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Matthias Schweighöfer im Interview: "Klar tickt man manchmal aus"

Das kommt davon, wenn man Talent, Schönheit und jede Menge Ehrgeiz mischt. Ob "Zweiohrküken" oder "Walküre", Matthias Schweighöfer ist mit dabei. Im Interview verrät der 28-Jährige, wie man Karriere mit Familie vereint, was ihm Angst macht, und warum er stolz auf Deutschland ist.

Von Sophie Albers

Herr Schweighöfer, kaum jemand hat in Ihrem Alter schon so viel deutsche Geschichte gespielt: die Störtebeker-Legende, Schiller, der Rote Baron, Operation Walküre, Rainer Langhans, Marcel Reich-Ranicki, Mauerfall. Haben Sie dabei etwas über das Deutschsein gelernt?
Das klingt vielleicht komisch, aber ich finde Filme, die mit Geschichte zu tun haben, haben eine gute Bühne.

Gute Bühne?


14. Jahrhundert, 1782, 1943. Geschichten, die heutzutage spielen, sind auch toll, aber die haben auch viel mit dem eigenen Leben zu tun. Es ist interessant, in eine Zeit zu gehen, die man überhaupt nicht kennt. Wann spielt man in seinem Leben schon mal im 14. Jahrhundert wie in "Zwölf Meter ohne Kopf"? Oder wann hast du schon mal die Chance, eine rote Fokker zu fliegen wie in "Der Rote Baron"?

Und was hat das alles mit dem Deutschsein zu tun?


Die Deutschen haben grobe Fehler gemacht. Doch manchmal habe ich gedacht: Diese kleine Nation aus der Mitte Europas hat so viel Scheiße gebaut, schafft aber auch so viel Gutes und spricht so viel mit in der Welt. Das ist auch eine Leistung. Da kann man eigentlich stolz drauf sein. Ich glaube, die Deutschen sind sehr strebsam und ehrgeizig.

Ist es eigentlich anstrengend, Matthias Schweighöfer zu sein?
Darüber habe ich gerade mit meiner Physiotherapeutin geredet ... Ich hatte mal einen Autounfall, und seitdem renke ich mir immer den Halswirbel aus ...

Was für ein Unfall?


Vor sechs Jahren ungefähr. Ich stand an der Ampel, und mir ist einer mit 60 reingefahren. Ich bin also bei dieser tollen Physiotherapeutin, wir reden, und da habe ich gesagt: "Eigentlich habe ich keine Probleme, aber es ist schon schwieriger geworden. Wo andere sich ganz normal bewegen können, kann ich es nicht mehr. Ich komme vom Arzt, da steht ein Paparazzo auf der Straße, knipst mich und meine Tochter, und dann steht das in der 'Bild'". Aber eigentlich ist es nicht anstrengend, Matthias Schweighöfer zu sein.

Sie haben mal gesagt: "Ich würde für die künstlerische Freiheit alles tun", gilt dieser unbedingte Anspruch noch immer?


Den braucht man in dem Beruf. Das unbedingte Wollen darf nie aufhören, ich brauche den Drang, die Energie, die Kraft, um so unbedingt zu erzählen. Wenn es irgendwann aufhört, ist man an einem ganz langweiligen Punkt in seinem Leben angekommen.

Und merkt es wahrscheinlich nicht einmal.


Dann geht es nur noch um Äußerlichkeiten, ums Geld. Aber das kann irgendwann alles kippen. Deshalb ist die Energie wichtig: nach vorne, nach vorne, nach vorne.

Laufen Sie weg?
Nein, ich renne einfach sehr schnell.

Das hört sich aber auch nach Flucht an.


Naja, vielleicht manchmal vor mir selbst. Das sind aber auch angenehme Fluchten. Wenn ich eine Rolle spiele, ist das herrlich. Dann muss ich nicht die Probleme zu Hause bearbeiten, sondern bin zwölf Stunden auf'm Boot und fahre übers Wasser. Das ist großartig.

Haben Sie jemals befürchtet, dass Sie wegen Ihres Aussehens nicht ernst genug genommen werden? Dass das Äußere zu sehr in den Vordergrund tritt?


Nein. Ich suche mir meine Rollen ja dementsprechend aus. Als ich Marcel Reich-Ranicki gespielt habe, dachten alle "Der spinnt jetzt". Wenn ich darüber nachdenken würde, würde ich mich niemals trauen, so etwas zu spielen, weil ich wüsste, dass ich damit vielleicht auch so richtig auf die Fresse falle. Lieber mehr Mut zur Hässlichkeit und sein Ding machen. Das Gesicht ist ja sowieso da. Damit beschäftigen sich andere.

Wie sehr hat das Vatersein Ihren Anspruch an die Kunst verändert?
Durch das Kind hat man im Blick, was eigentlich wichtig ist. Der Beruf ist wirklich mein Leben, meine Familie ist das aber auch. Ohne den Beruf wäre ich wiederum kein guter Vater. So aber kann ich sehr viel weitergeben.

Aber Sie brauchen schon jemanden, der Ihnen den Rücken freihält.


Das macht dann die Mutter. Und wir haben auch eine gute Nanny. Es hilft, wenn man eine erzieherische Person an der Seite hat, die mit dem Kind noch mal anders umgeht als man selbst. Ich liebe meinen Beruf, aber meine Tochter ist schon Platz eins. Was ich durch sie wieder für Geschichten lese, Märchen und so. Ich lese ihr vor und denke dann: "Krasse Story, das ist eigentlich ein Film dieser Froschkönig ..." Ein Kind macht einen unheimlich auf.

Geschichten enden meist mit der Katharsis, aber im Leben geht es ja immer weiter. Wenn man, wie Sie, so sehr in Geschichten lebt, birgt der Alltag da nicht ein großes Frustpotenzial?


Nein, das ist sogar sehr hilfreich. Wenn du immer wieder andere Probleme behandelst, weil du zum Beispiel einen Sanitäter spielst, der täglich dem Tod begegnet, oder Leute, die einander betrügen, kannst du das alles im Film ausleben und weißt eigentlich schon, was im wahren Leben passieren würde. Du kannst in eigenen Beziehungen viele Dinge viel besser analysieren. Aber klar tickt man manchmal ganz ordentlich aus, oder man springt auch schon mal ins kalte Wasser. Ich mache das jetzt seit 14 Jahren. Durch Öffentlichkeit verändert sich vieles. Aber ich versuche, normal zu bleiben. Sonst würde mein Kind ja auch eine Macke kriegen.

Sind Künstler immer einsam?


Müssen sie nicht, aber ich denke, Künstler müssen ein Problem haben oder eines erfinden, mit dem sie sich auseinandersetzen können.

Was ist Ihr Problem?


Ich hab nicht wirklich ein Problem. Wenn, dann hat es mit Einsamkeit zu tun.

Spielen Sie gegen Einsamkeit an?


Nee.

Aber da ist schon etwas Wiederkehrendes bei der Wahl Ihrer Filmrollen.


Ich glaube, es sind schon sehr einsame Charaktere. Eher nicht so der glückliche Familienvater. Dadurch dass ich damit viel in meinem Leben arbeite - das hat auch mit Familiengeschichte zu tun - kann ich dem natürlich sofort Leben geben. Ich verstehe ja, worum es geht.

Sie spielen auf Ihre Kindheit an, in der Ihre Eltern viel unterwegs waren?


Ja, aber auch generell, heute. Das hat mit dem Leben zu tun, und das ist eben meine Geschichte. Aber das gilt nicht für alle Künstler.

Wie ist das eigentlich, wenn man nach all dem Rummel - Partys, Fotografen, Fans - ins Hotelzimmer kommt, und die Tür schließt sich. Kommt dann eine Art Einsamkeitsschub?


Kommt drauf an, wie man damit umgeht. Manchmal fühlt sich das schon an wie von 100 auf 0. Aber ich habe eine sensationelle Familie um mich herum, das macht sehr viel aus. Und ich habe ja auch noch die Firma. Wenn die Tür sich schließt, kann ich meinen Autoren anrufen und sagen: "Ich habe eine Story gefunden, lass uns was machen."

Kennen Sie Langeweile?


Wenn ich kann, fahr ich raus aus der Stadt. Wir haben da so ein kleines Häuschen, und dann hacke ich Holz. Das klingt vielleicht blöd, aber das hilft wirklich. Das ist etwas sehr Klares. Da bist du sofort unten. Andere spielen Golf, ich hacke Holz.