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Matthias Brandt: "Sein Rücktritt war mir egal"

Warum will jemand den Verräter seines Vaters spielen? Matthias Brandt über die TV-Rolle als DDR-Spion Günter Guillaume und das Verhältnis zu seinem Vater Willy Brandt.

Herr Brandt, Sie spielen in dem TV-Zweiteiler "Im Schatten der Macht" Günter Guillaume - den DDR-Spion, über den Ihr Vater gestürzt ist. Warum wollten Sie diese Rolle?

Mich hat diese Doppelexistenz sehr gereizt, die zwei Leben, die der Mann nebeneinander geführt hat. Ich habe mir immer vorgestellt, dass diese Existenz implodiert ist, dass sich wie bei einem Kurzschluss, wo die Drähte aneinander geraten sind, die beiden Leben berührt haben. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen, wie das überhaupt geht.

Hatten Sie keine Sorge, dass die Besetzung als Marketing-Gag verstanden würde?

Nein. Hinterher habe ich oft gedacht: Wäre mir die Rolle angeboten worden, hätte ich es nicht gemacht. Aber ich habe mich ja selbst darum bemüht.

Und es hat auch niemand spekuliert, dass es sich um einen verspäteten Vatermord handeln könnte?

Das ist eine komische Sicht auf den Beruf, den ich ausübe. Das hieße ja, die Veranstaltung für therapeutische Zwecke auszunutzen. Das finde ich fahrlässig. Aber dass man auf den ersten Blick eine ödipale Komponente sieht - wenn ich als Unbeteiligter so einen Fall vor mir hätte, würde mir der Gedanke auch durch den Kopf schießen.

Sie zeigen Guillaume als einen Mann mit zwei Loyalitäten. Er dient der DDR, will aber Willy Brandt nicht reinreiten.

Das war in der Realität wohl auch so. Ich fand das als Schauspieler interessant. Die Menschen bauen sich ja die erstaunlichsten Lebenskonstrukte. Verblüffend, dass es in diesem Menschen so lange funktioniert hat. Seine Verzweiflung rührte ja daher, dass er sich unverstanden fühlte. Ich glaube, der hat es letztlich nicht verstanden, dass er auf einmal nicht mehr zu seinem Chef durfte.

Was verbinden Sie mit Guillaume aus Ihrer Erinnerung?

So einen Adiletten-Feinripp-Typen, der auf der anderen Seite was Weltmännisches an den Tag legen wollte. Man beutet eine Figur auch hemmungslos aus, wenn man sie gekannt hat. Man geht da ja nicht mit Samthandschuhen ran. Man klaubt sich zusammen, was man in Erinnerung hat, und benutzt, was einem sinnvoll erscheint.

Sie kommen in dem Film auch vor, als Zwölfjähriger. Lässt einen das unberührt?

Das ist ja nichtsdestotrotz was Künstliches. Das sind Artefakte.

Auch wenn Sie die Szene sehen, wie Willy Brandt in Helgoland auf der Klippe steht und überlegt runterzuspringen?

Vielleicht würde ich anders reagieren, wenn ich den Film völlig unvorbereitet gesehen hätte. Aber ich war involviert. Jetzt sehe ich meinen Kollegen Michael Mendl, der das spielt. Das ist mein Blick darauf.

Guillaume hätte Sie bei einer Autofahrt in Norwegen beinahe mal ums Leben gebracht. Erinnern Sie sich noch?

Das hat sich mir sehr eingeprägt. Er war bekannt als katastrophaler Fahrer...

... aber sehr entschlossen!

Genau, Unfähigkeit durch Entschlossenheit wettgemacht. Mir ist das sehr präsent, diese Versteinerung, während er beim Überholen auf dieses entgegenkommende Auto zugerast ist. Komischerweise kann ich mich gar nicht erinnern, dass ich sehr erschrocken gewesen wäre. Mich hat mehr interessiert, was ist denn mit dem jetzt los? Der hielt einfach drauf. Da sind drei Entgegenkommende in den Graben reingefahren, und er hielt einfach drauf.

Entsprechen die Szenen, in denen Sie selbst vorkommen, der historischen Wahrheit?

Das ist ein interessanter Punkt. Diese Szenen hat sich Regisseur Oliver Storz ausgedacht, die beruhen nicht auf Gesprächen, die wir miteinander geführt haben. Es hätte aber genau so gewesen sein können. Deshalb habe ich damit auch kein Problem.

In einer Szene hält Matthias Brandt eine Boulevardzeitung mit der Schlagzeile "Brandt im Zwielicht - Gerüchte um Sex" in der Hand, die ihm ein Mitschüler in den Ranzen gesteckt hat. Gab's das wirklich?

Ja. Nicht nur in der Zeit des Rücktritts. Das war ja eine andere Zeit, die war viel polarisierter als heute. Gegenüber dem Gymnasium, auf das ich ging, war groß an die Wand geschrieben: Brandt an die Wand. Solche Geschichten gab es viele.

Sind Sie jemals zu Ihrem Vater gegangen und haben gefragt: Hör mal, in der Schule sagen sie das und das. Was soll das?

Nee.

Ihr Vater war ein extrem verschlossener Mensch. Lag das an seiner Biografie? Vaterlos aufgewachsen, Exilant, angefeindet - und trotzdem Bundeskanzler geworden...

...gepaart mit dem Bewusstsein, alles alleine geschafft zu haben. So etwas prägt einen Menschen.

Im Film hält Brandt eine umjubelte Rede. Schnitt. Dann sieht man Willy mit Gattin Rut, und er schweigt sie an.

Das ist ja Teil des Phänomens Willy Brandt: dass er dem Anonymen eine große Nähe vermitteln konnte und dem konkreten Gegenüber gerade nicht.

Er war Verführer der Massen und zugleich Versager im Privaten?

Das ist enorm kompliziert. Vielleicht hat sich das sogar bedingt. Diese Verausgabung, dieses Sich-geradezu-Verschwenden dem Anonymen gegenüber hat möglicherweise zu der Vereinsamung geführt. Aber das ist Spekulation.

Waren Sie eifersüchtig auf die Anonymen?

Kann ich mich auf jeden Fall nicht dran erinnern. Ich hab das als Kind auch nicht als Manko empfunden. Kinder gehen ja pragmatisch mit so was um, die rennen nicht rum und sagen: Ich möchte, dass Papi lieber ist. Sondern es ist, wie es ist. Das ist eine super Eigenschaft. Und so war das bei mir auch.

Der Film-Matthias sagt mal zu seiner Mutter: "Vielleicht ist Papa manchmal ein ziemlicher Blödmann." Haben Sie das tatsächlich auch gelegentlich gedacht?

Es hat mich auf jeden Fall nicht befremdet. Ob ich es gesagt habe, weiß ich nicht, gedacht habe ich es wahrscheinlich.

Was war Willy Brandt für ein Vater?

Er war nicht ignorant, überhaupt nicht. Trotzdem war es schon ein sehr distanziertes Verhältnis. Ich habe ein anderes Verständnis davon, was man als Vater zu leisten hat. Das ist sicher auch eine Generationenfrage. Aber ich bin jetzt 42 Jahre alt und habe nicht die Absicht, mein Leben damit zu verbringen, das aufzuarbeiten.

Warum spielen Sie dann in einem solchen Film mit?

Ich bin aus dieser Familiengeschichte so weit rausgetreten, dass ich es mir leisten kann, eine solche Arbeit zu machen. Es sprach nicht genug dagegen.

Glauben Sie, dass Brandt über sich selbst gestürzt ist? Oder war er ein Opfer von Herbert Wehner und den Geheimdiensten?

Es war wohl ein Zusammenwirken all dieser Komponenten. Ich könnte nicht eindeutig sagen: Das oder der ist schuld. Es ist eine ungeschickte Formulierung, ich weiß, aber: Es müssen natürlich alle Faktoren zum günstigsten Zeitpunkt zusammenkommen, um zum Rücktritt zu führen. Aus diesen Mosaiksteinchen hat sich das zusammengesetzt. Wenn er in einer besseren Verfassung gewesen wäre, seine Konstitution eine andere gewesen wäre, wenn er nicht hätte aufhören müssen zu rauchen - vielleicht hätte er das durchgestanden.

Er ließ sich in einer unglaublichen Weise treiben.

Das war Teil seiner Persönlichkeit.

Sie haben mit Ihrem Vater auch nie über seinen Rücktritt gesprochen?

Nö. Wahrscheinlich hätte er auch geblockt. Nach dem, was ich von anderen Leuten höre, hat er sich da äußerst bedeckt gehalten. Aber ich habe das von mir aus auch gar nicht gesucht. Ich hätte auch nicht gewusst, warum. In meinem Kosmos war 1974 der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft wichtig, nicht der Rücktritt.

Wie war der Kontakt zu Ihrem Vater nach dessen Scheidung?

Ich habe von meinem Vater letztlich nicht weniger mitgekriegt als vorher auch. Wir haben uns alle ein, zwei Monate mal gesehen. Das war herzlich, aber distanziert. Er war ja ein warmherziger Mensch, aber wir haben keine Sprache gefunden miteinander.

Sie konnten sich nicht austauschen?

Das war so. Nur weiß ich nicht, mit wem er das überhaupt konnte.

Haben Sie als Erwachsener nachgelesen, was in dieser Zeit passiert ist?

Eigentlich gar nicht. Verzeihung, aber das hatte mich lange Zeit einen feuchten Kehricht interessiert. Das war für mich jetzt ein schöner Nebeneffekt dieser Filmarbeit: Ich konnte mit den Mitteln meines Berufs diese Geschichte noch einmal erforschen. Das fand ich toll. Vielleicht war das auch eine Gelegenheit, die ich gesucht habe. Es ist der einzige Anker, den ich finden kann.

Sind Sie zu dem Schluss gekommen, dass Ihr Beruf mit dem Ihres Vaters verwandt ist?

Sehr begrenzt. Ein guter Schauspieler darf nicht lügen. Er verwandelt sich in seine Rolle, aber er verstellt sich nicht. Das ist, glaube ich, beim Politiker anders.

Interessieren Sie sich für Politik?

Ich bin nicht organisiert und auch nicht so engagiert, wie man es wohl sein sollte.

Sie erfüllen also die Erwartungen in den Sohn Willy Brandts in keinster Weise?

(lacht) In dem Punkt sicher nicht. Da bin ich eine grobe Enttäuschung.

Interview: Andreas Hoidn-Borchers/ Stefan Schmitz

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