Kommentar Die Bigotterie der Wolfsjäger


Wenn es um die Mohammed-Karikaturen geht, stellt sich der Westen breitbeinig hin und pocht auf die Pressefreiheit. Kaum kommt ein prekärer Film wie "Irak - Im Tal der Wölfe" auf den Markt, fordern Konservative ein Verbot. Wie lächerlich.
Von Lutz Kinkel

Ja, es ist eklig. Zum Beispiel, wenn der jüdische Arzt den Neuankömmlingen in Abu Ghreib einzelne Organe entnimmt. Er füllt sie blutig und zuckend in Kühltaschen, die Schilder für den Transport tragen. Darauf steht zum Beispiel "Tel Aviv" oder "Washington". Der Arzt, im Film nur "Doktor" genannt, brüllt sogar einen schießwütigen amerikanischen Soldaten an, er solle nicht so viele Häftlinge töten. Schließlich bräuchte man sie lebend, um die wertvollen Nieren weiterverwerten zu können.

Diese Szene aus "Irak: Im Tal der Wölfe" ist antisemitisch, darüber muss man nicht diskutieren. Und natürlich verstößt der Antisemitismus gegen einen Grundkonsens unserer Gesellschaft, wie der nordrhein-westfälische Jugendminister Armin Laschet sagte. Dasselbe gilt für die völlig einseitige Zeichnung der Amerikaner, die im Film als ultrabrutale Kreuzzüglern auftreten, die Frauen und Kinder wahllos abknallen. Aber sollte man den Streifen deswegen verbieten, wie es der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber gefordert hat?

Verstöße auf allen Seiten

Als die dänische Tageszeitung Jyllands Posten jüngst die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, haben konservative Politiker öffentlich bedauert, dass die religiösen Gefühle von Moslems verletzt wurden, und haben - völlig zu Recht - auf die Freiheit der Meinung und der Presse verwiesen. An dieser Position wurde auch festgehalten, als dänische Botschaften brannten und Zehntausende protestierten. Selbst wenn diese Aktionen zum Teil politisch gesteuert waren, darf man doch festhalten, dass die Karikaturen gegen einen Grundkonsens der moslemischen Welt verstießen. Aber wir haben Moslems zugemutet, mit diesem Verstoß zu leben. Dasselbe können Andere auch von uns verlangen.

Van Damme schon vergessen?

Im Übrigen: Hat Stoiber schon die ganzen Rambos, Bonds, Schwarzeneggers und van Dammes vergessen? Diesen endlosen Strom amerikanischer Actionstreifen, in denen auf zottelige Russen, blutrünstige Vietnamesen oder dunkle, islamische Terroristen eingeprügelt wurde? Kein Mensch hat von diesen Filmen jemals politische Ausgewogenheit gefordert - auch deswegen, weil man selbst dem unbedarftesten Kinogänger zutrauen darf, dass er Hollywood-Filme nicht mit Dokumentationen verwechselt. Dieses Vertrauen muss man auch in das türkische Publikum setzen, das "Im Tal der Wölfe" bejubelt. Agent Polat ist eine bekannte Figur aus dem türkischen Fernsehen, ein fiktionaler Charakter. Sicher beeinflusst auch Fiktion das Denken, aber ein einzelner Film wird die Vormacht westlicher Werte in unserer Gesellschaft kaum zerstören.

Allenthalben ist auch das Argument zu hören, "Irak: im Tal der Wölfe" sei deswegen so gefährlich, weil er die von Mohammed-Karikaturen und neuen Fotos aus Abu Ghreib angeheizte Situation noch weiter befeuere. Die Frage ist, ob es für einen solchen Film überhaupt eine "rechte Zeit" gibt. Seine ätzende Polemik hätte auch vor oder in zwei Jahren geschmerzt.


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