Jürgen Vogel "Ehrlichkeit ist gefährlich"...


... sagt ausgerechnet Deutschlands authentischster Schauspieler. Aber Jürgen Vogel, der jetzt mit fünf Filmen ins Kino kommt, weiß sehr genau, wie er den Starrummel kontrollieren - und manipulieren - kann

Herr Vogel, Sie haben schon alles gesagt.
Das denke ich auch.

Und was Sie nicht gesagt haben, erzählen andere: Tratsch und Klatsch.


Das ist das, was uns Schauspieler am wenigsten interessiert. Wir geben schon so viel, warum reicht das nicht? Manchmal les ich das aber ganz gerne, wenn Leute was über mich schreiben, ohne dass ich was gesagt habe. Die sehen irgendwas viel größer, als es ist. Wie geil, da haben sich Leute echt Gedanken gemacht!

Manchmal machen sich die Leute allerdings etwas zu viele Gedanken: Die "Bunte" haben Sie wegen eines Berichts über Ihre Trennung verklagt.


Ich hab denen signalisiert, dass sie nicht alles schreiben können. Aber ich kann die noch viel mehr bestrafen: Ich mach nie mehr ein Interview für die. Ich will nicht, dass die das Mietshaus fotografieren und dass die Namen meiner Kinder im Zusammenhang mit dem "Frauensammler" in der Zeitung stehen. Das schadet meinen Kindern in der Schule.

Lieber nicht den Vogel reizen, sonst gibt's was aufs Maul?
(lacht) Echt? Kommt das so rüber? Das ist so ein Schutzraum. Ehrlichkeit ist schließlich gefährlich. Wenn du zum Beispiel auf eine Premiere gehst, spielst du deine Öffentlichkeitsrolle. Wenn du ernsthaft auf diese blöden Fragen am roten Teppich einsteigst, oh, wie uncool. Das hat doch keinen Unterhaltungswert.

Also erzählen Sie ...


... viele Lügen. In 80 Prozent meiner Interviews werde ich mit dem konfrontiert, was ich mal gesagt habe. Dann wiederhol ich das entweder, oder ich versuche, was Neues zu finden. Das mach ich öfter. Man hat selber im Griff, was für ein Bild man von sich vermitteln will.

Ist die deutsche Fachkraft für Authentizität in Wirklichkeit ein großer Manipulator?


Das Image kannst du manipulieren. Frag mich ein paar Sachen, und ich sage: "Das ist mir alles scheißegal, was die Leute über mich denken. Preise sind mir gar nicht so wichtig." Ich lenke das so in die Richtung. Ich könnte aber auch sagen - und das stimmt: "Das bedeutet mir ganz viel, ich habe als kleiner Junge nicht so viele Auszeichnungen bekommen und habe mir gedacht, eine Sache musst du doch können, und jetzt kriege ich dafür Preise, das ist doch ein schönes Gefühl."


Haben Sie sich als Underdog inszeniert?
Da bin ich jahrelang darauf rumgerutscht. Jahrelang haben die Leute geschrieben, der Mann mit den Zähnen wie ein Lattenzaun sagt, wenn er diesen Beruf nicht hätte, wäre er wahrscheinlich kriminell geworden. Eine perfekte Rutsche, um bestimmte Leute von mir fern zu halten. (steht auf) Muss mal schnell Pipi: Cappuccino treibt immer so. Habe ich jetzt voll platziert. Jetzt schreibst du: Das ist so ein einfacher Typ.

(nach kurzer Unterbrechung) Was ist der Ehrgeiz von Jürgen Vogel?


Dass man Leute berührt, ist das Größte. Du erzählst was von dir und hoffst, dass andere ähnlich ticken. Man sucht heimlich so Verbündete.

Wie sucht man Verbündete für die Figur eines Vergewaltigers wie in Ihrem neuen Film "Der freie Wille"?


Bei der Recherche dafür haben wir versucht, Dinge zu erfahren: Maßregelvollzug, Therapie, Psychiater, Täter. Um ein Bild von der Welt zu haben, in der die Hauptfigur Theo Stör lebt, und sich dann wieder zu entfernen und daraus eine Figur zu machen. Der Stör steht nur für sich selbst, der ist nicht stellvertretend für alle Sexualstraftäter.

Im Abspann von "Der freie Wille" sind Sie als Co-Autor aufgeführt.
Zum ersten Mal, ja. Diese Figur haben der Matthias Glasner und ich zusammen entwickelt. Das hat gedauert. Was für einen Menschen erzählen wir da? Hat der Schuldgefühle? Was für eine Persönlichkeitsstörung hat der? Die Darstellung von Randfiguren ist für mich auch ein politisches Statement. Ich will denen Würde geben, sie nicht als Klischee spielen, denn dann lassen sie einen kalt.

In den nächsten Wochen erwarten uns die Jürgen-Vogel-Festspiele: "Der freie Wille", "TKKG" und noch drei weitere Filme - bisschen viel auf einmal, oder?


Ich drehe maximal vier Filme im Jahr. Dass die zur gleichen Zeit rauskommen, war nicht geplant. Angeboten werden mir nicht wesentlich mehr. Es gibt auch Projekte, wo eine Zusage des Schauspielers erst die Produktion ermöglicht. Wenn du sagst: "Nee, mach ich nicht", finden die auch keine Finanzierung. Ich lese schon mehrere Bücher und versuche, nach meinem Bauch zu gehen. Es gibt aber auch kommerzielle Entscheidungen wie: "Ich brauche jetzt mal ein bisschen Geld."

Man hat den Eindruck, dass Sie ziemlich rastlos sind.
Das merke ich jetzt auch. Früher habe ich neun Filme im Jahr gedreht und hatte nur zwei Wochen für mich. Da bin ich wahrscheinlich vor irgendwas weggerannt. Ich arbeite auch jetzt noch viel, kann mir aber auch Zeit für mich nehmen. Ich habe in den letzten Jahren viele Sachen für mich getan: tauchen gelernt, mich wieder in der Kampfsportschule angemeldet und Gürtelprüfungen gemacht.

Flüchten Sie, weil schon alle interessanten Rollen gespielt sind?


Es ist vielmehr 'ne Lebensfrage. Was wünsche ich mir als Mensch noch? Leider ist das auch eine finanzielle Entscheidung. Da habe ich schon oft drüber nachgedacht: Wie wäre es jetzt, wenn ich erben würde. Ich weiß nicht, ob ich alles so tun würde, wie ich es tue. Ich möchte ein guter Vadder sein, und ich wäre gerne ein richtig geiler Opa.

Vogel, der Familienmensch.
Ich kenne viele Leute um die 35, 40, die sich die ganze Zeit nur um sich selbst drehen und die größten Probleme damit haben, wenn du von Freiheit redest. Ich finde diese Menschen wahnsinnig eingeschränkt in ihrer Denkweise und ihren Möglichkeiten, wie kleine verzogene Einzelkinder. Die sind doch beziehungsunfähig, egozentrisch und fragen sich ständig: "Wie kann ich mich jetzt verwirklichen?"

Vierfacher Vater und irgendwann Großvater: Möchten Sie Vorbild sein?


Wenn ich für manche Leute ein Vorbild bin, finde ich das gut. Das Problem war ja jahrelang, dass man für viele Bereiche keine Vorbilder hatte. Als ich anfing, wusste ich nicht, wem ich hätte nacheifern sollen. Es gab ein paar Leute, die ich toll fand: Richy Müller, Claude-Oliver Rudolph. Diese ganze Art zu spielen, die Mitte der Achtziger proletarischer wurde. Da pass ich besser hin als in dieses akademische Theater, gutbürgerlich geprägt.

Würde es das Arbeiterkind reizen, etwas am gutbürgerlichen Theater zu machen?


Dass jeder Filmschauspieler auch Theater spielen muss, finde ich nicht. Werde ich aber immer gefragt. Ich habe nie gesagt, dass ich das nie machen werde, hatte auch schon Angebote. Vielleicht mit 60. Ich bin mit 20 Vadder geworden. Ich konnte mir das gar nicht leisten, Theater zu spielen. Wenn ich da ein paar tausend Euro im Monat verdienen würde, dann ja. Sonst kann ich meine Familie nicht ernähren. Überweist mir eine Million auf mein Konto, und ich spiele das Bühnenbild an die Wand, reicht 'ne rote Wand.

Interview: Matthias Schmidt<br/>Mitarbeit: Stephan Maus print

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