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Serienschule: Geschichtenerzähler für Couchpotatoes

Ob "Marienhof" oder "Verliebt in Berlin" - Serien, die schnell und billig produziert werden, stehen hoch im Kurs bei TV-Produzenten und Zuschauern. In Potsdam gibt es jetzt eine Schule für Serienschreiber.

Ob Cora gute oder schlechte Zeiten erlebt, Julia Wege zum Glück sucht oder Lisa verliebt in Berlin ist - alle Heldinnen täglicher oder wöchentlicher TV-Serien gieren nach stets neuen Erlebnissen. Zuständig für den Verlauf der Seifenopern sind ganze Teams so genannter Storyliner, die ständig am Fortgang der Endlosgeschichten schreiben. Die erste deutsche Schule für professionelle "Geschichtenerfinder" mit Spezialisierung Serie hat am Dienstag in Potsdam-Babelsberg eröffnet. Nicht zufällig befindet sich die Ausbildungsstätte genau gegenüber dem Studio Babelsberg, wo sich eine der größten Fabriken für industrielle TV-Produktion in Deutschland befindet.

Storylining hat nichts mit klassischen Drehbuchschreiben zu tun

Täglich dreht die Firma Grundy-UFA dort in schlichten Hallen neue Episoden ihrer Serien "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Unter uns" (beide RTL) oder "Julia - Wege zum Glück" (ZDF). Auch "Verbotene Liebe" (ARD) und "Verliebt in Berlin" (Sat.1) kommen vom größten deutschen Seifenopern-Hersteller. Weil der Bedarf an Schreibern im eigenen Haus so groß ist, hat Grundy-UFA nun die Schule eröffnet. "Storylining ist nicht mit dem Drehbuchschreiben für einen Spielfilm zu vergleichen", sagt Schulleiterin Anja Weber, selbst jahrelang Chefautorin und Dramaturgin bei Grundy-UFA. "Wir suchen Geschichtenerzähler, die neben dem Schreibtalent auch Teamgeist und starke Nerven mitbringen."

Schicksale, Romantik und Tränen am Fließband

Die Herausforderung sei, unter Zeitdruck eine spannende, plausible, gut funktionierende Geschichte zu entwickeln, die mit relativ geringen Kosten auch technisch zu realisieren sei. "Die Drehzeit ist äußerst knapp. Pro Szene haben die Produktionsteams im Schnitt nur zwanzig Minuten Zeit", erläutert Weber. Bei den meisten Serien müssen fünf mal pro Woche je 45 Minuten Sendezeit gefüllt werden, entsprechend schnell muss auch die Geschichte fortgeschrieben werden. Dabei entwickeln die Storyliner in Teamarbeit Woche für Woche Handlungsabläufe, aus denen andere Autoren danach erst die Dialoge schreiben. Die Storyliner stehen also am Anfang des Fließbandes in der Fabrik für Schicksale, Romantik und Tränen.

Nachfrage nach Stoff ist ungebrochen

Grundy-UFA-Geschäftsführer Jan-Pelgrom de Haas sieht genügend Platz auf dem Arbeitsmarkt für gute Geschichtenschreiber. "Die Nachfrage nach seriellen Fernsehformaten ist bei den Sendern ungebrochen. Entsprechend wächst auch der Bedarf an qualifizierten Autoren", sagt er. Wenn sich an der aktuellen Auftragslage nichts ändere, hätten die ersten 16 Schüler der Ausbildungsstätte gute Chancen, von der Produktionsfirma übernommen zu werden. "Die Absolventen werden mit ihrer neuen Kompetenz ohnehin beliebte Kandidaten auf dem Fernsehmarkt sein", ist er überzeugt.

Improvisationstalent bei Quereinsteigern gefragt

Mit ihrem Angebot wendet sich die Schule an Gelegenheitsautoren, Journalisten und talentierte Quereinsteiger. "Man sollte Abitur haben und mindestens 25 Jahre alt sein", sagt Leiterin Weber. Interessenten müssen zunächst eine Aufnahmeprüfung ablegen. Die Ausbildung selbst beginnt dann mit einer zweiwöchigen Theoriephase. Weber zufolge stehen Fächer wie Dramaturgie täglicher Serien, Serien anderer Länder sowie soziologische Aspekte täglicher Serien auf dem Plan. Die restlichen drei Monate lernen die Auszubildenden die Praxis kennen und schreiben an Grundy-UFA-Serien mit.

Am Ende steht eine umfangreiche Prüfung. Auf alles freilich kann auch die Ausbildung die künftigen Autoren der Seifenopern nicht vorbereiten. Albtraum eines jeden Serienschreibers sei es, wenn plötzlich mehrere Darsteller einer Produktion für längere Zeit ausfallen. "Für das Team heißt das, alle Geschichten mit diesen Charakteren müssen neu geschrieben werden", erläutert Weber. Zusätzlich freilich muss auch die aktuelle Handlung fortgeführt werden - sonst würde die Serienproduktion still stehen.

Sven Kästner /AP / AP