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Keanu Reeves im Interview zu "John Wick": "Am Ende bleiben immer Narben"

Kennen Sie noch Keanu Reeves? Den coolen Typen aus "Matrix"? Mit "John Wick" kehrt er als knallharter Actionheld zurück. Ein sehr persönliches Gespräch.

Von Alexandra Kraft

Liam Neeson wäre stolz auf ihn

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Mr. Reeves, Sie sind unlängst 50 geworden. Jetzt kommen Sie mit "John Wick" in die Kinos, einem sehr bleihaltigen, sehr blutigen Action-Thriller. Wie passt das zusammen?
Außerordentlich gut. Sehen Sie sich Harrison Ford an, Bruce Willis oder Sylvester Stallone. Die sind alle deutlich älter als ich und drehen auch immer noch solche Filme.

Wie sah es mit Ihrer Kondition aus?


Zugegeben, ich musste härter trainieren als früher. Ich mache ja die meisten Stunts noch selbst. Drei Monate brauchte ich schon, bis ich fit genug war. Insgesamt denke ich, dass ich sowas schon noch eine ganze Weile machen kann.

Der von Ihnen gespielte Titelheld ist ein ehemaliger Auftragskiller, der den Mord an seinem kleinen Hund rächt. Nun ja...


Das macht schon Sinn. Der Hund war ein Geschenk seiner verstorbenen Frau, also ein Symbol für alles, was ihm genommen wurde. Die Rache, die er an den Tätern übt, ist seine Art der Trauer. Und: Die Mörder gehören zur Bande eines russichen Mafiapaten, mit dem John Wick eine gemeinsame Vergangenheit hat.

Klingt so, als fänden Sie den Mann gar nicht so unsympathisch.


Nun, ich verstehe zumindest was er fühlt. Und wir kennen doch alle diese Momente, in denen wir gerne mal ausrasten und Rache üben wollen. Seine Entschlossenheit imponiert mir. Ich aber bin eher der konfliktscheue Typ. Ich besitze auch keine Waffe. Obwohl ich zugeben muss, dass es ein überwältigendes Gefühl ist, eine Pistole in der Hand zu haben und herumzuballern. Da sinkt auch ein bisschen die Hemmschwelle und steigt der Adrenalinspiegel.

Verraten Sie uns Ihre letzte Rachephantasie?
Tut mir leid, mit so etwas kann ich nicht dienen. Aber es gibt schon einiges, was mich wütend macht. Schlechte Kritiken zum Beispiel. Obwohl ich das ja schon seit Jahren gewohnt bin. Ich war schon immer der Prügelknabe der Kritiker. Das ist in einem Beruf, bei dem Selbstzweifel zum Tagesgeschäft gehören, umso ärgerlicher. Vor allem wenn's persönlich wird.

Nimmt man das mit zunehmendem Alter nicht gelassener?


Es ist ganz wichtig, einen gewissen Abstand zu bewahren. Das gelingt mir immer besser, je älter ich werde. Eine echte Alternative zur Schauspielerei gab es für mich ja nicht. Ich habe bereits mit 16 damit angefangen, und die Arbeit hat meinem Leben Struktur gegeben. Und mich auch oft gerettet, wenn es mir schlecht ging. Für etwas zu brennen und damit auch noch Erfolg zu haben, ist einfach wunderbar. Doch die Zweifel bleiben.

Haben Sie unter einer Midlife Krise gelitten?


Ja, vor zehn Jahren. Nachdem ich 40 geworden war, änderte sich plötzlich alles. Ich fühlte mich alt, zu nichts zu gebrauchen und auch körperlich nicht mehr so agil. Ich fing damals auch an, über den Tod nachzudenken. Heute frage ich mich zum Beispiel, ob ich an einem guten Ort sein werde, wenn ich sterbe. Das klingt ziemlich depressiv, kommt aber wohl automatisch mit dem Alter.

Solange man es nicht übertreibt.


Keine Angst, so dramatisch ist es auch nicht. Aber das muss man aushalten. Das Leben bringt uns Wunden bei, die verheilen. Am Ende bleiben immer Narben, und die verändern uns. Wir müssen damit leben. Sie machen aber auch aus, was wir sind.

Kinotrailer "John Wick": Ein Mafiakiller auf Rachefeldzug

In den letzten Jahren war es ziemlich ruhig geworden um Sie. Was war passiert?
Nichts besonderes. Viele reden von "John Wick" als meinem großen Comeback - sogar Chad Stahelski, der Regisseur. Schon kurios. Ich sehe das nicht so.

Sondern?


Ich habe zwar in den letzten Jahren, abgesehen von "47 Ronin", keine großen Hollywood-Produktionen mehr gedreht, aber schon regelmäßig gearbeitet. Eine Dokumentation gemacht, Regie geführt. Jetzt habe ich eben einen neuen Film am Start. Das ist auch schon alles.

Aber "John Wick" knüpft schon an die Zeiten großer Erfolge wie "Matrix" oder "Constantine" an. Damals galten Sie auch als Sexsymbol.


Darüber habe ich mich immer amüsiert, allerdings auch nicht beklagt, wie viele geschrieben haben. Auch, wenn ich nicht so bin. Das ist nur eins von unzähligen Bildern, die die Öffentlichkeit von mir hat. Keines trifft annähernd zu.

Warum geben Sie so ungern etwas über sich preis?
Weil ich schüchtern bin. Ich rede lieber über meine Arbeit. Warum wollen alle immer mehr über mich wissen? Wie ich privat bin, ist doch total unwichtig.

Na ja...


Wirklich. Ich bin gern für mich. Ich lese viel. Oder sitze einfach da. Genieße die Stille, hänge meinen Gedanken und Gefühlen nach. Da muss gar nichts um mich herum passieren. Allerdings ist es auch nicht gut, so viel allein zu sein. Das ist schon ein Kampf manchmal.

Gut, und wo finden Sie diese Ruhe?


Immer dort, wo ich in dem Moment lebe. Gerade jetzt ist Los Angeles, meine Heimat, ich besitze ein Haus dort. Ich habe keine Wurzeln oder eine traditionelle Familie. Ich bin in Beirut geboren, in meiner Kindheit oft umgezogen, musste oft die Schule wechseln. Dieses Gefühl, nie richtig irgendwo dazu zu gehören, hat mich geprägt. Ich war ein Außenseiter.

Hat der Erfolg Sie noch ein bisschen einsamer gemacht?


Nein, ich habe natürlich Freundschaften, die sind aber nicht so tief. Ich habe keinen alten, besten Kumpel, der mir weise Ratschläge gibt. Was nichts mit dem Erfolg zu tun, sondern sich einfach so entwickelt hat.

Keanu Reeves, der einsame Wolf.


Ganz so schlimm ist es nicht. Aber ich mag es halt, mal allein zu sein. Ich bin gern mit dem Motorrad unterwegs, möglichst schnell, das liebe ich. Gerade nach der Arbeit, wenn ich so unruhig bin, brauche ich das. Richtung Pazifik durch die Canyons fahren, herrlich. Ich bin auch Teilhaber einer Firma, die Bikes herstellt.

Ein paar Unfälle haben Sie auch schon gebaut.


Ja, stimmt, ist aber alles glimpfllich verlaufen. Ich versuche, mich auch an die Verkehrsregeln zu halten. Klappt nicht immer.

Wieviel Strafzettel für zu schnelles Fahren haben Sie denn schon bekommen?


Einige. Einmal bin ich mit 180 erwischt worden, erlaubt waren 110, wie auf den meisten Staßen in den USA. Da habt ihr Deutschen es mit euren Autobahnen echt besser.

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