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Interview zu "Waltz With Bashir": Der etwas andere Kriegsfilm

"Waltz With Bashir" ist Zeichentrick und Dokumentation zugleich. Ari Folman hat einen Film über Krieg und Erinnerung gemacht. Das hört sich anstrengend an, ist aber ein grandioses Kinoerlebnis. Im Interview mit stern.de spricht der israelische Regisseur über die Banalität der Schlacht und die Macht der Verdrängung.

Von Sophie Albers

Die Anfangsszene klappt zu wie der Kiefer eines Kampfhundes, und genauso lässt der Film seinen Zuschauer auch nicht wieder los. Animationsbilder, grob und weich, surreal und alltäglich zugleich, erzählen von dem Versuch eines Mannes, seine Erinnerung an seinen Einsatz als 19-Jähriger im Libanonkrieg zurückzuerlangen. Dazu muss er tief graben. Der Mann heißt Ari Folman und ist ein Filmemacher aus Israel. Es ist seine eigene Erinnerung an den September 1982, die er da sucht, und von der er weiß, dass sie schrecklich sein muss, denn er hat sie komplett verdrängt.

"Waltz With Bashir" ist ein Experiment, und es ist gelungen. Die Puzzleteile der Erinnerung fallen in unglaublichen Bildern und zum Beat eines grandiosen Soundtracks zusammen. Gemeinsam mit dem jungen Mann mit dem gelangweilten Gesicht erfährt man, was dieser mit den Massakern in den pälästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatila im Libanon zu tun hatte.

In einer Szene fragt sich die Hauptfigur, ob sie wirklich so tief graben sollte, versuchen sollte, die Erinnerung zurückzuerlangen, weil es vielleicht schlecht für sie ausgehen könnte. Nachdem Sie den Film nun gemacht haben: War es gut für Sie, so tief zu graben, Herr Folman?

Ja, es ist gut, dass ich diesen Prozess durchlaufen habe. Bevor ich anfing, an dem Film zu arbeiten, war der Blick zurück schwierig für mich. Wenn ich zum Beispiel Fotos von mir selbst als 19-Jährigem gesehen habe, dann habe ich den Kerl zwar erkannt, konnte mich aber nicht mit ihm identifizieren. So als wäre es jemand aus einem früheren Leben. Wenn ich die Bilder jetzt ansehe, dann bin ich das. Das war ich, und daran habe ich teilgenommen.

Es muss doch viele geben, denen es so ergangen ist wie Ihnen, die Ihre Vergangenheit verdrängen.

Rechnen Sie mal nach: Wir haben alle zehn Jahre einen Krieg. Es gibt Tausende Menschen verschiedensten Alters, die mit unterdrückten Erinnerungen durchs Leben gehen.

Was macht das mit einem, abgesehen von den Flashbacks?

Nachdem wir die Recherchen abgeschlossen hatten, was ungefähr ein Jahr gedauert hat, war mir klar, dass ich im Vergleich zu den meisten anderen Glück gehabt habe. Ich habe wirklich nur "kleinere Dinge" erlebt im Vergleich zu dem, was ich von anderen Menschen gehört habe. Ich weiß nicht, wie manche von denen weiterleben können, mit dem, was sie gesehen und erlebt haben. Ich bin nur ein Kerl mit einer alltäglichen Kriegsgeschichte.

Gibt es alltägliche Kriegsgeschichten?

Ja. In Europa ist die Reaktion auf den Film ganz anders als in Israel. Bei Ihnen regen sich die Leute über das Massaker und die politische Bedeutung auf. In Israel, wo die Menschen Krieg erlebt haben, ist der häufigste Kommentar, dass es zu ihren stärksten Kriegserinnerungen gehöre, auf einem bewaffneten Fahrzeug zu sitzen, zu schießen und nicht zu wissen, wo man ist und worauf man eigentlich schießt. Es sind eben nicht diese ganz schrecklichen Szenen, sondern die banalen. Du bist ahnungslos, du fährst ins Ungewisse, wenn du Glück hast, triffst du beim Rumgeballere niemanden. Daran erinnern sich die Leute. Eine Minderheit war im Kampf, hat den Tod erlebt, aber für den Großteil ist es diese alberne Szene. Es passiert nicht wirklich was.

Die totale Sinnlosigkeit.

Krieg ist sinnlos. Glauben Sie, es ist wie in einem amerikanischen Film? Glauben Sie, Krieg ist wie "Platoon"? Das ist es nicht.

Ich habe keine Ahnung, wie Krieg ist.

Es ist affig, albern, nutzlos. Stellen Sie sich vor, Sie sind 19, ein einfacher Panzerfahrer und fahren von da nach dort. Das war's. Darum geht es im Krieg.

Aber wie sieht es im Kopf von jemandem aus, der im Einsatz ist?

Es kommt darauf an, wer man ist, welche Bildung man hat, welche Ideologie man vertritt, wo man ursprünglich herkommt, wer die Eltern sind und wo die herkommen. Was hat dich in den vergangenen 18 Jahren geprägt, bevor du in den Krieg gezogen bist? Das wird dann sehr klar.

Und wie sah es in Ihrem Kopf aus?

Ich hatte eine schöne Kindheit, vertrat keine Ideologie, ob ich nun Israeli bin oder nicht. Es war Zufall, dass ich in einer kämpfenden Infanterie-Einheit gelandet bin. Ich bin aus den falschen Gründen dageblieben. Ich wollte zu den Jungs gehören. Aber schon am ersten Tag des Krieges wusste ich nach sechs Stunden, was ich heute weiß.

Und wie macht man dann weiter?

Vor 25 Jahren hatte man nicht die Möglichkeit, in der Schlacht zu sagen, dass man jetzt nach Hause geht. Die hätten mich nicht erschossen, aber mein Leben wäre trotzdem vorbei gewesen. Ich hätte nicht länger in Israel leben können. Es wäre das Schlimmste gewesen, was man hätte tun können. Heute ist das anders. Im zweiten Libanon-Krieg haben Offiziere den Dienst verweigert, und die Armee hat es totgeschwiegen. Damals war die Option: Ich bin hier, mein einziges Ziel ist, niemanden zu erschießen und selbst nicht verletzt zu werden. Es zu Ende bringen, nach Hause gehen und vergessen. Als wäre es nie passiert.

Und so war es dann ja auch.

Ja. Als wäre nichts passiert.

Hat Ihnen der Film in der Heimat Schwierigkeiten gebracht?

Nein. Israel ist ein viel offeneres Land als die Europäer meinen. Der Film wurde von einer Stiftung der Regierung kräftig unterstützt. Es gibt in Israel viele Künstler, die extrem ihre Meinung ausdrücken. Die andere Seite kann wiederum genauso extrem sagen, wie sehr sie diese Meinung verachtet. Als in Israel die ersten Artikel über den Film erschienen sind, war es sehr lustig, die Kommentare zu lesen: "Lasst diese Verräter nicht mehr ins Land." Und der nächste schrieb: "Ihr seid mutig. Danke für diesen großartigen Film." So ist Israel. Alle sind ziemlich laut und sagen ihre Meinung. Ich finde das in Ordnung. Der Film ist nicht politisch, er bringt nichts Neues. Im Jahr 2008 zu sagen, dass die Invasion in West-Beirut die größte Dummheit auf Erden war, ist nichts Neues. Das weiß jeder. Die News ist nur, wie der Film gemacht ist.

Und warum haben Sie sich für die Animation entschieden?

Wenn Sie all die Fragmente des Films nehmen - verlorene Erinnerung, das Unterbewusste, Halluzinationen, Tagträume, Krieg, Tod, Drogen - da kann man die Geschichte nicht anders erzählen als gezeichnet. Ich brauchte totale Freiheit, die hätte die technische Struktur eines Dokumentarfilms mir nicht gegeben. Deshalb musste ich etwas Extremes machen, etwas anderes. Das war für mich das Zeichnen.

Warum haben Sie dann am Ende des Films Dokumentaraufnahmen benutzt?

Ich hatte Angst, dass die Leute aus dem Kino gehen und sagen "Oh, was für ein cooler Animationsfilm mit netten Bildern und toller Musik". Und darüber vergessen sie die Tatsache, dass Tausende Menschen ermordet, abgeschlachtet wurden in diesem Massaker. Ich dachte, 50 Sekunden Originalaufnahmen würden den ganzen Film ins richtige Verhältnis setzen. Ich denke, das ist gelungen.