die Welt. Gut zehn Monate später spricht sie voller Tatendrang vor der UN. Sie fordert Schulbildung für alle.

Normalerweise gehört der grüne Stuhl im Zentrum des Podiums dem UN-Generalsekretär. Ist er nicht da, geht der Chefsessel an den jeweils nachfolgenden in der UN-Hierarchie. Am Freitag aber sitzt darauf ein schmales Mädchen mit großen braunen Augen und einem rosa-weiß-gemusterten Kopftuch und blickt schüchtern in die Menschenmenge des voll besetzten UN-Saales. "Malala Yousafzai" steht auf einem Schild vor ihr auf dem Tisch.

Radikal-islamische Taliban-Kämpfer hatten der pakistanischen Schülerin, die sich in ihrer Heimat für die Schulbildung von Mädchen eingesetzt hatte, im Oktober 2012 in den Kopf geschossen. Keine zehn Monate später, an ihrem 16. Geburtstag, ist Malala zu den Vereinten Nationen nach New York gekommen, um Bildung für alle Kinder auf der Welt zu fordern. "Bildung ist die einzige Lösung."

Mit leicht gesenktem Blick nimmt Malala, die weltweit zu einer Symbolfigur für das Recht auf Bildung geworden ist, die Lobeshymnen und Geburtstagglückwünsche ihrer Vorredner entgegnen. Die Plastikflasche mit Wasser rührt sie nicht an. "Malala ist unsere Heldin", sagt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, an dessen Hand sie den Saal betreten hat. Es sei selbstverständlich, dass sie an so einem Tag das Zentrum des Podiums einnehmen müsse. "Andere Menschen feiern ihren Geburtstag mit einer Party oder einem freien Tag. Sie setzt sich für mehr Bildung ein."

Sie spricht klar und selbstbewusst

Es sei ein "Wunder", dass Malala hier sein könne, sagte der frühere britische Premierminister Gordon Brown, dessen Büro Malala unterstützt. "Noch nie gab es so eine mutige Jugendliche, die sich so leidenschaftlich für Bildung eingesetzt hat."

Und dann folgt Malalas großer Auftritt, ihre erste öffentliche Rede. Unter dem Applaus und Jubel der Zuschauer läuft sie vorsichtig zum Rednerpult und setzt mit überraschend fester und lauter Stimme an. Sie redet auf Englisch mit weichem Akzent, das Manuskript fest umklammert. "Es ist eine große Ehre für mich, nach so langer Zeit wieder sprechen zu können. Und hier mit all diesen ehrwürdigen Menschen zu sein, das ist einer der großartigsten Tage meines Lebens."

In der ersten Reihe wischt sich ihre in ein weißes Gewand samt Kopftuch gekleidete Mutter eine Träne aus dem Augenwinkel. Ihr Vater sitzt mit schwarzem Schnäuzer, grauem Anzug und weißem Hemd daneben und lächelt mit stolzgeschwellter Brust. Ein kleiner Bruder schaut sich verwundert um.

Heute lebt sie in Großbritannien

Jedes Kind auf der Welt soll zur Schule gehen können, fordert die 16-Jährige, die mit ihrer Familie inzwischen in Großbritannien lebt und unter anderem im Internet immer noch zahlreiche Morddrohungen bekommt. "Ich stehe hier, um meine Stimme zu erheben für das Recht jedes einzelnen Kindes auf Bildung." Mit der Attacke auf sie und ihre Schulkameraden im vergangenen Jahr hätten die Taliban sie nicht stoppen können. "Sie dachten, dass die Kugeln uns verstummen lassen würden, aber da lagen sie falsch." Ganz im Gegenteil: Der Angriff habe sie noch stärker und mutiger werden lassen. "Niemand kann uns jetzt mehr stoppen." Sie hasse ihre Angreifer nicht und fordere keine Rache, sondern sehe sich in der Tradition des friedlichen Protests von Symbolfiguren und Bürgerrechtlern wie Martin Luther King oder Mahatma Gandhi.

In UN-Generalsekretär Ban, der im kriegszerstörten Südkorea aufwuchs und große Teile seiner Schulbildung unter einem Baum in seinem Heimatdorf bekam, hat Malala einen Verbündeten gefunden. Sie übergibt ihm eine Petition, die alle UN-Mitgliedsstaaten zu mehr Engagement für Bildung auffordert. Ban verspricht, sich für das UN-Ziel starkzumachen, dass die 57 Millionen Kinder und Jugendlichen auf der Welt, die derzeit keine Schule besuchen können, bis 2015 qualifizierte Bildungsmöglichkeiten erhalten. Und dann singt der ganze Saal "Happy Birthday" und Malala bekommt doch noch ihr Geburtstagsständchen.

anb/DPA / DPA