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Kinostart "Rückkehr ans Meer": Der misstrauische Blick auf den eigenen Babybauch

Die Schwangerschaft gilt als Inbegriff des Glücks. Ein Skandal, wenn die werdende Mutter zu dem Baby keine Beziehung fühlt. Nicht so bei François Ozon. In "Rückkehr ans Meer" spürt er den Gefühlen einer Frau nach, die diesen Zustand nur mühsam akzeptieren kann.

Über eine Schwangerschaft freuen sich viele Frauen. Was aber, wenn sie das nicht tun? Wenn sie das Kind nicht wirklich wollen? So ähnlich ergeht es Mousse in François Ozons "Rückkehr ans Meer". Eigentlich leben Mousse und ihr Freund Louis im Heroinrausch und haben ihr Leben nach dem nächsten Schuss ausgerichtet. Doch eines Tages stirbt Louis an einer Überdosis. Mousse ist verzweifelt - und schwanger. In ihrer Trauer will sie das Kind austragen, damit ein Teil ihres Freundes weiterlebt. Gleichzeitig hadert sie mit ihrer Mutterrolle.

In einem einsamen Ferienhauses am Meer versucht Mousse, mit ihrem Schicksal zurecht zu kommen. Eines Tages taucht der adoptierte Bruder von Louis auf - Paul. Homosexuell, unglücklich und auf der Suche nach seiner wahren Identität. Gegenseitig geben sich die beiden Halt, stoßen sich aber ebenso heftig wieder zurück, weil sie keine Nähe zulassen können.

"Rückkehr ans Meer" ist ein intensiver Film mit schönen Bildern, der sich großen Themen wie Liebe, Vertrauen und Lebenssinn einfühlsam nähert. Behutsam greift Ozon das Thema Muttersein auf und verzichtet dabei auf Klischees. Er befreit die Frauen von dem gesellschaftlichen Zwang, in diesen Monaten ständig glücklich sein zu müssen. Umso intensiver wirken die wenigen Momente, in denen Mousse ganz bei sich ist, über ihren schwangeren Körper streicht und den Bewegungen des Kindes in ihrem Inneren nachspürt. Inmitten all des Zweifels kurze Phasen des Glücks, die dem Film trotz des ernsten Themas Leichtigkeit verleihen.

Isabelle Carré verleiht Mousse eine anrührende Zerbrechlichkeit. Auch der Sänger Louis-Ronan Choisy überzeugt als Paul, obwohl er zuvor noch nie als Schauspieler gearbeitet hat. Ozon gefiel gerade dieser Kontrast: Carré als erfahrener Profi, Choisy als Neuling im Filmgeschäft. Vorsichtig und scheu tastet sich Paul im Film voran - unsicher, wohin er sich wenden soll. Seine leiblichen Eltern hat er nie kennengelernt, umso mehr überwältigt ihn das Mutterwerden von Mousse. Während sie ihren hochschwangeren Körper misstrauisch beäugt, ist Paul hingerissen von dem neuen Leben, das in ihr wächst. Eine fragile Beziehung zwischen den beiden entsteht; ein Stück Normalität, so scheint es, doch am Ende ist vor allem Mousse zu verletzlich und ängstlich, um sich dem Leben im Alltag zu stellen.

Carré war während der Dreharbeiten wirklich schwanger. Für Ozon ein Glücksfall - wollte er doch immer schon einen Film mit einer Schwangeren drehen. Der sich rundende Körper sei attraktiv, sinnlich und mysteriös, schwärmt der Regisseur. Für ihn ist "Rückkehr ans Meer" der Abschluss einer Trilogie über das Trauern nach "Unter dem Sand" und "Die Zeit, die bleibt". "Der erste drehte sich um den Tod von jemandem, den man liebt, der zweite ging um den eigenen Tod und dieser dreht sich um den Tod von geliebten Menschen und um das neue Leben, das man mit der Schwangerschaft in sich trägt", sagt der Regisseur. "In der Tat ist es ein Versuch, die seltsamen und schwierigen Wege der Trauer zu beleuchten."

Cordula Dieckmann, DPA / DPA
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