KOMÖDIEN Femme fataliste


Großstadtfrauen stürmen die Kinos und das Fernsehen: In Komödien wie »Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück« kämpfen sie mit ihren Ängsten und Pfunden - und der Problemzone Mann

Diese furchtbaren Momente, spätabends, allein. Wenn sie sich so verzweifelt einsam fühlt, dass sie sogar verirrten Nachtfaltern ein Glas Wein anbieten würde. Wenn sie auf ihrem Sofa sitzt und Musik zum Heulen hört. Mehr Zigaretten an einem Abend raucht als Jean-Paul Sartre in seinem ganzen Leben. Sich ihr düsteres Leben bis zum Morgengrauen mit Wodka ein bisschen bunter trinkt. Der Job, die Wohnung, das Geld, die Figur, rundherum alles einigermaßen okay ? aber was nützt schon ein schöner Rahmen ohne das passende Bild? Gelegentlich holt sie sich eine Freundin als Gefühlshaushaltshilfe an die Strippe, aber aufräumen muss sie ihren Gedankenmist am Ende doch alleine. Eine Großstadtfrau zu sein, so eine wie Renée Zellweger als wandelndes Neurosen-Päckchen Bridget Jones in »Schokolade zum Frühstück«, Anfang 30 und Single, ist ganz offensichtlich die Hölle. Und nur betrunken auszuhalten.

Plötzlich schreien diese Großstadtfrauen der Welt ihr Unglück entgegen. Oralsex ist Scheiße! Ich bin zu fett! Er hat mich verlassen! Ich hab ihn verlassen! Er ist fremdgegangen! Mein Epilierer ist ein Foltergerät! Alkohol! Ausverkauf bei Gucci verpasst! Und warum ruft der Typ von neulich Abend nicht endlich an? Kein Geheimnis der Weiblichkeit, kein intimes Problem, das nicht in diesen Tagen auf der Leinwand oder dem Bildschirm ausdiskutiert wird ? und wahrscheinlich zählen die Frauen noch beim Seelenstriptease die Kalorien. »Bridget Jones ? Schokolade zum Frühstück« und »Thema Nr. 1« laufen derzeit im Kino, »Mondscheintarif« kommt im Oktober. »Ally McBeal«, die TV-Serie über eine neurotische junge Anwältin, startet Anfang September in der vierten Staffel auf Vox. Pro Sieben kontert mit der amerikanischen Erfolgsserie »Sex And The City« über vier sexhungrige und beziehungsmüde New Yorkerinnen.

Am Ende geht es immer ums Gleiche: um unglückliche Frauen. Sie sind meistens auf der Suche. Manchmal nach sich selbst. Meistens nur nach dem perfekten Mann. Dabei hat Ally McBeal das Problem längst auf den Punkt gebracht: »Ein Leben lang träumen wir vom richtigen Mann. Bis wir irgendwann feststellen, dass es ihn nur in unseren Träumen gibt.« Ach. Femme fataliste.

Es ist eine eigenartige Mischung aus Selbstironie und Selbstaufgabe, mit der sich die Heldinnen pointensicher durchs Leben philosophieren (»Sex-Träume? Schön! Da kann man mal alles gefahrlos ausprobieren. Das ist, als ob man ein Kleid kauft und das Preisschild dranlässt«). Das übliche Dilemma ist der »Schoko-Eis-Teufelskreis«: Liebeskummer wird mit Riesenportionen Schoko-Eis abgekühlt, das entstehende Übergewicht mit Spontansex abgearbeitet, und nach dem Spontansex folgt wieder der Liebeskummer. Es ist ein Klischee. Es ist wahr. Es ist zum Heulen.

Selten waren Komödien

so aufrichtig, so warmherzig ? und so schonungslos, so traurig. Denn hinter den Späßen stecken immer auch furchtbare Wahrheiten: Die Filme beschreiben eine weibliche Lach- und Schnief-Gesellschaft.

In »Mondscheintarif« steht die Heldin Cora Hübsch ihrem Liebesglück mit einem Bündel erfundener Verhaltensregeln selbst im Weg und bilanziert bitter: »Die aller-aller-allerschlimmste weibliche Problemzone heißt: Mann.« In dem banalen deutschen Film »Thema Nr.1« palavern vier Frauen so endlos über ihr Beziehungspech, dass man sich wundert, wie diese vier Selbstmitleidensträgerinnen überhaupt mal einen Kerl abbekommen haben. Und Bridget Jones? Verliebt sich in ein, zugegeben, blendend aussehendes Arschloch (Hugh Grant), das zu allem Übel auch noch ihr Chef ist. »Wenn man nicht über Bridget lachen würde, müsste man heulen«, erklärt Sharon Maguire, die Regisseurin von »Schokolade zum Frühstück«.

20 Pfund hat sich die eigentlich sehr zierliche Schauspielerin Renée Zellweger für die Rolle angefuttert. Der tägliche Diätplan war beeindruckend: zum Aufstehen ein Käseomelett mit Würstchen, ein paar Scheiben Toast mit je einem Esslöffel Butter drauf, dazu Vollmilch. Zweites Frühstück mit einem großen Schokoladen-Shake. Mittags eine Pizza, Salat mit Extra-Dressing, Käsekuchen und Milch. Zwischendurch ein paar Snickers. Abends ein ganzes Hähnchen, Kartoffelpüree, ein paar Guinness-Biere und Créme Caramel als Nachtisch. Und vor dem Schlafengehen noch ein Stück Obstkuchen und Eis. »Wahnsinnig wohl habe ich mich in meiner Haut nicht gefühlt ? aber Bridget tut das ja auch nicht, deshalb war es für die Rolle wahrscheinlich gut«, sagt die 32-jährige Zellweger.

Schließlich kriegt Bridget Jones den perfekten Mann natürlich doch. Sensibel und witzig ist er, ritterlich und irre reich. Alles ist gut. Kino eben. Und Zellweger hat ihre Kilos längst wieder runter, sitzt schlank und schmal wie eine Elfe beim Interview und sagt Sätze wie: »Bridget ist schön, wie sie ist. Sie muss sich gar nicht ändern. Darum geht es in diesem Film.«

Und die Zuschauerinnen sitzen im Kino ? Gedanken ans Älter- und Dickerwerden wie Wackersteine auf der Seele. Sie wissen vielleicht, dass sie mit ihrer Traurigkeit nicht allein sind. Dass da viele Bridgets und Coras und Allys durch die Welt laufen. Aber im Kino und im Fernsehen gibt es immer ein Happy End oder zumindest einen versöhnlichen Abspann. Im wahren Leben gibt es kein Drehbuch. Sondern nur ein Sofa, Zigaretten, Wodka. Einen Rahmen ohne Bild. Und die Hoffnung auf ein bisschen Glück.

Von Michael Ebert


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