HOME

KOMÖDIE: Die etwas andere Familienchronik

Genies sind rar, gescheiterte Genies ebenso. Der amerikanische Film »Die Royal Tenenbaums« kann zu Beginn gleich mit drei Exemplaren dieser seltenen Gattung aufwarten.

Genies sind rar, gescheiterte Genies ebenso. Der amerikanische Film »Die Royal Tenenbaums« kann zu Beginn gleich mit drei Exemplaren dieser seltenen Gattung aufwarten, nämlich den Geschwistern Margot, Chas und Richie Tenenbaum. Margot war schon früh literarisch hoch erfolgreich, zwei Jahrzehnte später steckt sie allerdings in einer lähmenden Schreibkrise. Chas hat sich als virtuoser Finanzjongleur Bekanntheit erworben, nun leidet er nach dem Unfalltod seiner Frau an Verfolgungswahn.

Richie schließlich ist Tennis-Champion, der nach einem spektakulären Zusammenbruch ziellos mit seiner Yacht über die Meere zieht. Der Erzeuger all dieser ungewöhnlichen Kinder heißt Royal, ein egoistisches Schlitzohr, das sich schon lange von der ungeliebten Frau und Mutter Etheline getrennt hat. Doch auf seine alten Tage verspürt Royal den Drang, abermals seine Rolle als Patriarch dieser New Yorker Sippe spielen zu sollen. Damit aber bringt er deren ohnehin labilen Verhältnisse völlig durcheinander, zumal Etheline drauf und dran ist, ein neues Glück mit einem anderen Mann zu finden.

Auch die drei gescheiterten Genie-Kinder reagieren alles andere als begeistert auf das eigenmächtige Comeback von Royal. In verschiedenen Rückblenden sehen wir, wie es früher zuging bei den Tenenbaums - damals, als Margot, Chas und Richie die Welt noch mit ihren unglaublichen Talenten verblüfften und Royal noch ein erfolgreicher Anwalt war. 20 Jahre später ist aller Glanz dahin. Gerade deshalb ist es von besonderer Brisanz, dass die lange Zeit verstreute Familie wieder zusammenfindet in dem Haus an der Archer Street, das Royal in besseren Zeiten erworben hatte. Plötzlich erhebt jeder ein Anrecht darauf, wieder dort wohnen zu können.

Zu welchen Verwicklungen und in welche Turbulenzen das führt, zeigt Hollywoods neues Regie-»Wunderkind« Wes Anderson, der zusammen mit Owen Wilson auch das Drehbuch geschrieben hat. In den USA waren viele Kritiker ganz begeistert von diesem durchaus originellen Streifen. Und mit Gene Hackman als Royal, Anjelica Huston als Mutter Etheline, Gwyneth Paltrow als Margot, Ben Stiller als Chas sowie Bill Murray und Danny Clover ist der Film auch herausragend besetzt. Besonders der souveräne Hackman hat sichtlich Spaß an seiner Rolle, in der der alte Haudegen seine komödiantische Ader ausleben kann.

Diesen Spaß muss der Zuschauer allerdings nicht unbedingt haben. Denn nach einiger Zeit stellt sich bei diesem Film ein Übersättigungsgefühl ein. Anderson will allzu sehr demonstrieren, wie einfallsreich er ist, wie exzentrisch die Charaktere sind, wie überdreht es in dieser wahrscheinlich recht unamerikanischen Familie zugeht. Doch je aufdringlicher das Imponiergehabe ausfällt, umso mehr schwindet das Interesse, vor allem aber die Freude an den Verrücktheiten der Tenenbaums. Einzig Royal bleibt eine Figur, der man bis zum Ende gerne zuschaut. Drei Genies, ob gescheitert oder nicht, machen eben noch keinen genialen Film.

Themen in diesem Artikel