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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Im Namen des Fleischgerichts: Das Urteil - Die #PannemannPapers, Teil 2

Im Februar 2016 standen Micky Beisenherz und der WDR-Moderator Tobias Häusler wegen Rufschädigung vor Gericht. Eine einmalige Erfahrung. Hier lassen beide noch einmal ihre schöne Zeit Revue passieren.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz und Tobias Häusler

Micky Beisenherz vor Gericht

"Schweigen der Lämmer" statt "Lachen der Anderen": Micky Beisenherz musste sich vor Gericht verantworten

Im Februar 2016 standen Micky Beisenherz und sein Freund, der WDR-Moderator Tobias Häusler, wegen Rufschädigung und übler Nachrede vorm Landgericht. Beisenherz' Nachbar, Herr Wurstwasser*, hatte nach einer folgenschweren Namensnennung und circa zweiminütigen Amüsements über ebendiesen live auf der Antenne den WDR, Häusler und Beisenherz auf Schmerzensgeld verklagt. Eine einmalige Erfahrung für beide.
Hier lassen beide noch einmal ihre schöne Zeit vor Gericht Revue passieren.

Beisenherz: Tobias, was ich schon direkt vor dem Gerichtsgebäude an dir bewundert habe: Mit deiner Middelhoffschen Aura bist du ganz klar ein Typ für die Anklagebank. Ich hatte fest damit gerechnet, dass du jeden Moment aus dem Toilettenfenster springst und flüchtest. 
Häusler: Ich vergesse deinen ersten Blick auf meinen Anzug nicht, das arrogante Belächeln. 'Oh, der feine Häusi, wieder klamottentechnisch das große Orchester!" Das sagte ausgerechnet der Mann, der sich wohl nicht mehr umziehen konnte - nach seinem Vorsprechen für "Oliver Twist".
Beisenherz: Mir hat vor allem dein Heiratsschwindlertimbre Sorgen gemacht. Das provoziert bei Richtern ja meist qua Akustik sofort den pawlowschen Verurteilungsreflex. Ich selbst hatte mir im Vorfeld schon gedacht, dass das eng werden könnte. Meine Hamburger Kanzlei meinte zwar ganz siegessicher, dass die die Nummer flott runter gebügelt hätten, aber: Der Fall wurde im Ruhrgebiet verhandelt. Da kannst du aber schnell an den falschen Richter geraten, der nur auf so 'nen arroganten Hamburger Medienfatzke, der im Dschungelcamp regelmäßig Leute absaut, gewartet hat. Für mich war das 'ne Nummer, deutlich enger als die Schlafanzugbuxe von dem Mastdarm*. Siegessicher war ich echt nicht. Eher gespannt. Andere lassen sich in dunklen Kellern den Hintern versohlen.

Häusler: Haha. Ja. Oder wie Heiligabend mit 'nem ganz bösen Weihnachtsmann und wir Kinder sind gespannt, wie hart er dieses Jahr zuschlägt. Eine Stunde vor Verhandlung - im Café - war die Stimmung angespannt, bis du vorgeschlagen hast, ich möge dich doch auf einer Sackkarre - eingeschnürt in eine Zwangsjacke und mit Maulkorb – in den Saal schieben. Ein Service, um den Beamten später deinen Abtransport zu erleichtern. Das fand ich clever. "Schweigen der Lämmer" statt "Lachen der Anderen". Im Angesicht eines Klägers mit einem Namen wie ein Fleischgericht hättest du sogar - frei nach Anthony Hopkins - zischeln können: "Ich kann deinen Braten riechen."
Beisenherz: Hahaha, ja, sicher! Wir haben doch alle Gerichtsszenarien durchgetanzt! Ich war doch innerlich schon drauf vorbereitet, irgendwann zu schreien, dass ich den Code Red befohlen habe! "Sie können die Wahrheit doch gar nicht ertragen!" Am Ende ist das Ganze natürlich deutlich unspektakulärer. Nicht mal Geschworene. Nur ein Richter.
Häusler: Unfassbare drei Richter!
Beisenherz: Naja. Gut, diese Mitrichterin, die aussah, wie die eine von dem Ehepaar, das seit 40 Jahren im WDR kocht. Dann noch eine Art Praktikantin. Und eine Gerichtsschreiberin, die vorher extra noch beim Friseur war. Frische Tönung. Ich Ochse wiederum hatte nicht mal nen Anzug an. Aber 'n Hemd! Immerhin. Ich wollte mich wohl nicht übertrieben zivilisiert geben. Das hätte verlogen gewirkt.
Häusler: Natürlich war das ein Anzugtermin. Du hattest genug Zeit für diese Erkenntnis: die Schlange vor der Sicherheitsschleuse war ja unglaublich lang. 'Höchstens zwei Sterne bei Yelp', meintest du. "Geile Location, aber kranke Türpolitik", kommentierte ich. Gelacht hat niemand.
Beisenherz: Doch. Ich. Ey, ich hatte so Angst, plötzlich im Gerichtssaal lachen zu müssen. Ehrlich. Stell dir mal vor, die hätten die Klageschrift nochmal vorgelesen! Allein die Passage mit der verbeulten Schlafanzughose und dem alten, röchelnden Mann! Du bist in der Situation ja auch schlagartig wieder 15. Sitzt da, wie Ratz und Rübe, die zum Rektor gerufen werden. Ganz unwürdig. Du bist plötzlich kein Erwachsener mehr.
Häusler: Ich hab erst heimlich 'n Foto von dir gemacht - schick ich dir noch - und mich dann auf den Anwalt der Gegenseite konzentriert. Das half.
Beisenherz: Himmel, ja. Der tat mir so herrlich leid. Kennst du noch diesen hageren US- Schauspieler? DJ Qualls! Der hatte in 'Road Trip' mitgespielt und wurde da von ner dicken Schwarzen flachgelegt. Circa 28 Kilo Winkeladvokatur. Sein Leitz-Ordner war schwerer als der! Mit dem hatten wir uns vor dem Saal noch ganz nett unterhalten. Ich hatte dem so gegönnt, dass er den Fall gewinnt. Er wirkte so dauergeschubst. Netter Kerl.
Häusler: Immerhin hast du den Anwalt der Gegenseite früher kennengelernt, als deine eigene.

Beisenherz: Das ist richtig, ja. Meine eigentliche Anwältin musste zur Fortbildung und hat Ersatz organisiert. Sie wollte beim 1:7 vermutlich nicht selber auf dem Platz stehen, denke ich.

Häusler: Ich hab mich richtig erschrocken, als deine Junganwältin da auftauchte, Ende 20 vielleicht. Und dann zückt sie die Visitenkarten mit den Worten: "Heute morgen erst geschickt bekommen, nehmen Sie ein paar. Aufregend alles." Da war mir klar: Die behalten dich hier, ich werde dich nie mehr wiedersehen.
Beisenherz: Ich war noch viel erstaunter, als ich Frau Labskaus* sah. Die hatte plötzlich graue Haare! Seit ich die kenne, hat die rotbraune Haare. Plötzlich ist die grau! Wie, um das Leid, das ich über sie und ihren Mann gebracht habe, visuell darzulegen. Die komplette Lebensminderleistung sollte mir angehängt werden!
Häusler: Du hattest sie nur an ihrem fußmattengrauen Teint erkannt, oder?
Beisenherz: Wirklich! Absurd, echt. Die haben ja in einem weiteren Schreiben dargelegt, welch unsägliche körperlichen Qualen ich ihnen bereitet habe. Er speziell hat seit der Show Schlafstörungen, schwere Darmträgheit und eine - Zitat!- "fünfmarkstückgroße Neurodermitis auf der Brust." Tendenz: wachsend. Wie gefährlich das wohl in Euros ist? Nochmal: Wir reden von einer zweiminütigen Passage bei WDR2. Ohne eine einzige echte Beleidigung.
Häusler: Jetzt lachen wir. Im Saal waren wir still wie seit Jahrzehnten nicht. "Wo soll ich denn sitzen?“ Das war deine erste Frage im Saal. Wie schockiert dich alle ansahen! Der Mann mit Bart sprach unaufgefordert. Einfach so. Vor einem Landgericht. Der Laserblick des Richters. Das Ringen um Fassung. Er in Zeitlupe: "Wer. sind. Sie. denn. überhaupt?" Mein Anwalt hauchte: "Setzen Sie sich einfach nur hin! Bitte!" Kurz gesagt: Das Eis war gebrochen. Was doof ist, wenn man draufsteht.
Beisenherz: In dem Moment fühlte ich mich wie O.J. Simpson. Nur schuldig, halt. Für Dosenwurst* muss es eine innere Bukkake-Party gewesen sein. So demütig hat er mich nie gesehen.
Häusler: Übrigens kenne ich bis heute den Kläger nicht von vorn, sondern nur von der Seite. Er hatte ja sich so gesetzt, dass er zwar aus dem Fenster sehen konnte, nicht aber uns Beklagte. Fast wäre ich aufgestanden, um den Rentner aufzuklären, dass wir uns weiter links im Raum befinden. Falls er Interesse habe. Naja. Bis heute kenne ich in jedem Sinne nur seine Schattenseite.

Beisenherz: Er besteht ja auch nur aus Schattenseite. Ich war überrascht von seiner Versteinerung. Da war irgendwie nix. Kein Furor, kein Hass. Dafür fand mich der Richter so richtig klasse. Und die Justizschergen neben ihm. Diese menschliche Kühlkette. Mein Hochzeits-DJ-Charme war komplett wirkungslos.

Häusler: Nach Minuten des Schweigens diktierte der ins Protokoll, "M", (ich, der Moderator) hätte sich die Aussagen des "Beklagten zu 1" - so nenn ich dich ja heute noch - "nicht zu eigen" gemacht. Daraufhin ließen sich alle Vertreter des WDR auf die Rückenlehne ihrer Stühle fallen. Ich war ja damit raus aus der Nummer. Meine Aufgabe war jetzt nur noch, neben dir zu sitzen und dir was zuzumurmeln. Was ich auch tat. Mantraartig. "Bleib ruhig." "Sag nichts." Es fiel dir schwer.
Beisenherz: Ich wusste ja auch nicht, wo ich gerade stehe! Der Puls ging rauf und runter. Diese HefterausKlassenarbeits-Atmosphäre. Wenn dich der Richter erstmal spüren lässt, dass er das alles persönlich richtig dämlich findet, kannste schlecht schon das Victory-Zeichen machen. Der Judge wurde ja noch richtig sauer, als meine Anwältin den Fall so verkaufen wollte, als hätte ich lediglich EINMAL seinen Namen genannt. Ich mein, es lag ja eine offenkundige Beömmelungsabsicht vor.
Häusler: Sicher, aber eben ohne jeden Gag über seinen Namen! Immer wieder haben sich die Richter dann zurückgezogen, weil sie dir zwar einen abartigen Humor bescheinigten, aber... tja... Ich hab dich noch nie so schweigsam erlebt und habe die Zeit genutzt, um alle Anwälte gemeinsam ausrechnen zu lassen, zu welchem Kurs du dich gerade rauskaufen kannst. Das ging bei 14.000 Euro los, dann hieß es Nulltarif, dann waren es plötzlich 3000, dann wieder 9000. Vor Gericht und auf hoher See... Ich hatte die Papiertüte für meinen seekranken Oliver Twist schon in der Hand.
Beisenherz: Ohne eine öffentliche Bewertung der Kanzlerin ist eine Schmähung ohnehin wertlos, finde ich.
Häusler: Zum Glück hast du das mit der Uhr gelassen.
Beisenherz: Ach, jau. Ich wollte erst die Armbanduhr abnehmen und sagen: "14.000? So, komm, das dürfte für alles reichen, denk ich. Von dem Rest streicht den Bumms mal hier neu und kauft ein paar schöne Stühle. Ist ja nix fürs Auge hier." Hab ich dann aber gelassen. Hätte unsympathisch gewirkt.
Häusler: Hätte sicher nichts verschlimmert. Tapfer fand ich deine Einschätzung, dass du eigentlich bereit bist, jeden Betrag zu zahlen, solang "der" keinen Cent persönlich davon hat. Ich verstand dich echt nach nur einer Stunde Seitenansicht.
Beisenherz: Als der Richter den Satz anfing mit "Ich kann nicht erkennen, wo hier ein niveauvoller Komiker am Werk gewesen sein soll", war mir klar: Die 14.000 Euro sind weg. Das geht hier gerade richtig in die Buxe. Dann aber machte er weiter mit ".... dennoch sehe ich nicht, wo auf Grundlage dieses Schreibens einem Antrag auf Schadensersatz stattgegeben werden sollte." Plötzlich war ich wieder im Rennen! Justitia, du geile Sau. Was für ein Wellental...
Häusler: Dein Auftritt kam gegen Ende.
Beisenherz: Du meinst die verlangte Entschuldigung? Das fiel mir ja wirklich leicht.
Häusler: Wir hatten im Café morgens noch den Satz gebaut, der so viel Entschuldigung enthielt wie... Ich sag mal, der Fruchtanteil in einer Capri-Sonne ist höher.
Beisenherz: Ich habe mit dieser Entschuldigung den Konjunktiv III erfunden. In etwa so: "Sollte Herrn Pressfleisch* im Zuge der Ausstrahlung dieser Sendung Unwohlsein oder körperlicher Schaden entstanden sein, dann täte mir das natürlich sehr, sehr leid." Mit der Formulierung hätte ich sogar Ken Jebsen TTIP unterschreiben lassen können. Ein Meisterwerk der Etwaigkeit. So dermaßen dünn. Eine Art Entschuldigungs-Schorle.
Häusler: Waren aber alle zufrieden. Du hast aus gutem Willen deine Anwaltskosten selbst übernommen, und der Kläger muss die Verfahrenskosten und den Rest zahlen. 12.000 Euro. Plus 4 Euro für mein Parkhaus übrigens. Kein Witz.
Beisenherz: Jetzt haben die von seiner Rechtschutzversicherung die fünfmarkstückgroße Neurodermitis auf der Brust. Da dürfte jetzt Feierabend sein.
Häusler: Ich hatte deinen Anteil mit den Anwaltskosten schnell ausgerechnet: 1900 Euro sind viel Geld. Aber wenn du diese wunderbare Erinnerung jetzt 40 Jahre lang erzählst, zahlst Du dafür nur 13 Cent am Tag. Noch weniger wird's, wenn du darüber bei stern.de schreibst, witzelte ich. Wohlwissend, dass die das im Leben nicht veröffentlichen werden.
Beisenherz: So bekloppt werden die nicht sein, nein.
Häusler: Als klar war, dass sie keine Handhabe gegen dich haben, hat der Anwalt der Gegenseite dir ja noch hilfreiche Tipps gegeben.
Beisenherz: Scheiße, ja! Stimmt! Der hat an meinen guten Willen appelliert. Ich könnte ja, wenn ich wollte, den Namen seines Mandanten ab sofort überall einbauen. In Kochsendungen oder so. Und sie könnten nix dagegen tun. Wenn einen der Anwalt der Gegenseite so konkret animiert, ist das schon etwas verstörend.
Häusler: Das war doch 'ne Falle. Im Ordner war jedenfalls noch Platz. Aber auch wenn wir jetzt klingen wie Opfer und Retter am Ende einer Folge "Notruf": Der Unfall hat uns noch enger zusammengeschweißt. Unsere Familien sind gute Freunde geworden.
Beisenherz: Die großen Kriminalfälle Deutschlands. Zurwehme, Heidemörder, Honka. Heinz Strunk wird ein Buch über mich schreiben. Naja, vielleicht wenigstens Akif Pirincci.
Häusler: Wie hieß es immer im Sendungsprotokoll über mich, über "M", den Moderator? "M lacht." Und M lacht echt bis heute. Ich glaube, soviel hatte M in 50 Jahren Bond nicht zu lachen. Beisi, mein Beklagter zu 1, machen wir doch dieses Jahr bei meinen Nachbarn weiter. Meine heißen leider nur Sporenberg. Aber dir fällt sicher was ein.
Beisenherz: Sicher. Erstmal muss ich aber gucken, wie ich meine Wohnung über Katenkeule* untervermietet kriege. Ich schwanke gerade zwischen achtköpfiger Flüchtlingsfamilie und Cracklabor. Vielleicht reicht aber auch Ben Becker.
(M lacht)


Tobias Häusler, Jahrgang 1980, ist Moderator im WDR Fernsehen und trat im Radio die Nachfolge von Christine Westermann im "WDR 2 MonTalk" an. Micky Beisenherz war am Abend des 6. Dezember 2014 der erste Gast seiner Show, den sich Häusler selbst gewünscht hatte. Seitdem lädt wieder ausschließlich die Redaktion ein.

*Name von der Redaktion verändert. Intern aber bekannt und mit entsprechender Einnässung zur Kenntnis genommen.