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Ludivine Sagnier: Der Preis der Sinnlichkeit

Vor vier Jahren rekelte sie sich durch François Ozons "Swimming Pool", galt sofort als Frankreichs neues Sexsymbol und war darüber selbst am meisten erstaunt. In Claude Chabrols Film "Die zweigeteilte Frau" spielt sie nun sehr überzeugend das genaue Gegenteil.

Von Patrick Bauer

Viele haben schon versucht, Ludivine Sagnier zu beschreiben. Die richtigen Worte hat aber nur Vladimir Nabokov gefunden. Und das war 1955, 24 Jahre bevor Frankreichs derzeit begehrteste Schauspielerin überhaupt geboren wurde: "eine dämonische Mischung von zarter, träumerischer Kindlichkeit und einer Art koboldhafter Vulgarität". Die großen Augen, der Schmollmund, dieses Spöttisch-Naive. Lolita eben. "Was soll an mir schon sexy sein?" Madame Sagnier, möchte man da einwenden, nicht so bescheiden, Sie waren doch die Nackte in "Swimming Pool"! Aber davon will Ludivine Sagnier nichts mehr hören. Vor vier Jahren war es, da schuf Starregisseur François Ozon aus einem Backfisch namens Sagnier eine Sexgöttin namens Ludivine. Als nymphomanische Verlegertochter Julie lümmelte sie sich durch seinen Thriller "Swimming Pool", als Gegenpart zur alternden Krimi-Autorin Sarah Morton, gespielt von Charlotte Rampling. Es war ein hitziges Aufeinandertreffen vor der Kulisse eines französischen Ferienhauses, ein erotisches Duell, und Sagnier überzeugte als vulgäre Göre - blond, braun gebrannt, nackt.

Ein reines und doch schwieriges Geschöpf

"Wissen Sie", sagt Sagnier jetzt, "das Problem ist: Ich wurde diese Schlampe nicht mehr los." Ihr damaliger Lebensgefährte machte vorsichtshalber Schluss. "Da stand ich nun und merkte, dass ich mein Leben als Schauspielerin damit verbrachte, Illusionen darzustellen, und dabei vergessen hatte, wer ich wirklich bin." Schon mit sieben Jahren hatte sie, aufgewachsen im Pariser Umland, mit ihrer Schwester an einem Casting teilgenommen. Mit neun Jahren wirkte Sagnier in einer Fernsehserie mit, sie machte mit 16 ihren Schulabschluss und studierte am Versailler Conservatoire d’art dramatique. "Ich bin zwar beruflich sehr schnell erwachsen geworden, aber ich war lange Zeit sehr naiv", sagt Sagnier. In François Ozons grandiosem Fassbinder-Remake "Tropfen auf heiße Steine" (2000), Sagnier war gerade 21, spielte sie noch ein steifes, blasses Mädchen in türkiser Unterwäsche (dennoch: sehr sexy!). Zwei Jahre später erschien sie in "8 Frauen" neben großen Damen wie Catherine Deneuve oder Isabelle Huppert fast knabenhaft. Danach versprach Ozon: "Als Nächstes habe ich eine Rolle, in der du zum ersten Mal als Frau erscheinst." Er hätte auch sagen können: als Luder.

Ludivine Sagnier sagt, sie sei mit "Swimming Pool" in die Brigitte-Bardot-Falle geraten. Alle Welt verglich sie mit Frankreichs ewigem Symbol für Sinnlichkeit, nachdem bereits ausgerufene Nachfolgerinnen wie Laetitia Casta die Sehnsucht nach einer neuen Diva nicht erfüllt hatten. Ludivine Sagnier floh nach Hollywood. "Ich wollte das nur mal ausprobieren: Kommerz statt Autorenkino", gesteht sie. In der 100-Millionen-Dollar-Produktion "Peter Pan" spielte sie Tinkerbell, die Fee. Sie muss noch heute lachen, wenn sie daran denkt, wie pikiert ihre US-Produzenten reagierten, als "Swimming Pool"- die Dreharbeiten zu "Peter Pan" waren gerade abgeschlossen - auf dem Filmfest von Cannes vorgestellt wurde. Die amerikanische Kinderfantasie war in Europa längst eine Männerfantasie. Ansonsten langweilten Hollywood und seine Protagonisten die junge Französin, der Ausflug blieb eine merkwürdig unpassende Station in ihrem Lebenslauf, der ansonsten gespickt ist mit ambitionierten Filmen und namhaften Regisseuren.

Einer davon ist Claude Chabrol, der französische Altmeister der Nouvelle Vague. Und hätte der heute 77-Jährige eines Abends nicht Lust gehabt, sich mal wieder einen richtigen Popcorn-Film anzusehen, hätte Sagniers Auftritt als Tinkerbell keine nachhaltigen Folgen gehabt. Chabrol aber wusste schon während der Vorstellung, dass er die Hauptdarstellerin für seinen neuen Film gefunden hatte. Für den nämlich brauchte er ein ähnlich reines und doch schwieriges Geschöpf. "Die zweigeteilte Frau" läuft nun in Deutschland an, und von Ludivine Sagnier ist kaum Pikanteres als eine nackte Schulter zu sehen. Sie spielt die bezaubernd naive TV-Moderatorin Gabrielle, die sich in den berühmten Schriftsteller Charles Saint-Denis verliebt. Der ist nicht nur verheiratet, sondern in der besseren Gesellschaft, in der er verkehrt, auch berüchtigt für seine Vorliebe für härtere Sexspiele. Gleichzeitig buhlt der verzogene und labile Millionenerbe Paul um Gabrielle, und Claude Chabrol lässt die unheilvolle Ménage-à-trois gewohnt kühl und ausführlich eskalieren.

"Gabrielle hat mich fasziniert"

Ein nervenzehrendes Spiel aus Dominanz und Unterwerfung. Am Ende ist man gar nicht sicher: War die offensichtliche Naivität der Gabrielle bloß Kalkül? "Ach, Quatsch", sagt da schnell Ludivine Sagnier, "Gabrielle ist wirklich so unschuldig, es glaubt ihr nur niemand, weil solche Frauen heutzutage selten geworden sind." Und dieses Problem kennt Ludivine Sagnier sehr gut "Gabrielle hat mich fasziniert", sagt Sagnier, "weil sie wie ich bedingungslos an die große Liebe glaubt." Sagnier selbst hat ihre bereits gefunden, und das auch noch im Filmgeschäft. Ihren Lebensgefährten und Kollegen Nicolas Duvauchelle lernte sie während Dreharbeiten kennen - vor fast drei Jahren kam Tochter Bonnie zur Welt. "Glauben Sie mir", sagt Sagnier, "zwei Schauspieler werden schnell zu geerdeten Menschen, wenn sie Windeln wechseln." Die Kleinfamilie lebt im Zentrum von Paris, Stadthaus mit Garten. Glücklich und unauffällig, wie sie betont. "Seitdem unser verrückter Präsident in die Klatschspalten will, haben Sexbomben wie ich ihre Ruhe", freut sich Sagnier.

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