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Porträt Anna Fischer: "Jetz' ma Titten uff'n Tisch"

Auf ihre Mireille-Mathieu-Frisur sollte man sie besser nicht ansprechen, da wird sie leicht ungehalten. Ansonsten redet Anna Fischer eigentlich über alles. Mit stern.de sprach sie über die wesentlichen Themen ihres neuen Films "Fleisch ist mein Gemüse": Saufen, Furzen, Wichsen.

Von Johannes Gernert

Erst als sie schon zugesagt hatte, fiel ihr auf: Die Rolle gibt es eigentlich gar nicht. Anna Fischer kannte "Fleisch ist mein Gemüse" nur vom Hörensagen, las den witzigen Roman über den hochdepressiven Tanzmusiker, der lethargisch von Schützenfest zu Schützenfest tingelt, zum ersten Mal und war wirklich ein bisschen schockiert. Keine Jette. Nirgends. In Heinz Strunks Buch kam zwar eine junge Frau vor, aber die hieß Anja. Sie sang für Heinzer seine heimischen Hit-Kompositionen ein und ließ sich von ihm mit Gehacktem bekochen. Von einer Jette, die den aknegeplagten Mittzwanziger aus seiner jahrelangen Mucker-Depression befreit, war keine Rede.

Ein kleiner, unkontrollierbarer Flummy

Wäre sie aber vorgekommen, sie hätte definitiv so auftreten müssen wie Anna Fischer in der Verfilmung. Fischer ist ein Flummy. Sie hüpft als Jette durch die Szenen wie ein kleiner, unkontrollierbarer Gummiball. Ist kurz da und schon wieder weg. Hält dem Schluffi-Heinzer im 80er-Jahre-braunen Wohnzimmerstudio einen pseudo-politischen Antifa-Schwurbelvortrag, bevor sie mit wehendem Pali-Tuch davonstürmt. Und sie redet. Immer redet sie. Bis sie im entscheidenden Moment ziemlich still wird, vor dem Heinzer steht und vor allem sagt: "Schlaf nicht mit mir, solange du mich scheiße findest." Es klingt wunderbar ambivalent bei ihr: aggressiv und unsicher, eine Droh-Bitte.

Anna Fischer sitzt in einem Berliner Café. Besser gesagt: Rutscht unruhig auf der Bank herum. Es ist dämmrig und riecht nach verbranntem Kaminholz. Ihr Gesicht ist ganz hell geschminkt, nur die Lippen leuchten rot. Die Jette ist ihre erste größere Rolle in einem Kinofilm gewesen. Was auch ein bisschen daran lag, dass "liebeskind" es nicht in die Kinos, sondern nur ins Fernsehen geschafft hat. Sie bekam trotzdem den Max-Ophüls-Preis als Nachwuchsdarstellerin für ihre Rolle in dem Inzest-Drama. Und als sie ein Jahr später mit der "Goldenen Kamera" ausgezeichnet wurde, waren alle angetan von ihrer Dankesrede. So gar nicht aufgesetzt. So einfach ganz locker. Kürzlich ist sie in dem TV-Zweiteiler der "Teufelsbraten" zu sehen gewesen, da waren auch wieder alle Kritiker begeistert.

Schon mit elf spielt sie in der Girlgroup "Zungenkuss"

Es ist ziemlich viel passiert in ihrem Filmleben, seit der Regisseur Hans-Christian Schmid sie in einem Club entdeckt hat und ihr eine kleine Rolle in "Lichter" gab. Danach kamen Kurzfilme, Fernsehauftritte. "Berlin, Berlin", "Soko Leipzig". Die Musik hat sie in der ganzen Zeit nicht aufgegeben. Schon mit elf sang sie in einer Girlgroup, die "Zungenkuss" hieß. 2007 veröffentlichte sie mit ihrer derzeitigen Band Panda das Album "Tretmine". Lucy von Org hatte mitproduziert und auch der Ärzte-Bassist Rodrigo Gonzalez, von dem Fischer sehr schwärmt: "Die Ärzte wären absolut angeschissen hätten sie Rod nicht." Ein Titel auf dem Panda-Album lautet: "Jeht kacken."

Fischer eine Berliner Göre zu nennen, wäre naheliegend, aber ziemlich unzutreffend. Sie redet meist ungeschützt. Auch über tragende Themen aus "Fleisch ist mein Gemüse" wie Blähungen ("Du kannst zehn Minuten so da sitzen. Es kommt irgendwann doch."), Masturbation ("Ich glaube auch, dass weniger Frauen sich einen wichsen als Männer.") und Saufen (So richtig hacke mit Kotzen und so war das erste Mal vor drei oder vier Jahren. Ich konnte vorher trinken wie 'ne Sau."). Sie verwendet zwar sehr derbe Worte, nur klingen sie bei ihr viel charmanter. Selbst wenn sie im Ich-so-er-so-Stil erzählt, hört sich das kein bisschen doof an.

Ich so, er so

Von den Dreharbeiten erzählt sie etwa: "Heinzer, der hat vielleicht zwei Sätze zu mir gesagt in dem ganzen scheiß Ding. Teilweise, ey, er stand da und ich so: Ey, Heinzer, du bist total krass. Er mit seiner Sonnenbrille und es war total dunkel. Dann meinten Leute: Der Heinzer will mit dir sprechen. Und ich so: Wat, der will mit mir sprechen? Der redet die ganze Zeit kein Wort mit mir. Und die: Doch, doch, jetzt will er mit dir sprechen. Ich so zu Heinz hin: Heinzer, alles klar. Und er so: Ich wollte dir eigentlich nur eins sagen. Ick hab so viele Jahre mit der Anja zusammengearbeitet. Aber die hat es in den zehn Jahren nie hinbekommen, dieses Lied so gut zu singen wie du. Und ich so: Ja, cool. Und dann war's das auch schon wieder."

In musikalischer Hinsicht sind noch nicht alle so begeistert von ihr wie Heinz Strunk. Das Panda-Album hat sich bislang nicht besonders gut verkauft. Ab und an muss sie vor drei Leuten spielen, sagt sie, "die dann dabei ihre scheiß Schweinshaxe essen." Vor ganz ähnlichem Publikum schlug sich auch Strunks Kombo in "Fleisch ist mein Gemüse" durch. Aber Anna Fischer ist keine, die so einfach aufgibt. Außerdem ist da immer noch die Schauspielerei.

Lernbegierig nicht nur beim Küssen

Manchmal benimmt sie sich am Set wie eine aufmerksame Schülerin, lässt sich von Kollegen in den Pausen kleine Tipps und Tricks erklären. Blicktechniken. Sie will lernen. In manchen Situationen fühlt sich das immer noch an wie am Anfang, als sie in ihrem allerersten Kurzfilm auftrat und einen Typen küssen sollte. Sie hatte mit ihrer Hand geübt. Plötzlich hieß es: So richtig mit Zunge. Sie war 16. Das hatte sie vorher noch nie gemacht: "Und ich so: Oh, krass, scheiße. Dann musste ich den küssen und fand das so toll, dass ich gar nicht mehr aufhören wollte. Ich war so total geflasht und auf einmal total verknallt in den und dachte: Ich muss den weiter küssen." Um aufzuschreiben, wie Anna Fischer redet, bräuchte man unendlich viele Farben und Zeichen, stellte ein Kollege kürzlich fest. Dem wäre hinzuzufügen: Und mehrere Stenotypisten, um eine einminütigen Monolog korrekt festzuhalten.

"Komm klar, du alte Hollywood-Pussy!"

Gerade hat sie in irgendeinem thüringischen Dorf ohne Handyempfang den Film "Unter Strom" gedreht, "mit zwölf Schauspielern, die alle eine Vollscheibe hatten". Das meint sie in diesem Fall positiv. Sie sagt aber auch sehr deutlich, wenn ihr etwas nicht passt. Status stört sie dabei nicht unbedingt. Fürs ZDF etwa war sie vor einigen Wochen auf der Berlinale unterwegs und hat Schauspieler interviewt. Sie benahm sich dabei ein bisschen wie der Berliner Komiker Kurt Krömer ("Jetz' ma: Titten uff'n Tisch.") und irgendwann saß sie für einige Minuten auch dem bekannten, deutschen Hollywood-Schauspieler Thomas Kretschmann gegenüber, der - aus welchen Gründen nun auch immer - extrem verschnupft wirkte, ständig die Nase hochzog und derart blasierte Antworten gab, dass sie die ganze Zeit nur dachte: "Komm klar, du alte Hollywood-Pussy!" Da wusste sie: "So will ick niemals sein." Es ist davon auszugehen, dass ihr das gelingt.