Mail aus Mumbai Der Patriarch von Bollywood


Die indische Traumfabrik Bollywood ist eine Welt für sich. Dort hat vor allem einer das Sagen: Amitabh Bachchan. Der Superstar ist notorisch schlecht gelaunt, mag keine Fremden, keine Presse - aber sobald die Kamera läuft, macht er eine erstaunliche Verwandlung durch.
Von Swantje Strieder

Das Spukhaus sieht richtig gemütlich aus, mit Kamin und Ledersofas, Holzvertäfelungen und einer breiten viktorianischen Treppe. Dabei ist nichts echt: ich stehe in einer Filmkulisse der renommierten Mehboob-Studios, etwa das MGM von Indien. Hier wird gerade einer der rund 800 Bollywood-Filme pro Jahr gedreht, nicht irgendein Hindi-Streifen sondern eine Superproduktion mit dem ergrauten Altstar Amitabh Bachchan, 65, und dem strahlenden Publikumsliebling Shah Rukh Khan. Eine Family Comedy, die vielleicht zwei oder drei Milliarden Menschen, also viel mehr Zuschauer als Hollywood erreichen wird.

Es ist, nur soviel darf vor dem Release verraten werden, ein Geisterfilm über einen kleinen Jungen im Zahnlückenalter, der sich mit dem grantigen Hausgespenst gegen seine Eltern verbündet. Ein bisschen "Caspar", ein bisschen "Spukschloss im Spessart" in Mumbai, das früher, als es noch Bombay hieß, wirklich noch so verwunschene Villen in tiefen tropischen Gärten hatte, wie es die Kulisse vorgaukelt. Der eigentliche Star ist natürlich der Hausgeist, gespielt von Bollywoods Legende Amitabh Bachchan. Der Mann, den die BBC im Jahr 2000 zum größten Schauspieler des Millenniums wählte, vor Marlon Brando, Charly Chaplin, Lawrence Olivier und einer ganzen Galerie westlicher Stars.

In Indien ist 1,90 Meter ein Gardemaß

Groß ist Big B wirklich, etwas über 1,90 Meter, was in Indien Gardemaß bedeutet. Im Moment ist der Herr Geist nicht im Hause, aber sein Sessel, drei übereinander gestellte billige Plastikstühle, die mit Tesafilm zusammengeklebt sind, steht wie ein Thron mitten im Studio. Niemand im Set würde es wagen, sich nur anzulehnen, bzw. hineinzusetzen. Dazu haben sie auch gar keine Zeit. Etwa 300 Leute, vom Beleuchter bis zum Kameramann, vom Bühnenarbeiter, Wächter und Teekocher bis zu den Regisseuren wuseln um mich herum. Gerade wird wieder umgebaut, der Dolly, der Kamerawagen um ein paar Meter verschoben, die Scheinwerfer höher und tiefer gerückt, an den mit schwarzem Tuch verhüllten Deckenleuchten gewerkelt, die wie riesige Fledermäuse vom Schnürrboden herunterhängen. Draußen sind feuchtheiße 30 Grad, hier drinnen wahrscheinlich auch.

Einer hat immer tolle Laune: der kleine Hauptdarsteller, ich nenne ihn einfach Sunil, hüpft gerade herum, als sei er auf einem großen Spielplatz, extra für ihn gebaut. Wie alle anderen hier muss er oft zehn bis zwölf Drehstunden aushalten. Während sein Vater ermattet dasitzt und Snake auf dem Handy spielt, wirft sich der Kleine Plastikbällchen mit den Bühnenarbeitern hin und her, als sei er der Captain der indischen Cricket Nationalmannschaft. Und giggelt dabei ganz laut.

Der Superstar mag die Presse nicht

Einer hat immer schlechte Laune: Superstar Amitabh Bachchan. Er lässt auf sich warten, wie sich das für den King of Bollywood gehört. Manchmal für Stunden, manchmal steht er urplötzlich im Raum und schnauzt sie alle zusammen "Bitte verziehen Sie sich schnell in eine dunkle Ecke", raunt mir Vishnu, der sonst so fröhliche Kameramann zu, "er mag keine Fremden auf dem Set." Und erst recht keine Presse. Mit der liegt der 65-Jährige schon lange im Clinch, macht er sie doch verantwortlich für die Achterbahnfahrt seiner Karriere. Dabei ist er der Pate, der Bollywood groß gemacht hat. In den Siebzigern war er der strahlende Action Hero aus Hindustan, ein ätzender Egomane wie Marlon Brando, ein Haudrauf wie Arnold Schwarzenegger, Typ "zorniger junger Mann", der die Studios mit ihren Hindi-Schnulzen das sozialkritische Fürchten lehrte - und ihnen die traumhaftesten Box Office-Gewinne bescherte.

Als der Star 1982 bei einem Stunt für "Coolie" lebensgefährlich verletzt wurde, zitterte ganz Indien den ärztlichen Bulletins im Fernsehen entgegen, die eiserne Ministerpräsidentin Indira Gandhi besuchte ihn am Krankenbett. Dann folgte ein dreijähriger Ausflug in die Politik, etliche Finanzskandale und Pleiten. Big B schien nach weit über 150 Filmen ausgelaugt, verbittert, am Ende. Ein paar Remakes wie "Godfather", dann wieder Stille. Doch im Millenniumsjahr 2000 war er plötzlich wieder da und glänzte als Moderator von "Kaun banega crorepati", dem indischen "Wer wird Millionär?" Er selbst, höhnte die Presse und munkelte von Traumgagen, mit denen Bachchan sich saniert haben soll.

Der King sitzt grantig auf seinem Plastikthron

Plötzlich steht er leibhaftig im Raum, wie ein Zombie geschminkt, er bewegt sich auch so. Eine Muskelkrankheit, so heißt es. Einen Moment trifft mich sein stechender Blick, ich drücke mich tief den Sessel am Rande. Am Eingang stehen drei Bodyguards. Mit Spielzeugpistolen? "Nein, echte Schnellfeuerwaffen, was glauben Sie denn?" raunt mir jemand zu. Dann brüllt Big B wie ein alter Löwe, zwei Mitarbeiter springen und schieben ihm den Plastikthron unter den Hintern. Er streckt widerwillig seine Finger vor, damit ihm ein dienstbarer Geist in Windeseile lange Gespensternägel aufkleben kann. Dann wankt der große alte Mann vor die Kamera, die offensichtlich magische Kräfte hat. Kamera ab! Plötzlich ist er wieder der alte Profi, jedenfalls für Sekunden. "Wonderful, Sir," haucht die Co-Regisseurin, die die Szene auf dem Monitor verfolgt: Der Junge steckt in einem Bärenkostüm, seine Film-Mutter, die hübsche Juhy Chawla, reißt ihm den Tierkopf herunter und schimpft ihn aus, aber Amitabh Bachchan wirft seinem kleinen Freund einen hinreißenden, richtig schelmenhaften Blick zu, wie es nur Big B kann. Pause.

Der King sitzt grantig auf seinem Plastikthron, denn die nächste Szene wird eine Zumutung für ihn. Nun muss der Star im Rentenalter bei dreißig Grad in das Bärenfellkostüm steigen. Kamera ab, wieder geht ein positiver Ruck durch den Riesen. Er reißt sich den Bärenkopf ab und darf auch wütend gucken. Auf den kleinen Jungen, der auf dem Sofa flätzt, vor Vergnügen mit den Beinen strampelt und durch seine Zahnlücke unbefangen in die Kamera lacht. Wiederholung. Jetzt schnauzt der Altstar die Regisseurin zusammen, aber als Profi setzt er noch einmal den Bärenkopf auf und ab- und lässt noch einmal von dem Siebenjährigen auslachen, der sich als einziger nicht von ihm einschüchtern lässt. Pause. Alle atmen durch. "Er ist nicht immer so, " raunt ein Assistent, "neulich, bei den Außenaufnahmen, war halt knallheiß und so, da hat er mir seine Baseballkappe geschenkt. Einfach so."

Ich gehe an den schwer bewaffneten Bodyguards vorbei, die viel freundlicher als ihr Chef gucken, hinaus in die Sonne. Schade, dass heute Shahrukh Khan, der Darling der Nation, der den Stiefvater des Jungen spielt, nicht auf dem Set war. Wer weiß, vielleicht hätte der Sonny Boy des Indischen Kinos sogar ein Erinnerungsfoto mit mir gemacht. Den alten Poltergeist habe ich vorsichtshalber nicht gefragt ...


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