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Stern Logo Academy Awards - Die Oscar-Verleihung

Kate Winslet: "Fuck" - ist die gut!

Sie kann fluchen wie ein Bierkutscher und gleichzeitig die feine englische Lady geben. Sie kann grob sein und zart, leise und laut, komisch und tragisch. Jetzt will Kate Winslet endlich einen Oscar. Gute Güte: Ist das zu viel verlangt?

Von Oliver Fuchs

"Fuck", das muss ihr Lieblingswort sein. Man hört es schon durch die Tür, während man auf dem Hotelflur wartet. Immer wieder, in kurzen Intervallen, laut und klar: "Fuck", "fuck", "fuck". Klingt wie ein Tischtennisball, der, toktoktok, eine steile Treppe runterscheppert. Au weia, hier ist jemand übel gelaunt! Doch als die Tür auffliegt, steht Kate Winslet da und lächelt liebreizend. Sie sieht aus wie eine südenglische Gräfin, flucht aber weiter wie ein nordbulgarischer Bierkutscher.

Taktisch klug

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie laut sie bei der kommenden Oscar-Nacht "fuck" rufen wird, sollte sie wieder nichts gewinnen. Fünfmal war sie nominiert, fünfmal ging sie ohne Preis nach Hause. So ehrenvoll eine Nominierung auch ist, so demütigend ist es, immer nur die ewige Kandidatin zu sein. Winslet hat definitiv keine Lust, sich wieder aufzubrezeln und wieder tonnenschweren Schmuck aufzutragen, wieder ein paar Stichworte für die Dankesrede auswendig zu lernen, nur um dann bei "The Winner is ..." blöd zu gucken. Heikles Thema. Bringen wir die Sache hinter uns: Also, Frau Winslet, klappt's diesmal? Ihr Gesicht verzerrt sich binnen Hundertstelsekunden zu einer Maske finsterer, auftragskillerhafter Entschlossenheit: "You bet your fucking ass!" Auf Deutsch ungefähr: Worauf Sie Ihren Arsch verwetten können. Dann bricht sie in ein kehlig polterndes Gelächter aus. Bierkutscher-Gelächter.

Pünktlich zum Beginn der Oscar-Saison 2009 geht Winslet mit gleich zwei neuen Filmen an den Start, "Zeiten des Aufruhrs" und "Der Vorleser". Beide liefen in den USA oscargünstig um Weihnachten herum an, beide sind Literaturverfilmungen, beide Mal schwere Stoffe mit Schicksal, Schuld, Verhängnis, Tragik, das volle Programm. Und nichts lieben die Oscar-Kunstrichter bekanntlich mehr als düster-existenzialistisches Kunstkino, am besten noch mit einem Schuss Nazi-Grusel. Insofern dürfte "Der Vorleser" nach Bernhard Schlinks Weltbestseller allerheißestes Oscar-Material sein. Anfangs war Nicole Kidman vorgesehen für die Rolle der ehemaligen KZ-Wärterin Hanna Schmitz, die sich in eine geschichtsumschattete Liebesaffäre mit einem Schüler verstrickt. Was für ein Glück, dass Kidman kurzfristig absagte; der Porzellan-Prinzessin hätte man die NS-Schergin kaum abgenommen. Winslet jedoch verfügt über die nötige Grobheit für die Rolle (breite Schultern, robuster Knochenbau, große Füße). Und über die nötige Zartheit (Himbeermund, Seidenhaar, aristokratische Wangenknochen).

"Ich liebe Würstchen und Speck"

Überhaupt ist Kate Winslet von allen Großschauspielerinnen der Gegenwart die körperlichste, ja fleischlichste. Nicole Kidman sieht mit jedem Jahr, das sie älter wird, entrückter und elfenhafter aus, und Angelina Jolie wirkte immer schon irgendwie computeranimiert. Zu perfekt, um real zu sein. Wie wohltuend wirklich nimmt sich dagegen Kate Winslet aus mit ihrer Jojo-Figur, die sie auch im Moppel-Zustand so stolz herzeigt wie Joschka Fischer. "Ich liiiiebe die englische Küche! Yorkshire Pudding und fetttriefende Würstchen und Speck!", kräht die sehr britische Britin, 1975 in Reading geboren, und schaufelt sich gierig Milchschaum in den Mund; den dazugehörigen Kaffee lässt sie stehen. Dass sich manche Magazine in regelmäßigen Abständen den Kopf über ihr Gewicht zerbrechen, kratzt sie kaum. Zum Thema Schönheitschirurgie fällt ihr nur "fuck you" ein, und ins Fitnessstudio geht sie vornehmlich, um sich hinterher mit einem Glas Chardonnay zu belohnen. Nacktszenen absolviert sie ohne das branchenübliche Gezicke, und nein, sie müssen nicht zwingend, wie es immer verklemmt-formelhaft heißt, "durch die Handlung motiviert" sein. Winslet zieht sich halt gern aus. Punkt, fertig.

Über ihre ausgedehnten Nacktszenen in "Der Vorleser" entbrannte in den USA sofort nach der Premiere ein heftiger Streit. Sexy Nazi-Frau im Bett mit Minderjährigem - das ist dann vielleicht doch zu anstößig, um oscartauglich zu sein. Doch es gibt ja immer noch "Zeiten des Aufruhrs", und darin ist Winslet so gut wie noch nie. Der Film erzählt, eng angelehnt an Richard Yates' großartigen Roman "Revolutionary Road", vom Zerfall einer Ehe. Frank und April, zwei ehemalige Fast-Bohemiens, leben im amerikanischen Vorstadtmief der 50er Jahre und träumen von Paris. Sie leiden unter ihrer schleichenden Verspießerung, unter Mittelklasse, Mittelalter, Mittelmaß. Doch als sie bemerken, dass ihnen genau das Leben zugestoßen ist, das sie am meisten verachten, ist es zu spät. Da führen sie längst Krieg, gegen sich und gegeneinander. "Zeiten des Aufruhrs" ist die Tragödie zweier Menschen, die sich weigern einzusehen, dass sie ihren eigenen Träumen nicht gewachsen sind.

Regisseur Sam Mendes, der Ehemann von Winslet, ist klug genug zu wissen, dass er keine maßstabsgetreue Rekonstruktion einer 50er-Jahre-Vorstadt oder anderen Schnickschnack braucht. Er braucht nur Leonardo DiCaprio und Kate Winslet in einen engen Raum zu sperren, der Rest passiert von allein. Es ist ihr erster gemeinsamer Film seit "Titanic", und wieder ist es ein Liebesfilm, der gleichzeitig ein Katastrophenfilm ist. Nur dass es diesmal keinen Eisberg gibt.

Große Bandbreite

"Titanic", immer noch der erfolgreichste Film aller Zeiten, katapultierte DiCaprio und Winslet in ungeahnte Popularitätsumlaufbahnen. Plötzlich waren sie das berühmteste Kinoliebespaar seit Humphrey Bogart und Ingrid Bergman in "Casablanca". DiCaprio brauchte Jahre, um sich von "Titanic" zu erholen. Erfolg kann ziemlich niederschmetternd sein. Bis heute scheint er gegen sein Bubi-Image von damals anzukämpfen, mit immer extremeren, kräftezehrenderen Rollen. Kate Winslet ging einfach lässig ihren Weg im Bewusstsein, alles spielen zu können. Vom mörderischen Teenager ("Heavenly Creatures") bis zum liebeskranken Fräulein ("Sinn und Sinnlichkeit"), von Hamlets todessüchtiger Ophelia bis zur wollüstigen Kammerzofe des Marquis de Sade.

Kate Winslet ist stolz auf ihre Abstammung aus einem alten englischen Schauspielerclan - was vornehmer klingt, als es ist. Laut Winslet waren ihre Vorfahren eher stadtbekannte Rampensäue, Pub-Gelegenheitssänger und Zirkusclowns als staatlich geprüfte Schauspieler. Arbeiterklasse, kein Geld, dafür Kunstsinn. Auch Winslet ist Autodidaktin, den hochdistinguierten Royal-Shakespeare-Company-Akzent hat sie sich selbst beigebracht. Ihre Britishness pflegt sie auch außerhalb der Landesgrenzen. In amerikanischen Restaurants weigert sie sich, "Ketchup" zu bestellen (korrekt ist: tomato sauce), und nie käme ihr das vulgäre Wort "cookies" für Kekse über die Lippen (korrekt ist: biscuits). Es sind die kleinen Schrullen einer bisweilen etwas wunderlichen, aber sehr sympathischen Lady. Ansonsten keine besonderen Vorkommnisse. Mit Ehemann Sam und den Kindern Joe, 5, und Mia, 8, lebt Winslet halb in London, halb in New York. Nach allem, was man hört: glücklich und zufrieden. Frank und April aus der Vorstadt wären verdammt neidisch.

Und immer wenn es Winslet zu langweilig wird, im Leben wie auch im Interview, grätscht sie mit einem herzhaften "fuck" dazwischen. Niemand kann mit so vollendeter Intonation und Phrasierung in piekfeinstem Englisch "fuck" sagen wie Kate Winslet. Allein dafür gebührt ihr, verflucht noch mal, endlich der Oscar.

"Zeiten des Aufruhrs" startet am 15. Januar in den deutschen Kinos, "Der Vorleser" am 26. Februar

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