HOME

Kevin Costner: "Versagen ist völlig unterschätzt"

Er feierte Triumphe und erlitt bittere Niederlagen. Deshalb hält Kevin Costner nicht nur räumlich Distanz zu Hollywood. Hausbesuch bei einem Mann, der mutig immer das gemacht hat, was er für richtig hielt. Wie seinen neuen Film "Mr. Brooks", der nun in die deutschen Kinos kommt.

Von Christine Kruttschnitt

Frau Costner schneidet Zwiebeln. Es ist später Nachmittag, das Baby döst in seiner Wippe, vor dem Fenster gurgelt der Fluss über glatte Felsen. Sonnenschein. Am Horizont die schneebedeckten Rocky Mountains. Draußen zwitschern Vögel und turnen Streifenhörnchen im Birkenwald, und während Frau Costner in der Küche steht und schnippelt, stapfen ein paar Journalisten durch ihr Haus. Besichtigen das (ungemachte) Schlafzimmer und inspizieren die Hausbar, angeführt vom Hausherrn Kevin. Frau Costner unterdrückt ein Seufzen. "So ist Kev, er will immer alles teilen", sagt mit rauer Herzlichkeit Costners Kumpel Tim, ein Freund von Kindesbeinen an, der die Gäste im Geländewagen übers fast 70 Hektar große Anwesen kutschiert. Die Ranch liegt an einem Berghang westlich des mondänen Wintersportorts Aspen in Colorado, ein prächtiges Stück Western-Panorama samt Fluss und zwei Seen, in denen Biber und Forellen hausen.

Gestern Abend, erzählt Tim breit grinsend, habe sich eine Bärin mit zwei Jungen in die Garage verlaufen, man habe sehr geschrien, und während er aufs Haupthaus und Christines Küche zustapft, windet sich eine kleine braune Schlange im Gras. Frau Costner, eine geborene Baumgartner und somit deutscher Herkunft wie ihr Mann, dessen Koster-Ahnen im 17. Jahrhundert nach Amerika auswanderten, trägt Jogginghosen und T-Shirt. Eine schmale Blondine mit braunen Augen und schönem Mund, den sie in ein Lächeln zwingt. Im Mai wurde sie Mutter des kleinen Cayden Wyatt, Costners fünftem, ihrem ersten Kind. Das Paar kennt sich seit 1999 - Kevin kam zum Golfspielen in das Sporthotel bei Santa Barbara, wo Christines Vater als Golflehrer arbeitete. Hier, auf der Ranch in Aspen, wurde fünf Jahre später geheiratet: an einem Ort, der voll ist von Erinnerungen an Kevins Leben vor Christine. Fotos seiner Kinder Annie, Lily und Joe - heute 23, 21 und 19 Jahre alt - hängen an den Wänden, dazu Bilder von den Dreharbeiten seines Welterfolgs "Der mit dem Wolf tanzt". Das ist jetzt fast 20 Jahre her.

Unverkrampft, unaufgeregt, latent humorlos

Zwei Dekaden, in denen sich der damalige König von Hollywood nach zwei respektablen Desastern -"Waterworld" und "Postman" - in eine Kuriosität verwandelt hatte. Eine durchaus massentaugliche Kuriosität: Costner drehte Filme, mit denen er weiterhin viel Geld verdiente, aber sein Weg führte raus aus Hollywood statt immer tiefer ins Zentrum der Macht. Der Mann, den Kritiker einst als neuen Gary Cooper feierten - Amerikas unbefleckten Helden -, wurde störrisch. Legte sich mit Studiobossen an, wenn die ein paar Minuten aus seinen Filmen herausschneiden wollten, stürzte sich mit Leidenschaft in Projekte, die als finanziell riskant galten. Western zum Beispiel. Costner liebt Western! Altmodische, sorgfältig erzählte, fast umständliche Geschichten. Im Zeitalter des i-Entertainments inszeniert er seine Filme wie aufwendige, vertrackte Menüfolgen, hier eine üppige Beilage, dort ein schweres Sößchen, dann überraschend ein Fischgang, dazwischen was zu knabbern ... "Ich liebe Fett, ich liebe Nebenhandlungen", sagt er, während die Gattin weiterhin Gemüse hobelt und das Baby traumschwer gluckst. "Ich mache meine Arbeit eben so, wie ich sie für richtig halte, und nur weil ein paar Leute mehr ins Kino gehen würden, lasse ich mir meine Ideen nicht kaputt machen."

Costner ist jetzt 52 Jahre alt. Ein großer Mann, der besser in Jeansjacken als im Smoking aussieht. Er wirkt ruhig, fast ein wenig schwerblütig, mit einer Körpersprache so eloquent wie ein Schlagbaum. Es gleicht einem Temperamentsausbruch, wenn er die Hände in die Hosentaschen steckt. Selbst auf seinem Hochzeitsfoto - er und Christine vor dem Forellenteich - steht er recht kerlig rum. Ja, das ist er. Ein Kerl. Einer, den man in der Nähe wissen möchte, wenn man auf dem Dachboden Nagetiergetrappel hört. Oder wenn man im Autohaus einen Gebrauchtwagen kaufen geht. Unverkrampft, unaufgeregt, latent humorlos; überraschend huscht manchmal dieses vertraute Lächeln über sein Gesicht, bubenhaft, lebhaft, es hat Millionen Frauen in den 90er Jahren ganz kirre gemacht. Als Junge, erzählt er gemütlich, habe er versucht, Klapperschlangen das Gift auszumelken, weil es dafür angeblich Geld gab. Er war ständig mit seinem Hund unterwegs, ein wilder Junge mit aufgeschrammten Beinen, der davon träumte, einmal Jäger zu werden. Er kam aus kleinen Verhältnissen, sein Vater war Elektriker, die Mutter Hausfrau, aber er ahnte erst, dass sein Hinterhof kein Königreich war, als er die Gärten seiner Mitschüler sah. Seine eigenen Kinder fliegen im Privatjet und wachsen in wilden Paradiesen wie hier in Aspen auf.

"Ein bisschen Demut hat noch nie geschadet"

Papa Costner predigt dennoch Bescheidenheit, "die anziehendste menschliche Eigenschaft. Ein bisschen Demut hat noch nie geschadet", sagt er. Er ist mit einem Minitraktor vom Haus heruntergefahren zu einer der drei Holzhütten auf seinem Gelände. Diese ist ein Gästehaus, die Costners haben viele Gäste. Sie steht am Fluss, das Wasser rauscht und zischt. Einer seiner drei weißen Labradore will spielen, Daisy stellt sich breitbeinig ins flache Uferwasser. Costner wirft ein Stück Holz. "Das Filmgeschäft verhilft einem zu so viel Aufmerksamkeit, zu so vielen Gelegenheiten, man wird unglaublich gehätschelt, ob man es verdient oder nicht. Und manche Leute verkraften das nicht und benehmen sich wie Schweine, ich hasse das." Costner, so mag mancher Kinogänger einwenden, der das Epos " Postman" über sich ergehen ließ, hat Bescheidenheit freilich auf die klassische Tour gelernt: Er ist auf den Arsch gefallen. Costner kichert. Ja, tatsächlich: Er stößt ein jungenhaftes Gickern hervor, zuckt die Achseln. "Auf den Arsch fallen tut immer weh.

Aber ich habe keine Angst davor. Die meisten Menschen haben ständig vor etwas Angst - dass sie nicht geliebt werden oder dass sie ihr Geld verlieren oder sich blamieren. So ein Leben würde mich verrückt machen. Ich habe keine Angst zu versagen. Ich bin nicht blöd, ich rechne mir vor jedem Risiko meine Chancen aus - und lange dann zu oder lasse es bleiben. Aber ich heule nicht rum, wenn etwas schiefgeht." Das Einzige, was in seinem Leben so richtig schiefgegangen sei, sagt er, sei seine erste Ehe. 16 Jahre war er verheiratet, Jugendliebe, drei herzige Kinder, er ein wunderbarer Vater, der sich immer Zeit nahm fürs Familienleben - und und dann, 1994, alles aus. Bittere Scheidung, Häme allüberall. Costner, der so brave Ehemann - Hollywoods lässigstes Sexsymbol der 80er und 90er Jahre -, wurde bald berühmter für seine Affären als für seine Filme: Models darunter wie Naomi Campbell, Gerüchte gar über eine Liaison mit Prinzessin Diana. Ein heute zehnjähriger Sohn entstammt dieser Midlife-Junggesellenseligkeit. "King of the One-Night-Stands" nannte die britische Presse den blonden Cowboy.

"Nie habe ich jüngere Freundinnen gehabt"

"Ich lese so was nicht", knurrt Costner, Hände in der Jacke. "Beschissene Feiglinge. Keiner sagt mir so was ins Gesicht, ich würde sie alle ..." Und er stiert auf den Fluss, als trieben die Leichen seiner Feinde vorbei. Völliger Quatsch war laut Costner die letzte wilde Story aus der Zeit seiner Flitterwochen mit Christine in Old Europe - eine Masseuse sei involviert gewesen, die öligen Details malte sich die Boulevardpresse schillernd aus. Seitdem herrscht Ruhe. Christine ist 20 Jahre jünger als Costner, ein Gedanke, der ihn schaudern lässt. "Nie habe ich jüngere Freundinnen gehabt. Ich mag Frauen in meinem Alter! Und der Gedanke, dass ich 70 bin, wenn Cayden aus der Schule kommt, macht mir Angst. Man will das Leben doch mit seinen Kindern teilen. Ich will ihm zeigen, was es heißt, ein Mann zu sein." Costner setzt sich breitbeinig auf sein vierrädriges Motorrad (Neudeutsch Quad). Ein Mann sein. Was das heißt? Er grinst. Lieb sein, sagt er.

Der Labrador kommt angehechelt, Costner steigt wieder ab und hilft dem Tier auf den Sitz. Ein Lammfell liegt obenauf, es ist für Daisy. "Es gibt genug Gelegenheiten für uns, grob und tough zu sein. Das musst du deinem Jungen nicht beibringen, das lernt er selbst. Aber lieb sein, das ist schwer." In seinem neuen Film "Mr. Brooks", der Ende November in die deutschen Kinos kommt, spielt Kevin Costner einen Serienkiller; lieb ist was anderes. Um den Thriller, der in den USA nur mäßig erfolgreich lief, zu finanzieren (und sich nicht von Studios reinreden zu lassen), hatte er seine Ranch beliehen und auf sein übliches Honorar von etwa 20 Millionen Dollar verzichtet. Kürzlich verkündete er, dass er im Lauf der Jahre rund 40 Millionen Dollar in Umweltprojekte gesteckt habe, die sich leider als Mumpitz erwiesen. Der gewiefteste Geschäftsmann sei er nicht gerade, gibt er zu und blinzelt schafsmild in die untergehende Sonne.

"Wo sind die Riesen?"

"Eher ein Träumer. ‚Was wäre, wenn?‘ ist meine Lieblingsfrage." Er ist müde, er hat am Abend zuvor mit seiner Band ein Konzert gegeben (Selbstbeschreibung: "Rock. Mit Country-Wurzeln"). Costner singt und spielt Gitarre, und die Songs schreibt er auch. "Wo sind die Riesen?", lautet einer, gemeint sind politische Leader. Überall kleine Leute, schimpft er, die Angst haben vor unpopulären Entscheidungen, die Angst haben vor Niederlagen. Versagen, wiederholt er sein Mantra und wirft den Quad-Motor an, sei eine völlig unterschätzte Erfahrung. Dann rattern Herr und Hund hinauf ins Haus, vorbei an den beiden Seen, wo man ihn frühmorgens fliegenfischen sieht. Er sei am glücklichsten, hat Kevin Costner einmal gesagt, auf seiner Ranch in Colorado. Kanu fahren, Sterne gucken. Was wäre, wenn Hollywood ihn nicht mehr riefe? Oh, keine Sorge. Er nähm's wie ein Mann.

print