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Roman Polanski: "Mir ist diese Sorte Interview zuwider!"

Die Nazis machten Jagd auf ihn, US-Staatsanwälte wollten ihn ins Gefängnis stecken - aber Roman Polanski will nicht mehr an seine Vergangenheit denken. Jetzt kommt sein Film "Oliver Twist" in die Kinos.

Herr Polanski, 1977 warf man Ihnen vor, im Haus Ihres Freundes Jack Nicholson ein damals 13-jähriges Mädchen sexuell missbraucht zu haben. Weil Ihnen dafür bis zu 50 Jahre Gefängnis drohten, flüchteten Sie aus den USA, wo Sie bis heute als Justizflüchtling gelten. Wie wäre Ihre Karriere verlaufen, wenn Sie in Hollywood Filme drehen dürften?

Für Regisseure gilt in Hollywood seit Jahren eine simple Regel: Je infantiler dein Projekt, desto leichter bekommst du Geld dafür. In dieser Stadt haben die dümmsten Filmemacher die geringsten Probleme. Ich schließe aber nicht aus, dass auch aus mir ein hirnloser Kommerz-Regisseur geworden wäre. Die Versuchung ist schon überwältigend, einen Blockbuster zu landen. Ich weiß noch, wie sehr es mich erregt hat, die langen Schlangen vor den Kinos zu sehen, als 1968 "Rosemary's Baby" anlief.

Sie haben in 50 Jahren keine 20 Filme zustande gekriegt. Liegt das auch daran, dass "Roman the Terrible" Hollywood-Verbot hat?

Natürlich ist vieles einfacher, wenn man in dieser Stadt lebt. Trotzdem habe ich nicht die Absicht zurückzukehren. Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue, möchte ich nicht ein Dutzend TV-Übertragungswagen sehen. Eins ist für mich inzwischen viel wichtiger: Ich möchte Filme machen, die sich für lange Zeit in Hirn und Bauch des Zuschauers einnisten. Gestern Abend habe ich mit Freunden einen äußerst gelungenen amerikanischen Suspense-Film gesehen. Nach dem Kino gingen wir in ein Restaurant. Heute Morgen fiel mir auf, dass beim Essen niemand von uns ein Wort über den Film verloren hat. Warum sollte ich zwei Jahre Lebenszeit investieren in etwas, das die Leute nach ein paar Minuten wieder vergessen haben?

1989 heirateten Sie mit 56 die damals 23-jährige Französin Emmanuelle Seigner. Kennen Ihre beiden Kinder Polanski-Klassiker wie "Chinatown" oder "Tanz der Vampire"?

Vor zwei Jahren habe ich ihnen mein Holocaust-Drama "Der Pianist" gezeigt. Mein Sohn Elvis war damals fünf. Nach der Vorführung sagte er: "Du, Papa, ,Spiderman" gefällt mir aber besser!"

Sie sind 72. Haben Sie erwogen, Ihre Karriere mit dem "Pianisten" zu beenden?

Weil man im Zenit seiner Reputation aufhören sollte? So strategisch kann ich nicht denken. Ich habe ein ganz anderes Problem. Vor vielen Jahren rief mich Stanley Kubrick an. Er war äußerst deprimiert und klagte: "Finden Sie es nicht auch grauenhaft, sich nach einem Film nicht entscheiden zu können, welches Projekt als nächstes kommen soll? Mich wird diese Frage noch zugrunde richten!" Ich antwortete: "Oh ja, natürlich, Sie haben vollkommen Recht, diese Unsicherheit ist wirklich entsetzlich."

In Wahrheit hatte ich nicht die geringste Ahnung, wovon dieser Mann sprach. Mir fielen diese Entscheidungen damals kinderleicht. Heute dagegen fühle ich mich jedes Mal geistig gelähmt - als wäre ich Hamlet. Wenn einem das eigene Ende nicht mehr Lichtjahre entfernt vorkommt, möchte man bei seinen Zeitplänen nicht den kleinsten Fehler machen. Noch quälender ist die Entscheidung, wenn man zuletzt einen Holocaust-Film gedreht hat, für den man dann auch noch den Regie-Oscar bekommt.

Warum debütieren Sie in Ihrem betagten Alter mit "Oliver Twist" ausgerechnet im Genre Familienfilm?

Auch nach monatelanger Grübelei wusste ich nur, dass ich einen Film machen will, bei dem Eltern ihre Kinder mit ins Kino nehmen können. Ich wollte meinen Kindern demonstrieren, dass wahres Kino mehr ist als Videospiele plus obszön teure Spezialeffekte. Irgendwann sagte meine Frau: "Du schwärmst doch immer von Charles Dickens und seinem Roman "Oliver Twist". Also los, mach einen Film daraus!"

Oliver Twist wächst als bitterarmes Waisenkind auf. Sie flüchteten mit neun aus dem Ghetto von Krakau und versteckten sich zwei Jahre lang, ohne Kontakt zu Ihren Eltern zu haben. Haben Sie durch den "Pianisten" Ihre Liebe für autobiografische Filme entdeckt?

Oliver ist nicht mein Alter Ego, aber viele Momente des Romans verstehe ich sehr gut, weil ich Vergleichbares erlebt habe - und das macht das Regieführen leicht. Ich weiß, wie sich blutende Füße anfühlen, wenn du keine Socken besitzt. Und ich weiß, wie es ist, wenn du nur noch aus Hunger bestehst, weil du gestern die letzte vertrocknete Brotrinde verschlungen hast, die eigentlich für das Kaninchen bestimmt war.

Der wahre Schmerz aber war die Abwesenheit meiner Eltern und die ständige Sehnsucht, sie wieder-zusehen. Ich wusste ja nicht, dass meine Mutter wenige Tage nach ihrer Verhaftung in Auschwitz ermordet worden war. Auch dass sie im vierten Monat schwanger war, habe ich erst nach Ende des Krieges von meiner Schwester erfahren - sie hatte Auschwitz überlebt. Hätten Sie mich damals gefragt, ob ich ein unglückliches Kind sei, hätte ich mit Ihrer Frage nichts anfangen können. Mir fehlte ja der Vergleich. Nur eins hätte ich Ihnen hundertprozentig gesagt: "Mehr als alles andere vermisse ich meine Eltern!"

Wie haben Sie überlebt?

Man versteckte mich in einer Kate. Mein Schlafplatz war der Kuhstall. Die Behausung gehörte einem erbärmlich armen, katholischen Bauern, der nicht wusste, dass ich Jude bin. Bevor mein Vater verhaftet wurde, hatte er Bekannten unsere Ersparnisse und den Familienschmuck gegeben. Damit sollten sie den Bauern jeden Monat bezahlen. Aber sie waren gute Polen und vertranken alles. Ich wurde nur deshalb nicht rausgeworfen, weil die Frau des Bauern ihren zu klein geratenen Schützling irgendwie mochte. Mein Glück war, dass ich nicht jüdisch aussah. Sonst hätten mich die beiden sofort bei den Deutschen denunziert.

Sie lebten unter einem Dach mit Antisemiten?

Natürlich. Alle Polen waren Antisemiten. Nach tausend Jahren Vatikan-Propaganda war das Teil ihrer Kultur. Jeder Bauer, dem Sie erzählt hätten, Jesus war Jude, hätte Sie sofort mit der Axt erschlagen. Unvorstellbar, was er mit Ihnen gemacht hätte, wenn Sie dazu noch gesagt hätten, die Jungfrau Maria sei jüdisch.

Stimmt es, dass Sie unter den deutschen Besatzern unter Lebensgefahr ins Kino geschlichen sind?

An meinem Kino-Zwang ist meine filmverrückte Schwester schuld. Als ich ein Knirps war, hat sie mich immer mit in die leeren Nachmittagsvorstellungen genommen, um Hollywoodfilme anzuschauen. Meine erste Erinnerung ist ein Musical, in dem Jeanette MacDonald zu "Sweethearts" eine Treppe hinabstolziert. Und ich erinnere mich, dass ich ganz dringend pinkeln musste und meine Schwester schimpfte: "Ich habe keine Lust, deshalb diese Szene zu verpassen. Pinkel gefälligst unter den Vordersitz!" Später schwärmte ich für eine märchenhafte Blondine, die ich als Mann einmal heiraten wollte. Ihr Name war Marika Rökk.

Dank der Filme lebte ich oft in einer erträumten Welt, die mich aus Traurigkeit und Verzweiflung rettete. Im Ghetto gab es dann keine Kinos mehr, aber außerhalb der Mauern projizierten die Deutschen Wochenschauen und Propagandaspielfilme an die Hauswände, um die nichtjüdischen Bewohner aufzuhetzen. Ich guckte durch den Stacheldraht zu. Ich könnte Ihnen heute noch aufmalen, wie ein deutscher "Tiger"-Panzer aussieht. Zwischen den Filmen wurden Schlagzeilen eingeblendet wie "Juden = Läuse = Typhus!".

Wie haben Sie Ihre Befreiung erlebt?

Als den Moment meines Todes. Plötzlich trommelten Fäuste gegen die Tür, und jemand brüllte: "Sofort rauskommen! Es ist aus!" Ich dachte, deutsche Soldaten stünden vor der Tür, um mich zu erschießen. Es waren aber Nachbarn, die mir sagen wollten, die Besatzer seien endlich abgezogen.

Wie sieht das letzte Bild aus, das Sie von Ihrer Mutter im Kopf haben?

Seltsamerweise ist es ein Foto, das sie aufgenommen hat. Es zeigt den Garten meiner kleinen Schule im Ghetto. Später wurden dort alle Kinder des Ghettos erschossen. Aber ich will jetzt über diese Themen nicht länger reden müssen!

Die "Los Angeles Times" vermutet, Sie hätten "Oliver Twist" gedreht, um Ihren Kindern zu erklären, wer Sie sind.

Tatsächlich? Was zur Hölle weiß denn schon diese überhebliche "Los Angeles Times"? Sie beide haben verflucht viele Kollegen, die ein Leben lang versuchen zu schreiben, ohne es je auch nur eine Sekunde lang zu können.

Versuchen Sie, Ihren Kindern zu beschreiben, was Sie im Ghetto erlebt haben?

Nein. Man möchte das mental nicht noch mal durchleben. Deshalb ist man nicht freudig geneigt, davon zu erzählen. Selbst meinem Vater habe ich nie erzählt, was ich wirklich während seiner Abwesenheit erlebt habe. Wenn meine zwölfjährige Tochter mir eine Frage stellt, bekommt sie eine Antwort. Aber ich bringe dieses Thema nie auf. Ich möchte meine Kinder nicht langweilen.

Sind Kinder nicht neugierig zu erfahren, wie ihre Eltern als Kinder waren?

Da habe ich so meine Zweifel.

Ihr Vater war im Konzentrationslager Mauthausen. Haben Sie ihn gefragt, was er dort erlebt hat?

Von sich aus hat er nur sehr selten von Mauthausen gesprochen. Also fing ich an, ihm Fragen zu stellen. Ich bekam auch Antworten, aber die waren eher allgemein. Später habe ich erlebt, wie er sich mit anderen Häftlingen aus Mauthausen traf. Da gab es jedes Mal den Punkt, wo sie sich mit ihren Erinnerungen überboten: "Weißt du noch, der Aufseher, der dich immer mit einem gezackten Metallrohr verprügelt hat?" Je drastischer die Details wurden, desto mehr entspannten sie sich und lachten. Ich bin dann oft dazwischengefahren: "Könnt ihr nicht endlich damit aufhören und mal über was anderes reden?" Erst vor ein paar Jahren habe ich begriffen, dass das ihre Form der Vergangenheitsbewältigung war. Die menschliche Neugier folgt einer Kreisbewegung: Je älter du wirst, desto mehr interessiert dich deine Kindheit. So ist es jedenfalls bei mir.

Sie haben bei Ihrem Vater nie körperliche Zeichen von Zuneigung erlebt.

Eine Ausnahme waren die Tage, als er aus Mauthausen zurückkam. Da hat er mich auf seinen Knien sitzen lassen. Ich denke aber nicht, dass er mich nicht geliebt hat. Als er ins KZ kam, war er 36 und ich neun. Als er wieder rauskam, wusste er wahrscheinlich gar nicht mehr, wie man mit einem Kind umgeht. Und er hatte die für mich entscheidenden Jahre verpasst.

Ihr Drehbuchschreiber Ronald Harwood sagt: "Wenn Roman über seine Vergangenheit redet, hat man das Gefühl, er redet über einen anderen."

Haben Sie nicht auch das Gefühl, von einem Fremden zu erzählen, wenn Sie Ihre Jugend beschreiben? Ihre nächste Frage ist bestimmt, ob mich die Nazis um meine Kindheit betrogen haben. Aber betrogen hat mich immer nur die Presse. Und dann werden Sie garantiert noch fragen, ob ich Filme drehe, weil ich mich jahrelang unsichtbar machen musste. Statt mit mir über "Oliver Twist" zu reden, führen Sie sich hier als Profiler auf. Glauben Sie mir, ich bin zu alt für so etwas. Kein Journalist, der mich zu "Oliver Twist" interviewt, kapiert die Relevanz des Themas. Auf mindestens drei Kontinenten gibt es Millionen Kinder, die Arbeitssklaven sind oder die aufgrund unsagbarer Armut kriminell werden.

In einem Statement zum "Pianisten" haben Sie behauptet: "Kunst kann Schmerz transformieren." Ist das luftige Theorie oder eigene Erfahrung?

Jetzt geht es los, dass Sie in meinen Filmen eine Selbsttherapie sehen. Falsch! Ich brauche keine Therapie, und ich habe auch nie die Versuchung gespürt, mich einer Psychoanalyse zu unterziehen. Nie! Verstehen Sie? Nie! Aber vielleicht brauchen Sie beide eine Therapie, weil Sie nicht aufhören können, mir solche philosophischen Fragen zu stellen. Mir ist diese Sorte Interview zuwider! Deshalb rede ich seit Jahren kaum noch ein Wort mit Journalisten. Ich habe schon vor langer Zeit alles gesagt, was ich zu meinem Leben zu sagen habe.

Aber jüngere Leser...

...sind Ihr Problem, nicht meins! Ich weiß, dass es an der Natur Ihres Magazins liegt, dass Sie mir solche persönlichen Fragen stellen. Es ist für mich schon unangenehm genug, mir selbst solche Fragen zu stellen. Ich tue es auch nicht. Warum sollte ich es dann für Sie tun? Mein Leben ist stabil. Ich habe Frau und Kinder, und meine Arbeit ist die Erfüllung meiner Leidenschaften.

Oliver Creutz/Sven Michaelsen / print