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Kinostart "Black Swan": Wrestling in Tutu und Spitzenschuhen

Dieser Ballettfilm wird nicht dafür sorgen, dass kleine Mädchen wieder vermehrt in die Tanzschulen trippeln. "Black Swan" ist ein herber Psychothriller über das Selbstverständnis der Frau - und dürfte Natalie Portman ihren ersten Oscar bescheren.

Von Sophie Albers

Ballett. Die absolute Herrschaft über den eigenen Körper, über das Bild seiner selbst, zuweilen sogar über die Schwerkraft. Schönheit, Leichtigkeit, Disziplin. Das perfekte Sinnbild für den menschlichen Kontrollwahn: außen ein pastellglänzender Spitzenschuh, innen verformte Knochen, gerissene Nägel und Blutblasen. Und dennoch das große Faszinosum für Millionen kleiner Mädchen, die als Traumberuf begeistert "Ballerina" rufen. Die, die über den klassischen Tanz lachen, würden nicht fünf Minuten im Training bestehen.

Es hat immer wieder Ballettfilme gegeben, die die Magie dieser Kreuzung aus knochenhartem Leistungssport und lieblicher Kunst weitergetragen, verherrlicht oder auch verniedlicht haben - vom Klassiker "Die roten Schuhe" (1948) bis zur TV-Serie "Anna" (1987). Eines war das Tanzen dabei immer: anbetungswürdig. Und nun kommt Regisseur Darren Aronofsky mit "Black Swan", holt das Ballett vom Altar und macht es zur Kulisse für einen Psychothriller, der alle Klischees, die es über das klassische Ballett und seine Tänzer gibt, nimmt, um sie mal im märchenhaften Kaleidoskop, mal im hässlichen Zerrspiegel zu zeigen. Herausgekommen ist ein realistisches, düsteres Märchen von großer Aktualität.

Das Klischee der Unschuld

"Black Swan" ist die logische Weiterführung von Aronofskys letztem Film "The Wrestler", in dem der physisch wie psychisch kaputte Athlet (grandios: Mickey Rourke) im Schaukampfring alles gibt, weil er nichts anderes hat. "The Wrestler" erzählt von Männlichkeit: gesellschaftlichen Erwartungen und Enttäuschungen, menschlichen Fehlern, unmenschlichen Traditionen. Vom Kampf eines Mannes mit sich selbst, um es pathetisch auf den Punkt zu bringen. Nur dass er dabei tatsächlich auf der Matte landet.

Auch Nina (Rolle ihres bisherigen Lebens: Natalie Portman), die Tänzerin, von deren Schicksal "Black Swan" handelt, ist völlig zurückgeworfen auf ihren Körper. Sie hat ihn selbst dressiert und gezüchtigt, bis er geradezu geschlechtslos diesem vermeintlichen Ballettideal der fragilen Grazie entspricht. Obwohl das Geheimnis des Körpers einer Tänzerin seine unglaubliche Kraft ist, die in jedem Muskel steckt. Doch Nina hat sich verloren im Klischee der Zartheit, Unschuld, Reinheit. Sie geht vielleicht auf die 30 zu, doch Sexualität findet offenbar einfach nicht statt. Das liegt auch an ihrer (ebenfalls völlig überzeichneten) Mutter (in perfekter Balance zwischen Liebe und Wahn: Barbara Hershey), die ihr Kind wie einen Bonsai kleinhält - in einem winzigen Apartment, in einem mit rosa Stofftieren vollgestopften rosa Zimmer.

Der weiße und der schwarze Schwan

Als Compagnie-Leiter Thomas Leroy (der eiskalte Vulkan Vincent Cassel) beschließt, "Schwanensee" auf die Bühne zu bringen, sieht Nina ihre Chance auf den Hauptpart gekommen. Auch Leroy sieht sie als perfekte Odette, die Prinzessin, die in diesem Märchen von einem bösen Zauberer in einen weißen Schwan verwandelt wurde, die nur des Nachts in Menschengestalt auf Erden wandelt, und in die sich Prinz Siegfried verliebt. Nur ewige Liebe und Treue können den Bann brechen. Doch wer den weißen Schwan tanzt, muss auch den schwarzen verkörpern, so Leroy. Odile, Tochter des bösen Zauberers, die verführerisch, lustvoll, aufreizend Odettes Gegenpart einnimmt. Der weiße Schwan bezaubert Siegfried, der schwarze Schwan macht ihn rasend vor Lust. Wie soll Nina etwas glaubhaft auf die Bühne bringen, das sie nie empfunden hat?

Während Leroy sie provoziert, sogar versucht, sie zu verführen, taucht Lily auf (intensiv: Mila Kunis), eine Tänzerin, die alles verkörpert, was Nina nicht ist. Die perfekte Odile. Die Anti-Nina, die diese fürchtet, bekämpft, aber auch begehrt. Und dann gibt es auch noch Beth (welcome back: Winona Ryder), die ausrangierte Primaballerina, die an der brutalen Ballett-Gesetzmäßigkeit, dass mit Mitte 30 Schluss ist, zerbricht. Auch sie flößt Nina Angst ein, aber erweckt ebenso ihr Mitleid, schließlich hat Nina ihre Rolle übernommen. Doch ist sie damit auch die Nächste, die ersetzt werden wird. Nina gibt trotzdem alles, was sie hat - vor allem ihre größten Ängste.

"Black Swan" bietet auf, was diese Gesellschaft an Frauenrollen bietet: die Alte, die Neue, die Kalte, die Heiße, die Mutter, die Tochter, die Heilige, die Hure. Nein, "Black Swan" ist kein Ballettfilm im eigentlichen Sinne, aber in dieser Welt des schönen Scheins, der einbetonierten Rollenbilder und weiblichen Selbstkasteiung perfekt verortet. Besser kann Unterhaltungskino nicht sein.